Berliner Champions

Für einen Orientierungsläufer ist verlaufen verboten

Sportler wie der Berliner Marvin Goericke haben es in Deutschland schwer. In Skandinavien dagegen ist ihre Disziplin sogar Schulsport.

Immer den Streckenplan im Blick: Orientierungs­läufer Marvin Goericke beim Training im

Immer den Streckenplan im Blick: Orientierungs­läufer Marvin Goericke beim Training im

Foto: Christian Kielmann

Berlin.  Für einen Urlaub in der Fremde ist Marvin Goericke gewissermaßen der perfekte Reisebegleiter. Als er neulich in Barcelona weilte, brauchte er nur für wenige Sekunden auf den Stadtplan zu schauen, um seine Gruppe anschließend sicher durch das Gewirr der Gassen zu führen. Unterwegs musste er nicht einmal anhalten, um erneut die Karte zu konsultieren. Sich in einer fremden Umgebung schnell gut zurechtzufinden, ist für den 26-Jährigen nichts Außergewöhnliches, sondern völlig normal. Das hilft ihm allerdings nicht nur im Urlaub. Denn Goericke ist Orientierungsläufer. In seinem Sport kommt es darauf an, den richtigen Weg durch unbekanntes Gelände zu finden. Wer sich verläuft, hat keine Chance mehr auf eine vordere Platzierung. Auch wenn Marvin Goericke gleich beruhigt: „Verloren gegangen ist unterwegs noch keiner.“

Beim Orientierungslauf werden im Gelände mehrere Kontrollpunkte festgelegt, die sogenannten Posten. Diese müssen die Läufer mithilfe von Karte und Kompass erst einmal aufspüren. Vorgegeben ist dabei nur, in welcher Reihenfolge die Punkte angelaufen werden müssen. Die Strecke dazwischen liegt im Ermessen des Sportlers. Goericke sagt: „In der Regel ist der kürzeste Weg nicht unbedingt der Beste.“ Orientierungslaufen erfordert also neben der körperlichen Fitness auch ein hohes Maß an geistiger Leistung.

Ziel ist die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Riga

Der Treptower betreibt die Sportart seit 15 Jahren. Seit drei Jahren ist er als einziger Berliner Teil der Nationalmannschaft; 2016 und 2017 hat er sich im Sprint jeweils für die Weltmeisterschaften qualifiziert. Auch in diesem Jahr will er bei der WM in Riga wieder dabei sein.

Vor einem Wettkampf kann Goericke stets nur erahnen, was ihn erwartet: Neben einer ungefähren Geländebeschreibung kennt er zwar die Streckenlänge – gemessen allerdings in Luftlinie, die tatsächliche Laufstrecke ist meist deutlich länger – und die zu absolvierenden Höhenmeter. Die genaue Karte bekommt er aber immer erst beim Start ausgehändigt. Studiert wird sie dann während des Laufens, um keine Sekunde zu verlieren.

Auch an den einzelnen Posten wird nicht extra angehalten: Während in der Vergangenheit Kontrollkarten verwendet wurden, die mittels Lochzangen markiert werden mussten, gibt es heute elektronische Systeme, so dass die Sportler nur noch an der Station vorbeizulaufen brauchen.

Immer wieder gibt es Probleme mit dem Naturschutz

Berlin ist neben Dresden und Regensburg eine der Hochburgen des Orientierungslaufs in Deutschland. Weltweit stammen die besten Athleten jedoch aus den skandinavischen Ländern, wo die Sportart Anfang des 20. Jahrhunderts auch entwickelt wurde. In Schweden, Norwegen und Finnland ist Orientierungslaufen Volkssport; in einigen Regionen wird es sogar an Schulen unterrichtet. In Deutschland gibt es dagegen nicht einmal einen eigenen Verband. Stattdessen sind die Orientierungsläufer dem Deutschen Turnerbund angeschlossen. Auch finanziell steckt kein Reiz darin. „Leben kann von diesem Sport hierzulande niemand“, sagt Marvin Goericke.

In Schweden gilt außerdem das sogenannte Jedermannsrecht, das es jedem erlaubt, sich in der freien Natur aufzuhalten – auch in Gebieten, die jemand anderem gehören. Das ist eine wichtige Voraussetzung für den Orientierungslauf. Dagegen gibt es in Deutschland immer wieder Probleme mit Naturschützern, Forstämtern und Waldbesitzern, die den Orientierungsläufern vorwerfen, sie würden die Tiere verjagen, die Pflanzen platt treten und im Wald ihren Müll hinterlassen.

„Alles Quatsch“, entgegnet Marvin Goericke darauf. Schließlich würden beim Orientierungslauf nicht alle Läufer dieselbe Strecke wählen, so dass sich die Belastungen insgesamt doch in Grenzen halten. In die Wälder, die von den Berliner Forsten verwaltet werden, dürfen die örtlichen Orientierungsläufer trotzdem nicht hinein. Die einzige Ausnahme hatte es vor einem Jahr anlässlich des Deutschen Turnfests gegeben.

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