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Schöner wird’s nicht mehr in Madrid

Zinédine Zidanes Rücktritt ist ein Misstrauensvotum gegen Real Madrid. Wer die Nachfolge des Franzosen antreten könnte, ist offen.

Zinedine Zidane ist nicht mehr Trainer von Real Madrid

Zinedine Zidane ist nicht mehr Trainer von Real Madrid

Foto: Christian Charisius / dpa

Madrid/Barcelona.  Zinédine Zidane war immer ein Künstler. Als Spieler sowieso, aber auch als Trainer gelang es ihm stets, einen Rest von Mysterium zu bewahren. Sein fulminanter Abgang von Real Madrid gestern brachte das Werk insofern zu einem würdigen Abschluss. Zidane erklärte vieles zu einem Rücktritt, der den ganzen Verein so „überrascht“ und „geschockt“ zurückließ wie Präsident Florentino Pérez bei der Verkündung neben ihm. Aber manches sagte der 45-Jährige auch nicht. Vor allem den Zeitpunkt seiner Entscheidung wollte er nicht verraten, und so begannen sich Fans und Medien bald zu fragen, ob da einer nicht einfach nur rechtzeitig ein schlingerndes Schiff verlässt.

Seine persönlichen Gründe legte Zidane so direkt und uneitel dar, wie seine Arbeit in den vergangenen zweieinhalb Jahren gewesen ist: „Die Mannschaft braucht Veränderung, eine neue Ansprache und Arbeitsmethode. Ich sah es nicht als klar an, dass wir weiter gewinnen würden. Und wenn ich dieses Gefühl habe, dann gehe ich. Dann gebe ich nicht anderen die Schuld.“

Neun Titel in zweieinhalb Jahren

Wann hat man das einen Trainer schon mal so sagen hören? Irgendeinen Trainer? Geschweige denn einen, der gerade als erster überhaupt den wichtigsten Vereinswettbewerb zum dritten Mal in Serie gewann. Oder ist es gar nicht der wichtigste? Als besten Moment seines mit neun Titeln so unverschämt erfolgreichen Trainereinstiegs nannte Zidane die spanische Meisterschaft vergangene Saison. Als schwersten das Pokalaus dieses Jahr gegen Außenseiter Leganés. Zidane pulverisierte damit quasi die Geschichtsschreibung des eigenen Vereins, der seit Jahren mehr Europapokale als heimische Titel gewinnt und diese Saison mit 17 Punkten Rückstand in der Liga beendete. Es war einer der Momente, als Pérez neben ihm besonders bedröppelt dreinschaute.

Ein anderer war, als Zidane betonte, dass er nicht generell ausgebrannt sei. „Es ist einfach nur der richtige Zeitpunkt, hier zu gehen“, sagte er. „Ich liebe diesen Klub und möchte im Guten aufhören“. In solchen Passagen erinnerte vieles an den Abschied von Pep Guardiola, mit dem Zidane wegen der paranormalen Bedeutung als ehemaliger Spieler, Trainer und intuitiver Kenner seines Vereins bisweilen verglichen wurde. Guardiola hatte sich damals aus Barcelona mit den Worten verabschiedet, er nehme seinen Hut, „bevor wir uns gegenseitig wehtun können“.

Conte, Wenger und auch Löw sind als Nachfolger denkbar

Denn wehtun dürfte es bei Real Madrid, das scheint unausweichlich, seit am Sonnabend in der vermeintlich größten Stunde gleich zwei Stars zu quengeln begannen – stellvertretend für eine alternde und zunehmend übersättigte Mannschaft. Cristiano Ronaldo offenbarte mit seiner erneuten Abschiedsdrohung einen immer tieferen Clinch mit Pérez, derweil Edelreservist Gareth Bale direkt den Trainer attackierte. Zidane musste sich vor diesem Hintergrund fragen, ob er die Eitelkeiten und Widersprüche am Königshof auch weiter so formidabel managen würde können wie bisher. Dieses Talent aber war immer sein Erfolgsgeheimnis gewesen, die Arbeitsgrundlage eines Trainers, der erst vorige Woche von sich sagte: „Taktisch bin ich nicht der Beste.“

Womöglich braucht die Mannschaft also tatsächlich einen neuen Impuls. In den vergangenen Jahren changierte Pérez zwischen den Typen Konzeptfetischist (José Mourinho, Rafael Benítez) und Spielerversteher (Carlo Ancelotti, Zidane). Allenfalls der Italiener Antonio Conte, so er bei Chelsea tatsächlich vor dem Aus steht, passt in ersteres Muster, das jetzt wieder an der Reihe wäre. Tauchen keine überraschenden Ausstiegsklauseln auf, sind ansonsten alle Spitzenkräfte vom Markt.

Nur einer ist nicht traurig

Mauricio Pochettino, immer wieder als Real-Coach gehandelt, hat gerade für fünf Jahre bei Tottenham verlängert. Joachim Löw, von Pérez seit langem geschätzt, band sich bis 2022 an den DFB. Thomas Tuchel fängt bei Paris St. Germain an. Favorit bei den Buchmachern war gestern der zuletzt erfolglose Arsène Wenger. Auch das zeigt, wie sehr der Klub von Zidanes Rücktritt überrascht wurde.

Die größte Sportzeitung „Marca“ schrieb von einer „Tragödie“ und einem „Misstrauensvotum gegen Real Madrid“. Ronaldo, der in Zidane seinen letzten großen Fürsprecher im Klub sah, soll am Boden zerstört sein. „Es ist ein trauriger Tag“, stimmte Pérez in den Klagechor ein. Trauriger Tag? Iwo, „für mich nicht“, sagte Zidane und fügte einen seiner Lieblingssätze an: „No pasa nada“ – alles nicht so schlimm. Damit hatte er seit Jahren immer so meisterhaft alle Hysterien dieses Megaklubs entdramatisiert. Künftig muss das jemand anders tun.