Paris

Die Verwandlungskünstlerin

French-Open-Finalistin Sloane Stephens fällt immer wieder auf – vor allem wegen ihrer wechselhaften Launen

Paris. Kürzlich, beim WTA-Turnier in Nürnberg, war mal wieder die unangenehme Sloane Stephens (25) zu erleben. Auf den letzten Drücker hatte die amtierende US-Open-Königin eine Wild Card bekommen, nun sollte sie vor ihrem ersten Match ein wenig harmlose Werbung für den liebevoll veranstalteten Wettbewerb im Frankenland machen. Aber Stephens war schlecht gelaunt, und sie tat auch nichts, um diese schlechte Laune zu verbergen. Sie antwortete schnippisch, einsilbig, gelangweilt. Kein freundliches Wort kam ihr über die Lippen, es war ein peinliches, unprofessionelles Gespräch, an Lustlosigkeit kaum zu überbieten. Der Auftritt ihrer topgesetzten Spielerin war auch Turnierdirektorin Sandra Reichel hinterher ein Rätsel: „Das war ja jetzt nicht so nett.“

Sloane Stephens, die Überraschungsfinalistin der French Open und heute Gegnerin der Weltranglistenersten Simona Halep (15 Uhr, Eurosport), ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Auf und neben dem Tennisplatz. Sie schwankt zwischen Glanz und Elend im Nomadenbetrieb der Profis, und auch, wenn sie nicht auf einem der großen Center-Courts steht, weiß man nie so recht, was und wer im nächsten Augenblick zu erwarten ist: Der Charmebolzen Stephens, der von einnehmender Natur ist, unterhaltsam, witzig, klug im Vortrag. Oder Miss Hochnäsig, immer hart an der Grenze zur Arroganz und Blasiertheit, im Kolleginnenkreis bekannt für großspurige Worte. Einst hatte sie mal als nächster großer amerikanischer Superstar gegolten, noch in ihren Teenagerjahren, doch dann stürzte sie nach einem viel versprechenden Halbfinalvorstoß bei den Australian Open 2013 gewaltig ab. Stephens hatte nur noch große Worte gemacht, aber keine Taten mehr folgen lassen. Sie schien, wie die amerikanische Legende Chris Evert sagte, „weg vom Fenster“ zu sein.

Aber wer kann im Frauentennis dieser Tage auch nur halbwegs Zuverlässiges vorhersagen. Vor den großen Turnieren versichern sich die meisten Fachbeobachter inzwischen nur einer Tatsache: Zu wissen, dass sie nichts wissen. Das galt auch für das letzte Jahr, speziell für Stephens. Sie war eine noch größere Sensationsgewinnerin auf einer der großen Major-Bühnen als andere Himmelsstürmerinnen, etwa die 2017-Siegerin bei den French Open, Jelena Ostapenko. Die unbekannte 19 Jahre alte Ukrainerin lag im Pariser Finale mit 4:6 und 0:3 gegen Simona Halep zurück, und dann drehte sie den Plot um, als wäre es die selbstverständlichste Übung.

Im August 2017 stand sie auf Weltranglistenplatz 957

Aber dann kam Stephens und ihr New Yorker Märchen. Sie war 2016 monatelang verletzt und Anfang 2017, noch am 18. April des Vorjahres wurde sie am rechten Fuß operiert. Sie fiel in der Weltrangliste zurück, Anfang August 2017 stand sie auf Platz 957. Und Anfang September war sie auf einmal US-Open-Siegerin, vielleicht die unwahrscheinlichste in der Turnierhistorie.

Stephens fällt nicht nur durch ihre extremen Launen auf, sondern auch als Stimmungsspielerin. Bei den triumphalen US Open konnte die gut gelaunte, prächtig aufspielende Mittzwanzigerin nichts und niemand bremsen, auch nicht hochkarätige Konkurrenz wie Venus Williams, Julia Görges oder im Finale Madison Keys. Aber nach dem Pokalcoup war es mit der Herrlichkeit schnell vorbei, nicht nur wegen neu auftretender Knieprobleme. Stephens verlor monatelang jedes Spiel, zu dem sie auf den Platz schritt, 151 Tage lang blieb sie ohne Erfolg. Die Berg- und Talfahrt war mehr als atemberaubend, es schien, als verschwinde Stephens wieder in der Versenkung nach dem einen großen Augenblick des Ruhms.

Jetzt, zu den French Open kam sie indes nicht ganz ohne Selbstvertrauen. Im März gewann sie das Turnier in Miami, schlug danach in einem Fed-Cup-Länderduell die Französinnen Kiki Mladenovic und Pauline Parmentier im Sand. Bei den Turnieren in Madrid und Rom erreichte sie das Achtelfinale, aber deswegen hatte sie noch niemand auf der Rechnung für Roland Garros, für das Gipfeltreffen zum Abschluss der jährlichen Rutschübungen. „Sie kam fast wieder aus dem Nichts“, sagt Superstar Martina Navratilova.

So, wie sie dann auftrat in sechs Turnierrunden bis zum Finaleinzug, war dieser Knalleffekt aber fast schon wieder logisch. Stephens lief als Grand-Slam-Schachspielerin zur Höchstform auf, eiskalt bei der Entwicklung ihrer Strategie und ihrer Züge, ausgestattet mit dem perfekten Gefühl für Raum und Zeit. Alles wirkte selbstverständlich bei ihr, der „Zen-Meisterin“ („New Yorker“) auf dem roten Platz. Auch Halep, die grimmige Kämpferin, könnte an ihr verzweifeln, an ihrer fabelhaften Unerschütterlichkeit. An der Verwandlungskünstlerin Sloane Stephens.