Baku

Chaos in Baku

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Elmar Brümmer

Lewis Hamilton gewinnt ein dramatisches Rennen und entreißt Sebastian Vettel die WM-Führung

Baku. So sieht also die Erben-Generation der Formel 1 aus: Lewis Hamilton gewinnt einen zehn Runden vor Schluss schon verlorenen Großen Preis von Aserbaidschan, Sebastian Vettel verliert umgekehrt ein schon gewonnenes Rennen. Hinter dem Briten, der damit dem Heppenheimer die WM-Führung abnimmt, kommen Kimi Räikkönen im Ferrari und der Mexikaner Sergio Perez im Force India aufs Podium. Die konnten davon 48 Runden lang nicht mal träumen. Vettel nur Vierter, die beiden Red-Bull-Piloten im unfreiwilligen Crash-Test. Es ist das Rennjahr, in dem die Chaos-Theorie herrscht. Wie gut, dass nicht alles simuliert werden kann.

Ricciardo und Verstappen schalten sich gegenseitig aus

Der Sieger gesteht: „Es fühlt sich komisch an, hier oben zu stehen. Aber ich nehme es natürlich mit.“ Rein statistisch ist nach dem ersten silbernen Erfolg der Saison seine Krise und die von Mercedes beendet. Und es zeigt, dass Kampfgeist eben doch belohnt wird, so lange wie der Brite auf Rang drei dümpelte, ohne echte Chance auf Ergebnisverbesserung. „Valtteri ist ein außergewöhnliches Rennen gefahren, auch Sebastian hat einen guten Job gemacht.“

Seinen Erfolg schreibt er noch über Boxenfunk einer „Glücksfee“ zu – aber es ist auch die Genugtuung für seinen unter ähnlichen Umständen verlorenen Auftaktsieg in Melbourne. In der WM-Wertung führt jetzt Hamilton mit 70 Punkten vor Vettel (66) und Räikkönen (48). Denn der deutsche Herausforderer riskiert in der drittletzten Runde zu viel, verliert beim Angriff auf Hamilton und Bottas die Orientierung und bremst sich selbst aus. Erster Originalton: „Jooooh. Pfffft.“ Dann der gefasste Kommentar: „Manchmal ist es eben ein bisschen Lotterie.“

Seit Monaten grübeln die Experten von Liberty Media, wie sie die Formel 1 spannender machen können. Hoffentlich haben sie nun genau hingeguckt: Mehr Action, mehr Chaos, mehr Emotionen innerhalb von 51 Runden geht kaum. Die Strecke in Baku, eine Art Monte Carlo mit Tempo 340, ist ein Crash-Kurs, prädestiniert für Safety-Car-Phasen, die alles umwerfen, was eben noch als gesichert galt. Damit wird das Rennen vor der Rückkehr der Formel 1 nach Europa zu einem Symbol für den Gesamtzustand der Serie: Sie lebt von der Unberechenbarkeit.

Da darf sich Vettel bis zehn Runden vor Schluss sicher sein, seinen 50. Grand-Prix-Sieg einzufahren. Der Heppenheimer hat den Großen Preis von Aserbaidschan kontrolliert, mit seinen Reifen perfekt gewirtschaftet und beide Verfolger von Mercedes souverän hinter sich gehalten. Inklusive eines provokanten, aber legalen Manövers bei der Rennfreigabe nach der ersten Neutralisierung in der sechsten Runde: Diesmal bestand keine Gefahr, mit Hamilton aneinanderzuknallen, der Ferrari-Pilot fuhr Schlangenlinien und verwirrte die Konkurrenten – von da an ist es eine einfache Fahrt an der Spitze, die er aber zum Wettstreit mit sich selbst um Sektorbestzeiten nutzt.

Natürlich war allen klar, dass die unterschiedlichen Reifenstrategien wieder eine wichtige Rolle spielen würden. Ferrari zögert den Pflichtstopp seiner Nummer eins weit hinaus, nur der als Dritter gestartete Valtteri Bottas bleibt länger draußen. Diese Ausdauer bringt den entscheidenden Vorteil, denn justament, als ihn die Mercedes-Strategen hereinholen, geht das Katz-und-Maus-Spiel der Red-Bull-Rivalen Max Verstappen und Daniel Ricciardo im Kampf um Platz vier schief. Die Hitzköpfe hauen sich aus dem Rennen. Sofort wird angesichts der vielen Splitter neutralisiert. Man kann in Ruhe zugucken, ob es zu einem Faustkampf kommt, aber dazu ist die moderne Fahrergeneration zu anständig. „Sie hätten mehr Hirn haben müssen“, schäumt Red-Bull-Statthalter Helmut Marko. Bottas bringt das entscheidende Sekunden, weil die anderen draußen langsamer fahren müssen, und er biegt vor Vettel ein, der es nicht fassen kann: „Wie ging das denn!?“

Die Dramen gehen weiter, als das Rennen freigegeben werden soll. Doch der Franzose Romain Grosjean setzt seinen Haas-Ferrari beim Reifenaufwärmen in die Mauer, das muss man erst mal schaffen. Es sind noch vier freie Runden, Bottas vor Vettel und Hamilton. Der Finne setzt sich geschickt ab, aber am Ende der langen Beschleunigung geht der Ferrari-Fahrer volles Risiko, schießt am Mercedes vorbei – allerdings sich selbst mit einem Bremsplatten auch ins Aus.

Freie Fahrt für einen Doppelerfolg in Silber. Doch dann spielt das Schicksal Bottas drei Runden vor dem Sieg einen üblen Streich: Er fährt über einen Unfallsplitter, der Reifen explodiert, und er muss das Auto abstellen. So erbt Lewis Hamilton zwei Runden vor Schluss doch noch den ersten Sieg seit sechs Rennen. Drama, Baby, Drama!