Tennis

Die Zverevs haben viel Rückenwind

Mischa gewinnt sein erstes ATP-Tour, Alexander ist endlich wieder fit – das macht beiden Mut für Wimbledon.

Optimistisch für Wimbledon: Alexander (l.) und Mischa Zverev

Optimistisch für Wimbledon: Alexander (l.) und Mischa Zverev

Foto: dpa Picture-Alliance / Nancy Kaszerman / picture alliance / ZUMAPRESS.com

London.  Die Stimme stockte, feucht wurden die Augen, aber wer wollte Mischa Zverev das verdenken? Er hatte ja bislang noch nie die Chance gehabt, eine Dankesrede nach einem Turniersieg unter realen Bedingungen zu proben. Deshalb nahm der Hamburger Tennisprofi seine kurze Unpässlichkeit mit einem Lächeln und scherzte, nachdem er sich bei seiner auf der Tribüne sitzenden Ehefrau Jewgenia bedankt hatte, dass er nun ungefähr wisse, wie sich Roger Federer nach seinem 20. Grand-Slam-Triumph gefühlt haben muss.

Die Sympathien des britischen Publikums hatte der 30-Jährige, der am Sonnabend beim Rasenturnier im englischen Eastbourne seinen ersten Titel auf der ATP-Tour gewann, nicht erst dank seiner Rhetorikkünste gewonnen. Das 6:4, 6:4 nach 97 Finalminuten gegen den Slowaken Lukas Lacko war der Abschluss einer Woche gewesen, in der der Ältere der Zverev-Brüder unterstrichen hatte, warum sein Serve-and-Volley-Spiel auf Rasen besonders gut funktioniert. „Als ich die Auslosung sah und merkte, dass ich der einzige Serve-and-Volley-Spezialist im Feld war, wusste ich: Das ist meine Chance“, sagte der 67. der Weltrangliste, der von Montag an in den Top 50 geführt werden wird.

Anders als Kerber haben nun beide leichte Auftaktgegner

Durch den Triumph bei der Generalprobe für Wimbledon steigt der in Moskau geborene Routinier zwar nicht zum Mitfavoriten beim dritten Grand-Slam-Turnier des Jahres auf, das an diesem Montag in London startet (live bei Sky). Aber sein Erstrundenmatch gegen den Franzosen Pierre-Hugues Herbert (27/Nr. 75) dürfte am Dienstag durchaus noch ein paar mehr Menschen interessieren als üblich. Schon im vergangenen Jahr hatte Mischa Zverev an der Church Road für Aufsehen gesorgt, auch wenn er sein Drittrundenmatch gegen den späteren Champion Federer dann glatt mit 6:7, 4:6, 4:6 verlor. Nun freut er sich sehr auf die Rückkehr. „Es ist ein tolles Gefühl, den ersten Titel gewonnen zu haben. Das gibt mir viel Rückenwind für Wimbledon“, sagte er.

Alexander Zverev zählt zu Favoriten

Zu den vielen Gratulanten, die dem früheren Daviscupspieler den so lange ersehnten Triumph gönnten, gehörte selbstredend auch Bruder Alexander. Der Weltranglistendritte zählt in Wimbledon zu den Mitfavoriten auf den Titel. Der 21-Jährige, der seinen Anfang Juni bei den French Open in Paris erlittenen Muskelanriss im linken Oberschenkel vollends auskuriert hat, hatte dem Älteren acht Turniersiege voraus, darunter drei in der Masterskategorie. „Es gibt niemanden, der einen Titel so sehr verdient hat wie Mischa“, sagte er in einer Pressekonferenz in Wimbledon, während das Finale noch lief. Die Zverevs sind nun das erste Bruderpaar seit den US-Amerikanern John und Patrick McEnroe, das zu seiner aktiven Zeit ATP-Einzeltitel gewinnen konnte.

Trotz Altersunterschied haben die Zverev-Brüder ein inniges Verhältnis

Quasi seit jeher sind sie Trainingspartner, dienen sich gegenseitig als Vorbild, sind Doppelkollegen, Reisegefährten und vor allem: enge Freunde. In ihrer Wahlheimat Monte Carlo wohnen sie Tür an Tür. Auf dem Platz regiert aber der Ehrgeiz. „Im Training geht es zu wie in einem Wimbledon-Halbfinale“, erzählte Mischa: „Manchmal sagt er, du betrügst, ich sage, du betrügst, das geht hin und her. Mein Papa verlässt den Platz. Meine Mutter geht mit dem Hund spazieren. Das ist nicht immer schön für sie.“

Verletzung ist auskuriert

Natürlich hat Alexander auch weiterhin die größeren Ambitionen und Möglichkeiten. „Mein Ziel ist es, irgendwann dieses Turnier zu gewinnen. Ob das dieses Jahr, nächstes Jahr oder in ein paar Jahren ist“, sagte er in London: „Ich bin niemand, der sagt, das Viertelfinale oder das Halbfinale ist gut genug.“ Keine Sorgen macht sich der junge Zverev wegen seiner im Viertelfinale der French Open Anfang Juni erlittenen Oberschenkelverletzung. „Ich fühle mich gut“, sagte der an Nummer vier gesetzte Hamburger, der am Dienstag in Runde eins auf den Australier James Duckworth (Nummer 752 der Welt) trifft. Eine MRT-Untersuchung in London habe noch einmal bestätigt, dass der vier Zentimeter lange Muskelriss vollständig verheilt ist. Sein unerwartetes Erstrunden-Aus beim Vorbereitungsturnier in Halle/Westefalen und die dadurch fehlenden Vorbereitungsspiele auf Rasen wollte Zverev deshalb auch nicht überbewerten. „Ich habe in Halle ohne Training gespielt“, erklärte der Weltranglistendritte: „Aber die letzten Einheiten waren richtig gut. Ich bin bereit.“

Wozniacki feiert Turniersieg

Im Endspiel der Frauen setzte sich die Australian-Open-Gewinnerin Caroline Wozniacki gegen die Weißrussin Aryna Sabalenka 7:5, 7:6 (7:5) durch. Damit feierte die Dänin ihren 29. Turniersieg auf der WTA-Tour. Am Freitag hatte die Weltranglistezweite beim Halbfinalsieg gegen Angelique Kerber (Kiel) immerhin einen Matchball abwehren müssen. Kerber tut die Pause aber ganz gut, sie trifft im Duell zweier ehemaliger Wimbledon-Finalistinnen gleich auf die Russin Wera Swonarewa.