Hamburg/Berlin

Opium für Hamburg

Wie der neue Trainer Christian Titz versucht, Herthas Gegner doch noch vor dem erstmaligen Abstieg zu retten

Hamburg/Berlin. Eine Errungenschaft ist Christian Titz schon vor seinem ersten Bundesliga-Spiel sicher. Selten in der Geschichte der höchsten deutschen Spielklasse wurde einem vom Nachwuchs zu den Profis beförderten Trainer-Neuling mehr Aufmerksamkeit zuteil. Weil die übernommene Aufgabe selten anspruchsvoller war. Titz soll den Hamburger SV, einziges nie abgestiegenes Gründungsmitglied der Bundesliga, doch noch vor dem ersten Abstieg retten. Bei acht ausstehenden Spielen und sieben Punkten Rückstand ein ambitioniertes Unterfangen.

Klar, dass sich Titz keine Zeit zur Akklimatisierung erlauben darf. Am Sonnabend muss das Heimspiel gegen Hertha BSC (15.30 Uhr/Sky) gewonnen werden, soll die Zielstellung nicht ins Utopische abdriften. Die Frage ist nur wie. Hamburg verfügt über den mit Abstand ungefährlichsten Angriff der Liga. Lediglich 18 Tore brachte die Mannschaft bisher zustande, das sind sechs weniger als Bayerns Robert Lewandowski allein geschossen hat. Noch dramatischer ist die Lage beim Blick auf das Restprogramm. Mainz, derzeit Inhaber des Relegationsranges, hat mit Spielen gegen direkte Konkurrenten wie Köln, Freiburg und Bremen alles selbst in der Hand. Hamburg muss nach dem Duell mit Hertha nach Stuttgart und Hoffenheim, zwischendurch kommt Schalke 04 ins Volksparkstadion. Dass Hamburg sich in der Vergangenheit immer irgendwie rettete, scheint nur noch Opium für die Volksseele zu sein.

Zahlen und Tabellensituation aber sind nicht der Hauptgrund für die seit Monaten anhaltende Verwandlung Hamburgs in ein fußballerisches Utopia negativster Prägung. Titz übernimmt einen verunsicherten und nicht zielführend zusammengestellten Kader, der seit Dienstag den dritten Trainer innerhalb von neun Monaten über sich ergehen lassen muss. Es spricht für ihn, dass er sich in den ersten Tagen als Cheftrainer vorrangig um psychologische Belange kümmerte, Einzelgespräche führte und Abläufe veränderte. Die stattliche Anzahl von 29 Feldspielern testete er. Zusätzlich stießen sieben Fußballer aus der U21 und U19 zu den Profis, sie sollten zusätzlich für Belebung und Aufbruchsstimmung sorgen in einem von Resignation betäubten Umfeld. Was laut Titz gelang.

Die neue HSV-Philosophie kommt Hertha entgegen

„Ich habe den Eindruck, und das war unsere allererste Aufgabe, dass die Mannschaft daran glaubt, dass wir eine reelle Chance haben, das Spiel für uns zu entscheiden“, sagt er. Die jüngste Statistik spricht für den HSV. In den vergangenen beiden Spielzeiten konnten die Hamburger ihre Heimspiele jeweils zu Null gegen Hertha gewinnen.

Wenn Titz von wir spricht, meint er auch Thomas von Heesen. Dessen Rolle soll die eines Beraters sein, wer in ihm aber einen Aufpasser vermutet, liegt sicher auch nicht ganz falsch. Die Konstellation erinnert an das Trainergespann Matthias Sammer und Udo Lattek, die am Anfang des Jahrtausends Borussia Dortmund vor dem Abstieg retteten. Von Heesen hat die Erfahrung auf höchster Ebene, die Titz als Trainer fehlt. So wie damals bei Sammer.

„Es wird Veränderungen in der Startaufstellung geben, und es wird eine Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern sein“, sagt Titz. Aus Berliner Sicht macht das die Aufgabe besonders schwer. Wer spielt? Wer spielt nicht? Der Wert des Videomaterials aus den Vorwochen ist ohnehin nur noch von überschaubarem Wert, wenn ein neuer Trainer beim Gegner übernimmt. Zumal Titz von seinen Überzeugungen her für einen komplett anderen Spielstil steht als seine Vorgänger Markus Gisdol und Bernd Hollerbach, beides Verfechter einer defensiveren Grundhaltung. Titz will mutig nach vorn spielen lassen, hoch verteidigen und möglichst viele Torabschlüsse erzwingen. Mit dieser Art von Gegner kam Hertha in der laufenden Saison immer gut zurecht.

Die Philosophieänderung könnte Julian Pollersbeck zurück ins Hamburger Tor bringen, der im Vergleich zu Christian Mathenia als der bessere Fußballer gilt. Auch Dennis Diekmeier und Bobby Wood, die zuletzt bei Hollerbach wenig Ansehen genossen, könnten wieder eine wichtige Rolle einnehmen. Vor allem der sensible Stürmer Wood, der einst beim 1. FC Union zeigte, wie wertvoll er sein kann, wenn man richtig mit ihm umgeht, litt unter dem alten Trainer. Mit ihm redete Titz besonders viel. „Wenn man auf Menschen zugeht, wenn man sie als Menschen behandelt, dann bekommt man das Gleiche zurückgegeben “, sagt Titz. Bei Union erzielte Wood einst 17 Tore in einer Saison. Die Hälfte davon würde Titz und dem HSV schon helfen, das Unmögliche möglich zu machen.