Paralympics

Bentele fordert längere Kontrollen bei Doping-Sündern

Die Behindertenbeauftragte spricht im Interview über Russen bei den Paralympics und Chancen des deutschen Teams.

Verena Bentele ist die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen

Verena Bentele ist die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen

Foto: Kay Nietfeld / picture alliance / Kay Nietfeld/

Berlin.  Gleich ein Dutzend Goldmedaillen hat die sehbehinderte Verena Bentele (36) bei Paralympics zwischen 1998 und 2010 gewonnen. In Pyeongchang ist die frühere Biathletin wieder dabei – allerdings nicht als Teilnehmerin. Seit 2014 ist sie Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.

Kommt Wehmut auf, wenn Sie die Spiele erleben?

Verena Bentele: Immer nur kurz. Ich habe meine Entscheidung aufzuhören nie bereut. Mit dem Job als Behindertenbeauftragte des Bundestages kann man nebenbei nicht noch Leistungssport betreiben.

Auch wehmütig vielleicht, weil Sie sich damals dafür engagiert haben, dass die Winterspiele 2018 in München stattfinden?

Das hätte ich schön gefunden. Wenn ich jetzt nach Garmisch hätte fahren können, mit dem Zug, dort die Spiele anschauen. Aber gut, jetzt sind sie in Pyeongchang. Ich hoffe aber, dass sich Deutschland noch mal bewirbt – egal, ob um Sommer- oder Winterspiele.

Sie haben vor knapp sieben Jahren Ihre aktive Karriere beendet. Wie oft müssen Sie Menschen noch erklären, wie Biathlon funktioniert, wenn man blind ist?

Nicht mehr so regelmäßig wie früher, aber immer noch jede Woche mindestens zweimal. Früher habe ich es täglich erklärt. Gestern saß ich zum Beispiel im Flugzeug neben jemandem, der wissen wollte, wie es funktioniert mit Paralympics und Biathlon.

Ist es ein Fehler in der Aufklärung um den paralympischen Sport, dass solche Themen immer noch Fragen aufwerfen?

Das Problem ist, dass Biathlon und andere paralympische Sportarten ausschließlich während der Paralympics eine regelmäßige Berichterstattung bekommen. In den vier Jahren dazwischen nicht. Deswegen sind viele Menschen eben nicht informiert darüber, wie Biathlon, Ski alpin, Langlauf, Snowboard und die anderen Sportarten für behinderte Sportler funktionieren.

Können Sie denn trotzdem eine Entwicklung in der Wahrnehmung erkennen?

Schon, ja. Jetzt wird rein quantitativ schon mehr aus Pyeongchang berichtet. Wir hatten in den letzten Monaten immer mal wieder Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Also ändert sich schon einiges. Wir haben tolle und erfolgreiche Sportler in Deutschland, das ist wichtig, damit der Sport wahrgenommen wird. Es entwickelt sich, darüber kann ich mich auf jeden Fall freuen, weil ich als ehemalige Sportlerin eine derjenigen war, die diese Entwicklung angestoßen haben.

Die Paralympics werden häufig behandelt wie der kleine Bruder der Olympischen Spiele. Gibt es eine Chance, dass sie so etwas wie der Zwillingsbruder werden?

Auf jeden Fall. Es wäre toll, wenn man wechseln und die Paralympics immer vor den Olympischen Spielen veranstalten würde. Viele wollen, dass beides gleichzeitig stattfindet, aber das muss gar nicht sein. Man sollte lieber anfangen, dass Weltcups und Weltmeisterschaften gleichzeitig stattfinden.

Kann man davon ausgehen, dass bei der Planung der Olympischen Spiele immer mitgedacht wird, dass Unterkünfte und Wettkampfstätten für die folgenden Paralympics barrierefrei sein müssen?

Es sollte noch umfassender berücksichtigt werden. Das Wohnen, die Infrastruktur, die Entwicklung der Verkehrsanbindung – da sollte die Barrierefreiheit eine deutlich größere Rolle spielen. Da bin ich auf Korea sehr gespannt, da die Koreaner ja sehr technikaffin sind, wie die Barrierefreiheit umgesetzt wird – was Informationssysteme, Verkehrsleitsysteme angeht.

Das IPC hat mit seinem Komplettausschluss der Russen in Rio 2016 ein Signal im Kampf gegen Doping gesetzt. Jetzt werden Zugeständnisse gemacht, sich am IOC orientiert, 31 Russen unter neutraler Flagge zugelassen. Übt das IOC mit seinen Entscheidungen Druck auf das IPC aus?

Ich würde sagen, dass die Entscheidung des IOC dem IPC die Vorlage geliefert hat. Das sieht man auch daran, wie mit der russischen Mannschaft umgegangen wird. Ich finde es schade, dass bei den Sportlern und Zuschauern ein negatives Gefühl bleibt. Man kann sich nicht sicher sein, wie sauber der olympische und paralympische Sport noch ist. Für mich wäre die wichtigste Konsequenz, dass das IPC eine klare Haltung zeigt, indem man konsequent sagt: Staaten, die systematisch dopen, schließen wir aus. Dann sollte man für die Zeiträume zwischen olympischen und paralympischen Spielen ein deutlich engmaschigeres internationales Kontrollsystem einführen. Das auszubauen und zu fördern, da vermisse ich beim IOC die Initiative.

Sie haben gesagt, dass das IPC bei seiner Linie bleiben sollte, um die Fairness gegenüber den sauberen Athleten zu wahren.

Es bleibt die Frage, welches Signal man setzt. In meinen Augen spielt es eine untergeordnete Rolle, unter welcher Flagge die Sportler starten. Ich finde, es ist eine Lösung, die nicht Fleisch und nicht Fisch ist. Sie müssen sich entscheiden, lässt man jemanden zu und setzt damit das Signal, die Sportler sind sauber. Oder sagt man, das ist kein sauberer Sport und lässt den Start nicht zu. Ich finde, es ist keine Konsequenz zu erkennen.

Am Mittwoch wurde Michalina Lisowa zugelassen – eine Athletin, die unter Manipulationsverdacht steht und deren Name auch im McLaren-Bericht genannt wird.

Eine Konkurrentin, die schon 2010 gegen mich gestartet ist. Da muss man konsequent sein und die Sportlerinnen und Sportler, vor allem wenn sie im McLaren-Bericht genannt sind, engmaschig und langfristig kontrollieren. Nicht nur während der Spiele.

Sie sind die erste Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, die eine Behinderung hat. Hat das etwas in der Wahrnehmung Ihrer Position verändert?

Ich versuche, in der Gesetzgebung die Perspektive der Menschen mit Behinderung einzubringen. Das kann ich nicht nur durch mein eigenes Leben, sondern auch durch meinen Zugang zu Menschen mit Behinderungen. Ich denke, da hat sich etwas durch die Authentizität meiner Person geändert.

Eine neue Regierungsbildung rückt näher. Werden Sie Ihre Position behalten?

Nein, ich werde als Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland kandidieren. Der Verband ist in allen sozialpolitischen Bereichen aktiv. Für mich eine spannende Herausforderung.

Ist es nur eine neue Herausforderung oder haben Sie das Gefühl, dort mehr erreichen zu können?

Es ist einfach eine neue Herausforderung, und ich kann mich thematisch breiter engagieren.

Was wünschen Sie sich von der neuen GroKo?

Dass die Teilhabe für Menschen mit Behinderung verbessert wird, dass vor allem Barrieren in privaten Bereichen beseitigt werden. Wir haben immer noch keine Regelung, dass Barrierefreiheit verpflichtend ist. Da sollte eine gesetzliche Regelung gefunden werden.

Biathlon zählte zu den zuschauerstärksten und aus deutscher Sicht auch erfolgreichsten Sportarten bei Olympia. Können die paralympischen Athleten da nachlegen?

Ich bin mir sehr sicher, dass meine ehemaligen Mannschaftskollegen Erfolge feiern werden. Egal, ob Andrea Eskau, Clara Klug, Martin Fleig, Anja Wicker. Ich bin überzeugt, dass sie tolle Leistungen bringen werden.

Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu? In Sotschi sind es 15 Medaillen gewesen. Allerdings haben da die Russen mit 80 am meisten abgeräumt. Die sind zum Großteil jetzt ja nicht dabei.

Die deutsche Mannschaft wird eine gute Figur machen, sich durchsetzen in ihren Sportarten und kann im Medaillenspiegel weit vorn landen.

Seit dem Ende Ihrer Sportlerkarriere halten Sie Vorträge zum Thema Motivation und Teamarbeit. Ist das ein Thema, das Ihnen nach Ihrer Karriere, in der Sie immer im Team erfolgreich waren, besonders wichtig ist?

Definitiv. Für mich sind mehrere Themen wichtig. Motivation, um ein Ziel zu erreichen. Teamarbeit und vor allem Vertrauen. Weil in meinem Sport immer alles über Vertrauen lief, da man zum Begleitläufer immer eine gute sportliche Beziehung aufbaut und so eine Topleistung bringt, die nur zusammen möglich ist. Vertrauen ist wichtig, wenn man mit 40 km/h den Berg runterfährt.

„Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser“ lautet der Titel Ihres ersten Buches. Eigentlich wird der Spruch ja umgekehrt formuliert…

Alle anderen sagen es umgekehrt. Für mich ist es so herum richtig. Ich glaube daran. Weil ich weiß, dass Kontrolle gut und sinnvoll ist, weil man dadurch Rahmenbedingungen schafft, die Sicherheit geben. Aber ich bin der Meinung, dass das Thema Vertrauen mich dazu gebracht hat, Wettkämpfe zu gewinnen. Dass ich mich immer hundertprozentig darauf verlassen konnte, dass mich der Begleitläufer führt.