Leichtathletik

Jamaika statt Paderborn – Pinto reif für die Insel der Sprinter

Sprinterin Tatjana Pinto reist als Medaillenhoffnung zur Hallen-WM nach Birmingham. Das liegt auch an einem Besuch in der Karibik.

Beim Istaf Indoor in Berlin lief Tatjana Pinto mit 7,08 Sekunden eine Weltklassezeit

Beim Istaf Indoor in Berlin lief Tatjana Pinto mit 7,08 Sekunden eine Weltklassezeit

Foto: Bernd Thissen / dpa

Birmingham.  Everything is Irie, alles ist gut: Nichts drückt die jamaikanische Mentalität besser aus als dieser Satz, den die Insulaner in nahezu jeder Lebenslage anwenden. Und anscheinend wirkt diese Gelassenheit sogar ansteckend. Einiges von dieser lockeren Einstellung zum Leben hat jedenfalls auch auf Sprinterin Tatjana Pinto abgefärbt, die im Herbst drei Wochen auf Jamaika verbracht hat.

Pinto trainierte auf der Sprinterinsel bei Stephen Francis, dem Coach von Doppel-Olympiasiegerin Elaine Thompson, und lernte dort, den Leistungssport etwas lässiger zu sehen. „Man muss Spaß haben und locker bleiben“, sagt sie, „egal, wer neben einem im Startblock sitzt. Man muss sein eigenes Ding durchziehen.“

Mit diesem Selbstverständnis haben die Jamaikaner in der Vergangenheit im Sprintbereich ordentlich abgeräumt. Pinto dagegen wirkte früher oft verkrampft, weshalb sie ihr großes Potenzial häufig nicht abrufen konnte. Das hat sich in diesem Winter geändert. Plötzlich läuft die 25-Jährige eine Weltklassezeit nach der anderen. Bereits beim Istaf Indoor in Berlin war sie mit 7,08 Sekunden die Schnellste – das war zu diesem Zeitpunkt sogar Weltjahresbestzeit.

Bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund lief sie sogar noch einmal zwei Hundertstel schneller. Die Zeit von 7,06 Sekunden bedeutete nicht nur die Einstellung des Meisterschaftsrekords, sie lag auch nur zwei Hundertstel über der nationalen Bestmarke der beiden DDR-Sportlerinnen Marita Koch (1985) und Silke Möller (1988). Seit den 7,06 Sekunden von Katrin Krabbe im Jahr 1991 war keine Deutsche mehr so schnell wie aktuell Tatjana Pinto. Weltweit waren in diesem Winter nur zwei Sprinterinnen schneller. Eine Medaille bei der Hallen-WM in Birmingham, die am Donnerstag begann, ist auf einmal in greifbare Nähe gerückt.

Anders als für die meisten deutschen Leichtathleten hat die Hallensaison für Tatjana Pinto eine große Bedeutung. Zwar ist auch ihr großes Ziel die Europameisterschaft Anfang August in Berlin. „Aber das ist eben erst im August und damit noch weit weg. So lange kann ich mich nicht fokussieren“, sagt Pinto. „Momentan bin ich mit dem Kopf voll bei der Hallensaison. Die Hallen-WM stand von Anfang an ganz oben auf meiner Liste. Dort möchte ich auf jeden Fall auch eine Topleistung zeigen und so weit kommen wie möglich.“

Im Sommer will sie die Elf-Sekunde-Marke knacken

Ein weiterer Grund, weshalb es bei der Sprinterin aus Paderborn momentan so gut läuft: Sie hat sich auch technisch weiter verbessert. Beim Laufen versucht sie jetzt möglichst groß zu bleiben und mit hoher Hüfte zu laufen, so wie es die Top-Sprinterinnen aus den USA und Jamaika schon seit Längerem vormachen. Auch in Deutschland hat man sich dieses Technikbild mittlerweile angeeignet. „Wir arbeiten da ständig dran“, erzählt Pinto. Wie besonders harte Arbeit sieht das Ergebnis allerdings eigentlich gar nicht aus. Denn wenn Pinto rennt, beschleicht einen eher der Eindruck, als würde sie regelrecht über die Bahn hinwegschweben.

Ihre bisherigen Auftritte in der Halle wirken schon jetzt wie ein Versprechen für den Sommer. Über 100 Meter will Tatjana Pinto endlich die Schallmauer von elf Sekunden durchbrechen. Zwar war sie schon im vergangenen Jahr 10,96 Sekunden gelaufen, allerdings hatte der Wind dabei etwas zu heftig von hinten geblasen, sodass die Zeit nicht gewertet werden konnte.

Stattdessen war dann bei den Weltmeisterschaften in London Gina Lückenkemper in 10,95 Sekunden unter elf Sekunden geblieben – als erste deutsche Sprinterin seit 26 Jahren.

Anders als Pino hat die 21-jährige Lückenkemper die Hallensaison bereits abgebrochen. Sie konzentriert sich ganz auf den Sommer. Doch dank Pintos starken Auftritten fahren die deutschen Sprinterinnen trotzdem gelassen nach Birmingham. Eben ganz nach dem Motto: Alles ist gut.