Essen

Korruption und Doping: Großes Beben im Biathlon

Weltverband soll 65 Fälle vertuscht haben. Präsident tritt zurück

Essen.  Der Biathlon-Weltverband wird von einem Skandal erschüttert. Österreichische Behörden ermitteln gegen die Ibu wegen Betrugs und Bestechlichkeit im Zusammenhang mit Doping. Konkret geht es um Schmiergelder in Höhe von 300.000 Dollar (242.000 Euro) und „erschwindelte Preisgelder“ von 35.000 Euro. Im Zentrum stehen der norwegische Ibu-Präsident Anders Besseberg und die deutsche Generalsekretärin Nicole Resch (42) aus Thüringen. Der 72-jährige Besseberg ist für die Dauer der Ermittlungen von seinem Amt zurückgetreten, Resch wurde vorläufig suspendiert. Sollten die Vorwürfe stimmen, droht ihnen Gefängnis.

Wie norwegische Medien aus Ermittlerkreisen erfahren haben wollen, soll Besseberg seit dem Jahr 2011 insgesamt 65 Dopingfälle von russischen Athleten verschwiegen haben. Am Dienstag hatte das Bundeskriminalamt den Ibu-Sitz in Salzburg und den Wohnsitz von Besseberg in Norwegen durchsucht. Am Tag danach drangen immer mehr Details ans Licht. Die federführende Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ermittelt wegen „der Anwendung verbotener Substanzen, bzw. Methoden zum Zweck des Dopings, schweren Betrugs im Zusammenhang mit Doping und Geschenkannahme von Bediensteten“. Im Blickpunkt steht die WM 2017 in Hochfilzen, wo die russische Männerstaffel Gold und die Mixed-Staffel Bronze gewonnen hatte. Auch gegen Mitglieder des russischen Teams werde ermittelt, hieß es.

Der Weltverband steht seit längerem wegen des Umgangs mit dem russischen Dopingskandal in der Kritik. Das Weltcupfinale im sibirischen Tjumen hatten deshalb einige Nationen boykottiert. Deutschland zählte nicht dazu. „Man muss schon die Frage stellen, ob wir nicht konsequent hätten sein müssen, denn gerochen hat es doch damals schon“, sagt der Nürnberger Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel. Bereits bei Olympia seien Informationen an die Öffentlichkeit gelangt. Biathlon sei „keine Sportart von Entwicklungsländern in warmen Regionen mit hohem Korruptionsskandal“, sondern in Zentraleuropa sehr erfolgreich. „Jetzt zeigt sich, dass ein Weltverband ganz tief drinsteckt. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wäre das vergleichbar mit dem Radsport. Das wäre diesmal ein Totalschaden für Biathlon.“

Die französische Zeitung „Le Monde“ zitierte aus einem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, wonach die Ibu „alles getan habe, um die Ermittlungen gegen Russland zu verhindern“. Das Hauptziel der Korruption sei es gewesen, gedopte russische Athleten zu schützen. „Herr Besseberg und Frau Resch sind mitschuldig und sehr wohl über das falsche Verhalten des jeweils anderen im Bilde.“

Während sich Resch zurückhält, wies Ibu-Präsident Besseberg alle Schuld von sich. „Ich meine, wir haben die Regeln eingehalten“, sagte er dem norwegischen Fernsehen NRK. Soweit „nur“ Doping vorgeworfen wird, droht Besseberg und Resch nach Angaben der WKStA eine Freiheitsstrafe bis sechs Monate oder eine Geldstrafe bis 360 Tagessätze; für die Betrugsvorwürfe: Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren; Korruption: Freiheitsstrafe sechs Monate bis fünf Jahre. Auch in Deutschland kam es zu Hausdurchsuchungen. Der Deutsche Skiverband (DSV) zeigte sich entsetzt von den Entwicklungen. DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach sagte: „Es wäre ein Schlag in das Gesicht des gesamten organisierten Sports, sollten sich die Verdächtigungen bestätigen.“