Berliner Champions

Zwei Berlinerinnen sind zunehmend schneller

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Philip Häfner
Um ihr Boot auf Kurs zu halten, ist voller Körpereinsatz gefragt bei Anika Lorenz und Victoria Jurczok.

Um ihr Boot auf Kurs zu halten, ist voller Körpereinsatz gefragt bei Anika Lorenz und Victoria Jurczok.

Foto: German Sailing Team/Lars Wehrmann / BM

Seit die beiden Seglerinnen Jurczok und Lorenz an Gewicht und Kraft arbeiten, gewinnen sie im Weltcup.

Berlin.  Manch einer von den anderen Hotelgästen in Portugal wird vermutlich nicht schlecht gestaunt haben, als er sah, welch üppig beladene Teller Anika Lorenz und Victoria Jurczok während des Trainingslagers täglich vom Büffet schleppten. Die beiden Seglerinnen sind eher zierlich, man würde ihnen nicht zutrauen, dass sie so viel überhaupt verdrücken können. Doch der Eindruck täuscht. „Wir essen immer sehr große Portionen“, sagt Jurczok. Nahrungsaufnahme ist für die beiden sozusagen die wichtigste Trainingseinheit des Tages. Denn für den sportlichen Erfolg in ihrer Disziplin sind ein paar zusätzliche Pfunde unerlässlich.

Diese Erfahrung machte das Team bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. Weil dort starke Winde herrschten, war ihr Boot überpowert, so dass sie die Segeln raffen mussten, um Druck abzubauen. Die Folge: Sie waren auf einmal deutlich langsamer als die Konkurrenz. Hätten sie selbst etwas mehr gewogen, wäre ihnen das nicht so schnell passiert – dann wäre das Boot auch bei stärkerem Wind noch steuerbar gewesen. Mit Blick auf Olympia 2020 in Tokio lautet die erste Priorität deshalb: Essen, was das Zeug hält.

Das Idealgewicht sollte bei 135 Kilogramm liegen

„Das ist gar nicht einfach“, sagt Anika Lorenz, die Vorschoterin. „So viel kann man manchmal gar nicht essen, wie viel wir durch den Sport wieder verbrennen.“ Die beiden engagierten deshalb extra einen Ernährungsberater. „Wir wollen ja auch funktionell zunehmen und nicht einfach bloß fett werden“, sagt Steuerfrau Victoria Jurczok. „Einfach nur zu McDonald’s zu gehen, würde uns auch nicht viel bringen.“

Als Idealgewicht gelten 135 Kilogramm für beide Seglerinnen zusammen. Lorenz und Jurczok brachten anfangs gemeinsam aber gerade einmal 115 Kilo auf die Waage. Inzwischen sind es 130 Kilo, damit haben sie ihr Ziel fast erreicht. Die jüngsten Ergebnisse haben schon gezeigt, dass sie auf dem besten Weg sind, bald ein gewichtiges Wort mitreden zu können. Im Februar siegten sie bei der Weltcup-Regatta vor Miami souverän. Von acht Rennen gewannen sie vier und dominierten die Serie mit nur 14 Punkten vor den Norwegerinnen Ragna und Maia Agerup (38 Punkte) und Tanja Frank und Lorena Abicht (42 Punkte) aus Österreich.

Seit fünf Jahren sitzen die beiden in einem Boot

Auch früher schon hatten Anika Lorenz und Victoria Jurczok gute Ergebnisse eingefahren. 2016 wurden sie WM-Dritte, 2017 dann EM-Dritte – beides waren jeweils die ersten deutschen Medaillen in ihrer Bootsklasse. Neu war jedoch die Souveränität, mit der sie auch bei schwierigen Windverhältnissen agierten. Nun rechnen sich die Berlinerinnen auch für die diesjährigen Weltmeisterschaften in Aarhus in Dänemark einiges aus, wo bereits knapp die Hälfte der Quotenplätze für die Olympischen Spiele 2020 vergeben wird. „Ich glaube, dass wir dort gute Chancen auf eine Medaille haben“, sagt Anika Lorenz.

Die 27-Jährige saß mit sieben Jahren das erste Mal in einem Boot. Seit fünf Jahren fährt sie mit Jurczok im 49erFX. Diese Bootsklasse gilt als die spektakulärste von allen; Vorschoterin und Steuerfrau stehen dabei auf den breiten Wings im Trapez und halten mit ihrem Körpergewicht das Boot in der Balance. „Wir hängen ständig knapp über dem Wasser“, erklärt Lorenz.

Mit Trainer und Mentalcoach kam die Motivation zurück

Mittlerweile trainieren sie viel am Olympiastützpunkt in Kiel oder im Ausland, doch ihr seglerisches Rüstzeug haben sie einst auf dem heimischen Wannsee erworben. „Berlin hat den Vorteil, dass im Vergleich zu einem Flächenland alles so nah beieinander liegt. So können die Besten regelmäßig zusammen trainieren und sehen sich bei jedem Wettkampf. Auf diese Weise entsteht eine ganz andere Qualität“, sagt Lorenz. Zudem stelle ein See die Segler vor ganz andere Herausforderungen: „Der Wind ist dort oft böig und kann aus allen Richtungen kommen. Wir haben also von Anfang an gelernt, flexibel zu sein.“

Früher hatten Lorenz und Jurczok allerdings manchmal das Problem, sich bei kleineren Regatten zu motivieren. Es fehlte die Spannung. Zusammen mit ihrem neuen Trainer Dave Evans, einem Briten, sowie einem Mentalcoach haben sie aber auch dieses Problem in den Griff bekommen. Rückhalt finden sie außerdem bei ihrem Klub Verein Seglerhaus am Wannsee (VSaW), der sie finanziell und fachlich unterstützt. „Für mich ist das der beste Segelverein in Deutschland“, sagt Victoria Jurczok. Der VSaW wurde schon 1867 gegründet, er ist damit der zweitälteste Segelklub des Landes und mit fast 1100 Mitgliedern auch einer der größten. Im deutschen Segelsport nimmt der Verein eine herausragende Stellung ein: Seit 1936 stand bei allen Olympischen Spielen immer mindestens ein VSaW-Athlet im deutschen Aufgebot, mit Ausnahme der Spiele von 1980 in Moskau, die von der Bundesrepublik ja boykottiert wurden. Der Berliner Verein ist bereits ein echtes Schwergewicht in der Szene. Und Anika Lorenz und Victoria Jurczok sind auf dem besten Weg dorthin, auch eines zu werden.