Moskau

Watutinki ist das neue Campo Bahia

Das lauschige Flair des brasilianischen Strandes fehlt im russischen Wald, aber die Arbeitsbedingungen stimmen

Moskau. Die beiden Polizisten hinter dem verschlossenen Tor scheinen keine Freunde des gesunden Kompromisses zu sein. „Stopp!“, brummt der eine auf Russisch, als sich eine interessierte Dreiergruppe dem schwarzen Tor nähert. „Kein Durchgang! Keine Fotos! Keine Fragen!“, ergänzt der andere freundlich, aber bestimmt.

Hier also muss es sein, das „Watutinki Hotel Spa Complex“, die neue Wahlheimat der deutschen Nationalmannschaft. Heute Nachmittag um 17.10 Uhr Ortszeit reist der DFB-Tross am nahegelegenen Flughafen Wnukowo an und wird – im Bestfall – erst am 16. Juli durch das schmiedeeiserne Tor wieder abreisen. Am Tag nach dem Finale im gerade einmal 35 Kilometer entfernten Luschniki-Stadion.

Bevor die Spieler um Trainer Joachim Löw aber ihre Zimmer in dem extra für die WM erbauten Hotelkomplex im 12.000-Einwohner-Ort Watutinki beziehen, sah sich Oliver Bierhoff noch zu einer Klarstellung veranlasst: „Wir fliegen nicht zum Urlaubmachen nach Russland“, versicherte der Nationalmannschaftsmanager, „sondern um das Turnier zu gewinnen.“

Nun denn. Tatjanas Segen hat das deutsche Team jedenfalls. Die 45-Jährige steht auf dem Balkon im 17. Stock ihres Wohnhauses und schaut auf den dichten Tannen-, Birken- und Kastanienwald, in dem sich irgendwo im Nirgendwo unter ihr das DFB-Hotel ver-steckt. „Das ist doch toll, dass die Deutschen in unser Watutinki kommen“, sagt die Kinderkrankenschwester. Von Fußball habe sie zwar keine Ahnung, ihr Sohn und ihr Mann Sergej dafür aber umso mehr. „Sergej hat gesagt, dass die Deutschen gut sind“, sagt Tatjana, die aber einen anderen Turnierfavoriten hat: „Russland. Natürlich Russland.“

Ruhe gibt es reichlich im deutschen WM-Quartier

Wichtiger als das Turniergeschehen ist für die stolze Russin aber etwas ganz anderes: „Kurz nachdem die Entschei-dung gefallen war, dass die Deutschen hierherkommen, wurde hier in der Nachbarschaft alles schick gemacht“, erzählt Tatjana. Neue Bürgersteige, neue Straßenbeleuchtung, neue Spielplätze. Es gibt sogar einen eigenen Stadtteil, den sie hier nicht ohne Stolz Neu-Watutinki nennen. Hier stehen neben der sechsspurigen Schnellstraße in Richtung des 50 Autominuten entfernten Zentrums von Moskau 17-stöckige Hochhäuser wie überdimensionale Bauklötze in Reih und Glied.

Von all dem werden Manuel Neuer, Thomas Müller und Mesut Özil aber wenig oder eher gar nichts mitbekommen. Ihre Nobelherberge mit 72 Zimmern, Schwimmbad, gerade erst aufgepepptem Tennis- und Beachvolleyballplatz dürfte das bestbewachte Turnierquartier aller Zeiten werden. Mehrere Sicherheitsringe umrunden das exquisite Hotel, das allerdings wenig vom Charme des schon jetzt legendären Campo Bahia von vor vier Jahren hat. „Russland ist nicht Brasilien. Aber schön ist es hier trotzdem“, sagt einer, der noch bis zum Donnerstag auf der anderen Seite des Zauns wohnt. Rainer Ernst, der DFB-Rasenchef, ist am Sonnabend angereist, um sich rechtzeitig vor der Ankunft des Teams von der Unversehrtheit des fünf Autominuten entfernten Trainingsplatzes, der dem Armeeklub ZSKA gehört, zu überzeugen. Sein Fazit: „Beste Bedingungen!“

Ein blauer Sichtschutz verhindert neugierige Blicke von Reportern. An-sonsten auch hier: Viel Zaun, viel Polizei und drumherum – viel nichts. Lediglich ein kleiner Container, in dem Snacks, Wein, Wasser und vor allem Kwas, eine Art alkoholfreies Brotbier, angeboten werden, erinnert daran, dass es in dieser Gegend auch Menschen gibt. „Ich habe gehört, dass ganz viele Journalisten aus Deutschland kommen werden“, sagt Nyrjan aufgeregt. „Die Deutschen mögen doch Bier. Ihnen wird auch unser Kwas sicher gut schmecken.“ Seit zehn Jahren betreibt die kleine Frau mit dem blauen Kopftuch den Kiosk-Container. Und so ein Tohuwabohu wie gerade hat sie in dieser verlassenen Gegend noch nie erlebt. Letztens, erzählt die 37 Jahre alte Frau aus der Teilrepublik Dagestan, seien sogar ein paar Inspektoren aus der Stadt gekommen, hätten in ihrem Kiosk alles kontrolliert und lediglich angemahnt, dass sie für die Gäste kühleres Wasser im Angebot haben müsste.

Dass das Quartier eher eine Ver-nunft- als eine Liebesentscheidung der DFB-Verantwortlichen war, stört hier niemanden. Genauso wenig wie die Ge-rüchte, dass Bundestrainer Löw viel lieber in dem entspannten Badeort Sotschi abgestiegen wäre. „In Sotschi kann man vielleicht besser Urlaub machen. Hier kann man besser arbeiten“, sagt Alexander. Der schlaksige Teenager steht zusammen mit drei Kumpels auf einem Mini-Fußballplatz nur wenige Freistöße vom umzäunten Campo Watutinki entfernt und drischt einen Ball ins Tor.

Seine Lieblingsspieler bei den Deutschen überraschen: Leroy Sané. Und Liverpools Unglücksrabe Loris Karius. Die beiden Englandlegionäre wird Alexander in Watutinki nicht treffen – dafür hat Löw gesorgt. Doch auch die nominierten Profis wird der Nachwuchskicker kaum sehen. Dafür werden die beiden Sicherheitskräfte schon sorgen. Denn spätestens ab diesem Dienstag heißt es hier noch deutlicher als ohnehin schon: Kein Durchgang. Keine Fotos. Und schon gar keine Fragen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.