WM-Aus

Der DFB wird Bundestrainer Joachim Löw nicht entlassen

Der deutsche Fußball am Boden: Nationalmannschaft hilf- und ratlos beim 0:2 gegen Südkorea. Jetzt droht ein gewaltiger Umbruch.

Joachim Löw.

Joachim Löw.

Foto: firo

Kasan. Als die Sonne langsam hinter der Kasan-Arena versank und die Dämmerung anbrach, zeigte Joachim Löw noch einmal Größe. Der Bundestrainer hatte gerade erklären müssen, was eigentlich unerklärlich ist: Dass die deutsche Nationalelf, der Weltmeister, nach einem 0:2 (0:0) gegen Südkorea im dritten Spiel als Gruppenletzter schon nach der Vorrunde aus der WM ausgeschieden ist. Das war noch nie zuvor einer deutschen Mannschaft passiert.

Löw hatte erklären müssen, wie sein Team sich so blamieren konnte. Der 58-Jährige stand von der Pressekonferenz auf, als er alles dazu gesagt hatte. Er ging zum Sprecher des Weltverbandes Fifa und legte ihm zum Abschied den Arm auf die Schulter. Danke. Und Adieu.

Heldendämmerung am 27. Juni 2018

Eine Dämmerung hatte auch die Welt erlebt an diesem 27. Juni 2018 in Kasan – eine Heldendämmerung. Das Ende einer großen deutschen Ära, die unter Löw seit Amtsantritt 2006 in sechs Turnieren stets ins Halbfinale eingezogen war und ihren Höhepunkt im WM-Triumph 2014 hatte. Nach ganz oben hatte Löw den deutschen Fußball geführt.

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Nun sind beide zusammen abgestürzt. Ob „danke, adieu“ auch die Worte sein werden, mit denen Löw auf diese historische Schmach reagiert, das ließ der Bundestrainer am Mittwochabend noch offen.

Ob er trotz seines vor der WM vorzeitig bis 2022 verlängerten Vertrages und trotz der von DFB-Präsident Reinhard Grindel unmittelbar vor dem Südkorea-Spiel gegebenen Jobgarantie zurücktreten werden, wurde Löw gefragt: „Das ist schwierig zu sagen. Ich brauche jetzt ein paar Stunden“, antwortete er. Und dann sprachen seine Lippen aus, was schon seine Augenringe verraten hatte: „Ich bin geschockt.“ Wie es weitergehe, das müsse man sehen. „Ich muss mich jetzt sammeln. Dann wird man in Ruhe sprechen“, sagte Löw. Er klang verbittert.

DFB-Präsident verlangt Analyse

Am Donnerstag fliegt die Nationalelf um 11 Uhr deutscher Zeit von Moskau zurück nach Frankfurt und hinein in eine ungewisse Zukunft. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bis dahin die Arbeit der Nacht bei Löw die Erkenntnis hervorgebracht haben wird: Es muss ein Neuanfang her. Der DFB wird Löw nicht entlassen. „Ich gehe davon aus, dass Jogi weiter macht“, sagte Nationalelf-Direktor Oliver Bierhoff nach dem WM-Aus. Löw kann sich nur selbst entlassen. Nicht unwahrscheinlich, dass er das tut. DFB-Präsident Reinhard Grindel verlangt in seiner ersten Reaktion „eine saubere Analyse“, was da passiert. Tabellenletzter in der WM-Gruppe F: Das ist für den deutschen Fußball die größte Blamage der WM-Geschichte.

Größe zeigte Löw, als er keinerlei Ausreden suchte. „Wir haben es bei diesem Turnier nicht verdient, weiterzukommen. Die Mannschaft hat die Leichtigkeit, die spielerische Klasse, die sie sonst auszeichnet, und die Dynamik, die zu Toren führt, nicht gehabt. Wir sind deshalb verdient ausgeschieden“, sagte er und beglückwünschte Schweden und Mexiko, die nach ihrer Parallelpartie gegeneinander (3:0) als Gruppenerster und -zweiter im Achtelfinale stehen. Nach einem 0:1 gegen Mexiko und einem spät errungenen 2:1 gegen Schweden war das 0:2 gegen den Weltranglisten-57. Südkorea die Konsequenz aus einem müden und selbstgefälligen Auftritt des Weltmeisters in Russland. Ihm ist widerfahren, was auch drei der vier letzten Weltmeister passiert ist: Heimreise nach nur drei Partien.

Dass es sich bei diesem kolossalen Absturz um eine Ikarus-Geschichte handelt, dass das deutsche Team zu hoch geflogen ist und sich am Glauben an die eigene Herrlichkeit verbrannte, das ließ Löw selbst durchklingen: „Vor dem Mexiko-Spiel gab es eine gewisse Selbstherrlichkeit. Dass wir auf einen Schlag den Schalter umlegen können, wenn das Turnier los geht.“ Nach dem 0:1 zum Auftakt habe sein Team alles vergeblich versucht.

Auch gegen Südkorea konnte man der Löw-Elf nicht absprechen, alles versucht zu haben. Aber eine mangelhafte Chancenverwertung sowie das Fehlen einer Spielidee führten zu einer Pleite, die zwar erst in der Nachspielzeit entstand, als Löw alles nach vorn warf. Aber sie war keinesfalls unverdient.

Die Tore von Young-Gwon Kim (90.+2 Minuten) und dem ehemaligen Leverkusener Bundesliga-Spieler Heung-Min Son (90.+6) waren nur die Pointe einer erschreckend schwachen WM insgesamt.

Kims Treffer gab Schiedsrichter Mark Geiger (USA) nach Videobeweis. Zunächst hatte er dem 0:1 die Gültigkeit wegen Abseits verwehrt. Son rannte wenig später allein aufs Tor zu, als Schlussmann Manuel Neuer vorn die Katastrophe abzuwenden versuchte.

Löw hatte zu dieser Partie erstmals seit acht Jahren bei einem WM-Spiel fünf Wechsel vorgenommen. Erstmals überhaupt seit seinem Länderspieldebüt 2010 musste Thomas Müller bei einem WM-Turnier auf der Bank Platz nehmen. „Thomas war nicht so gut in den ersten beiden Spielen. Ich wollte einen Impuls geben.“ Er blieb aus.

Auch die Wiederhereinnahme der gegen Schweden nicht berücksichtigten Sami Khedira und Mesut Özil brachte nichts. 19 von 20 Feldspielern hatte Löw in den drei Spielen eingesetzt. Nie hat sich seine Elf gefunden. Der Kompass, der ihn stets ins Halbfinale geführt hatte, ist Löw abhanden gekommen.

Wie Italien 2010 und Spanien 2014

Ob er befürchte, dass eine dunkle Zeit für den deutschen Fußball anbrechen werde, war die letzte Frage an Löw. „Das denke ich nicht. Wir waren die konstanteste Mannschaft der letzten zehn, zwölf Jahre. Jetzt hat es uns getroffen. Aber wir haben junge Spieler, die sehr talentiert sind“, sagte er. Eine solche Heldendämmerung sei anderen Nationen auch schon passiert – Frankreich 2002, Italien 2010, Spanien 2014. „Daraus muss man die richtige Schlüsse ziehen und es in Zukunft wieder besser machen.“ Die Frage ist nur, ob auch mit Joachim Löw.