Champions Serie

Biathlon in Joggingschuhen

In der Sommervariante ohne Rollerski ist Ildiko Schiller eine der Besten in Deutschland.

Ildiko Schiller beim Training am Schießstand

Ildiko Schiller beim Training am Schießstand

Foto: David Heerde

Berlin.  Am Skifahren lag es nicht, das beherrscht Ildiko Schiller. Bloß liegt in Berlin so selten ausreichend Schnee, um als Biathletin vernünftig trainieren zu können. 2006 hatte Schiller begeistert die Olympischen Spiele in Turin am Fernseher verfolgt und danach beschlossen, dass sie selbst auch einmal Biathlon ausprobieren wollte. In Ermangelung der passenden äußeren Bedingungen ging sie stattdessen dann zum Sommerbiathlon – einer Variante, bei der die Sportler nicht auf Skiern unterwegs sind, sondern joggend. Nachdem sie beim Probetraining auf Anhieb fast alle Scheiben getroffen hatte, blieb sie dabei und gehört in ihrer Altersklasse mittlerweile zu den Besten des Landes.

Die Disziplinen sind dieselben wie im Winter: Sprint, Einzel, Massenstart, Verfolgung, dazu die Staffel in verschiedenen Variationen. Sämtliche Disziplinen gibt es mit dem Luftgewehr und mit dem Kleinkaliber, so dass an einem Meisterschaftswochenende ein Dutzend Wettbewerbe ausgetragen werden. „Ein solches Programm geht ganz schön auf die Knochen“, sagt Ildiko Schiller.

Relativ neu ist der Target Sprint: eine Art Massenstart über 3x400 Meter, bei dem ausschließlich im Stehen geschossen wird. Aufgrund der kurzen Laufstrecke hat das Schießen eine umso größere Bedeutung. „Schon mit einem Nachlader ist das Rennen eigentlich gelaufen“, sagt Schiller. Die körperliche Anstrengung ist dennoch nicht zu unterschätzen. Schließlich werden bei einer hohen Teilnehmerzahl zunächst Vorläufe ausgetragen, ehe die Besten nach gerade einmal halbstündiger Pause um die Medaillen laufen. „Die Kunst liegt darin, möglichst schnell wieder zu regenerieren“, erklärt die 44-Jährige.

Bei den deutschen Meisterschaften 2017 gelang ihr das von allen am besten: In München gewann Ildiko Schiller die Goldmedaille in der Altersklasse 31-50. Im Juni will sie ihren Titel verteidigen. Auch mit der Kleinkaliber-Staffel des Berliner Sommerbiathlon Vereins 1991 (BSBV) hat sie in den vergangenen Jahren beim Saisonhöhepunkt fast immer eine Medaille gewonnen.

Der BSBV ist der einzige Verein in Berlin, der Sommerbiathlon anbietet. In dieser Sportart ist die Hauptstadt immer noch Entwicklungsland, wenngleich mit Monika Liedtke eine Berlinerin sogar schon insgesamt fünf Medaillen bei den Europameisterschaften 2004 und 2005 gewinnen konnte. Damals gab es auch noch Weltmeisterschaften, die von der Internationalen Biathlon-Union (IBU) veranstaltet wurden, die auch im Winter für die WM verantwortlich ist. Seit 2009 konzentriert sich die IBU beim Sommerbiathlon jedoch auf die Variante auf Skirollern und hat die Laufwettbewerbe seitdem aus dem WM-Programm gestrichen.

Schießsimulation mit Wasserflasche im Anschlag

Hierzulande setzt der Deutsche Skiverband ebenfalls ganz auf die Rollerski-Variante. Sommerbiathlon in Laufschuhen unterliegt hingegen der Sportordnung des Deutschen Schützenbundes. Trotzdem sind unter den Sportlern nur wenige ehemalige Sportschützen – die meisten Sommerbiathleten sind Läufer, die eine zusätzliche Herausforderung gesucht haben. Auch Ildiko Schiller trainiert nebenbei noch in einer Leichtathletikgruppe. Zum Laufen geht sie gern in den Wald, wo sie niemand dabei beobachten kann, wie sie mit einer gefüllten Wasserflasche im Anschlag das Schießen simuliert. „Das sieht zugegebenermaßen schon ein wenig merkwürdig aus“, sagt sie und muss selbst darüber lachen.

Bei Wettbewerben mit dem Luftgewehr sind die Scheiben am Schießstand zehn Meter entfernt, ihr Durchmesser beträgt 35 Millimeter beim Stehendschießen und 15 Millimeter beim Liegendanschlag. Zum Vergleich: Beim Biathlon sind die Scheiben 115 beziehungsweise 45 Millimeter groß – allerdings beträgt die Entfernung dort auch 50 Meter. Die Wintersportler haben den Vorteil, dass sie die Skier auf den letzten Metern zum Schießstand gleiten lassen können.

„Wir laufen dagegen bis zum Anschlag“, sagt Schiller. Umso schwieriger ist es, den Puls danach wieder herunter zu bekommen, damit die Waffe ruhig gehalten werden kann. Anders als beim klassischen Biathlon wird das Gewehr übrigens nicht umgeschnallt, sondern abgestellt, weil es sonst beim Laufen gegen den Rücken schlagen würde. Deshalb besteht eine weitere Schwierigkeit darin, vor dem Schießen auch das richtige Gewehr zu nehmen. Selbst Ildiko Schiller hätte in der Hektik am Schießstand fast schon einmal danebengegriffen.