Tennis

Der Tenniszirkus hat eine neue Anna Kurnikowa

Eugenie Bouchard ist erfolglos, aber im Internet ein Quotenhit.

Eugenie Bouchard fällt bald aus den Top 100 der Welt

Eugenie Bouchard fällt bald aus den Top 100 der Welt

Foto: Mario Houben / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Paris.  Als Eugenie Bouchard 2014 ins Wimbledon-Finale preschte, herrschte am Zeitungsboulevard von London der Ausnahmezustand. „Vergesst Maria, vergesst Serena. Hier kommt Genie“, lautete die Schlagzeile des „Daily Star“ über die attraktive Kanadierin. Die „Sun“ titelte: „Die Ära Genie hat begonnen.“ Zwar gewann die Tschechin Petra Kvitova das Turnier, doch an Bouchards glänzenden Zukunftsperspektiven konnte das scheinbar nichts ändern. „Sie ist ein Champion der Zukunft. Sie wird das Tennis der nächsten Jahre mitbestimmen“, befand Martina Navratilova.

Doch Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen, soll Schriftsteller Mark Twain mal gesagt haben. Aus der Machtposition im Welttennis wurde nichts für die inzwischen 24-jährige Kanadierin. Am Mittwoch gab sie auf einem Außenplatz der Pariser Anlage Roland Garros ihr French-Open-Qualifikationsmatch gegen die Slowenin Dalila Jakupovic auf. Vermeintlich wegen einer Verletzung, aber wer weiß das schon beim „gefallenen Engel“ („New York Daily News“), bei der auf Platz 167 der Weltrangliste abgestürzten Athletin.

Längst hat Bouchards gescheiterte Karriere die Spottdrosseln auf den Plan gerufen. Bouchards größter Erfolg in diesem Jahr, so hieß es auf Twitter, sei die neuerliche Aufnahme in die berühmte Swimsuit Edition des US-Magazins „Sports Illustrated“ gewesen. Auch Vergleiche mit der russischen Schönheit Anna Kurnikowa gab es: Bouchard sei „Kurnikowa 2.0“, hieß es, ihr Beruf sei eher Model als Tennisspielerin.

In jedem Fall ist Bouchard ein Internet-Phänomen. Auf Instagram folgen ihr mehr als 1,7 Millionen Menschen, weit mehr als der Weltranglisten-Ersten Simona Halep oder der Deutschen Angelique Kerber. Nur Serena Williams und Maria Scharapowa haben mehr Follower als Bouchard, die ziemlich unverhüllt auf laszive Motive setzt. Sex sells, Sex verkauft sich, selbst wenn es auf dem Platz nicht mehr stimmt.

Millionenklage gegen Verband nach Sturz in der Tenniskabine

Während Bouchard in den sozialen Medien in den Top Ten mitspielt, herrscht am Arbeitsplatz Tristesse. Fast scheint der Siegeslauf unwirklich, den Bouchard im Frühling 2014 erlebte: Sieg beim Turnier in Nürnberg, Halbfinale bei den French Open, Finale in Wimbledon, Platz fünf der Welt. Es war ihre flüchtige Zeit sportlichen Ruhms. Schlagzeilen machte sie später vor allem abseits der Courts, als Internet-Größe „zwischen Sein und Schein“ („The Guardian“) und als Hauptperson eines spektakulären Prozesses, den sie gegen den US-Tennisverband USTA führte.

Bei den US Open 2015 war sie in einer Umkleidekabine ausgerutscht und hatte sich eine Gehirnerschütterung zugezogen. Die Klage gegen die USTA begründete Bouchard damit, sie sei in eine Abwärtsspirale geraten, habe sich nie erholt davon. Viele betrachteten Bouchards Vorgehen als zweifelhaft, aber im Februar 2018 bekam sie größtenteils recht und eine millionenschwere Entschädigungssumme zugesprochen.

Bouchard erklärte danach, sie wolle nun „glücklich“ auf den Platz zurückkehren, als könne das Urteil eine Initialzündung erzeugen. Aber Bilder von großen Siegen gab es bei Instagram nicht zu sehen, immer nur die üblichen Posen mit viel Haut – oder ein Date mit einem Fan. Inzwischen geht die Tendenz in Richtung Ranglistenplatz 200 für eine Athletin, an deren professioneller Ernsthaftigkeit auch die meisten Kolleginnen zweifeln. „Hübsche Bildchen, aber nichts dahinter“, sagt eine Topspielerin aus Osteuropa, „sie hat ihre Zukunft hinter sich.“