Leichtathletik

Ein Bosman auf der Tartanbahn

Warum die Klage eines Italieners aus Berlin nicht nur für die Leichtathletik große Folgen haben kann.

Der Italiener Daniele Biffi

Der Italiener Daniele Biffi

Foto: Andreas Scgwarz / BM

Berlin.  Zweimal war Daniele Biffi der Konkurrenz davongelaufen. Über 200 und 400 Meter war er im März bei den Deutschen Hallenmeisterschaften der Senioren in seiner Altersklasse der Schnellste. Doch bei der Siegerehrung durfte der eigentlich Zweitplatzierte auf das oberste Treppchen und die Goldmedaille in Empfang nehmen. Biffi bekam nicht einmal eine Urkunde. Auch im Bericht über die Meisterschaften wurde seine Leistung mit keiner Silbe erwähnt. „Es war, als ob ich als Athlet gar nicht existieren würde“, sagt er. „Meine Leistung wurde einfach gelöscht.“

Daniele Biffi ist Italiener, lebt aber seit 15 Jahren in Berlin. In seiner Heimat nennen sie ihn längst den Deutschen, erzählt er – weil er so pünktlich sei. Einen deutschen Pass hat der 45-Jährige aber nie beantragt. Auch ohne das Dokument durfte Biffi für den Verein TopFit an Wettkämpfen teilnehmen, selbst an Deutschen Meisterschaften. Acht Mal wurde er deutscher Meister. Dann änderte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) Ende 2016 seine Statuten. Seitdem sind Ausländer bei nationalen Titelkämpfen nur noch außer Konkurrenz startberechtigt.

Der Berliner kann das nicht nachvollziehen. „Wenn ich in Deutschland lebe, sollte ich auch dort starten dürfen“, sagt er. Sein Anwalt Gerald Kornisch meint: „In der Europäischen Union gilt das Prinzip der Freizügigkeit. Als Europäer kann man in jedem EU-Land arbeiten oder eine Wohnung beantragen, ohne dafür die Staatsangehörigkeit wechseln zu müssen. Es ist paradox, dass das im Sport anders sein soll.“

Beide haben daher Klage vor dem Amtsgericht Darmstadt eingelegt, dem Sitz des DLV. Dieser erklärte auf Nachfrage, dass auch ein vereintes Europa nicht verlange, dass Deutsche Meisterschaften europaweit veranstaltet werden. Man habe sich mit der Frage beschäftigt, welches Ziel man mit Deutschen Meisterschaften verfolgt: die Ermittlung des besten in Deutschland Leichtathletik betreibenden Athleten oder die Ermittlung des besten deutschen Leichtathleten? „Dabei haben wir uns festgelegt, dass bei den Deutschen Meisterschaften der beste deutsche Leichtathlet ermittelt wird“, so DLV-Präsident Jürgen Kessing.

Europäischer Gerichtshof prüft etwaige Diskriminierung

Gerald Kornisch hält dagegen: „Der DLV ist kein Verband nur der deutschen Athleten, sondern der deutschen Vereine, und da gehören auch die nicht-deutschen Mitglieder dazu.“ So sieht es auch Gerhard Janetzky, Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes: „Ich halte es für falsch, dass wir einige unserer Mitglieder diskriminieren.“ Integration laufe auch über die Teilnahme an Meisterschaften. In Berlin dürfen Ausländer regulär an den Meisterschaften teilnehmen, solange sie einen deutschen Startpass besitzen.

Der DLV hatte die Änderung des Startrechts damit begründet, dass zum einen die Geburtsdaten nicht immer eindeutig überprüfbar seien. Zum anderen sei weder der ständige Aufenthalt im DLV-Gebiet noch der mögliche Start bei Meisterschaften im Heimatland in der Praxis überprüfbar. „Das mag sein. Aber deshalb kann man nicht pauschal alle Ausländer, inklusive der EU-Ausländer, aussperren“, sagt Gerald Kornisch. Er vermutet, dass einige Disziplinen, insbesondere im Laufbereich, Druck gemacht haben, weil sie befürchteten, dass ausländische Athleten die einheimischen Athleten verdrängen und die Medaillen einheimsen könnten. Es gehe um das Prestige und wohl auch ums Geld, schließlich seien Fördermittel oftmals an vordere Platzierungen gekoppelt.

Alle Versuche, eine verbandsinterne Lösung zu erreichen, scheiterten. Die Anträge des Berliner Verbandes sowie zweier Bundesausschüsse des DLV wurden zurückgestellt. „Da derzeit ein Verfahren läuft und eine weitere Behandlung von der Entscheidung des EuGH abhängt, konnten keine Anträge wegen des schwebenden Verfahrens zur Abstimmung gestellt werden“, begründet Jürgen Kessing.

Das Gericht in Darmstadt hat den Europäischen Gerichtshof (EuGH) um Stellungnahme gebeten, inwiefern eine unzulässige Diskriminierung vorliegt, die gegen geltendes europäisches Recht verstößt. Janetzky: „Das hat das Potenzial eines neuen Bosman-Urteils.“ Jenes Urteil revolutionierte 1995 das Transfergebaren in der Fußballwelt, in dem es eine einheitliche Regelung zur freien Arbeitsplatzwahl innerhalb der EU schuf. Je nach Ausgang des derzeitigen Verfahrens würden ganz neue Fragen zur Nutzung von Sportstätten durch ausländische Athleten sowie zur Rechtmäßigkeit der Zahlung von Bundesfördermitteln ausschließlich an einheimische Sportler aufgeworfen. Auch andere Sportarten wären vermutlich betroffen.

Mit einer Aussage des EuGH ist erst 2019 zu rechnen. „Ich bin sicher, dass wir den Prozess gewinnen werden“, sagt Daniele Biffi. Schon jetzt wirkt sich die Angelegenheit positiv auf seine Leistung aus. „Ich werde immer besser“, sagt er. Der Ärger über den Verband hat ihn zusätzlich motiviert.

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