Pyeongchang

Künstlerin auf dem Eis

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Carolina Kostner wehrt sich mit Ausdruckskraft gegen die jugendliche Konkurrenz und hofft noch auf Bronze

Pyeongchang. In ihren Augen spiegelten sich die wechselnden Emotionen ihrer musikalischen Begleitung, in den filigranen Bewegungen ihrer Hände lag so viel Anmut. Wäre die Ausdruckskraft allein entscheidend beim Eiskunstlauf, befände sich Carolina Kostner nach dem Kurzprogramm klar auf Medaillenkurs. Dann wäre das Gold in der Gangneung Eisarena zum Greifen nah für die Italienerin. Weit weg von den Medaillenplätzen ist Kostner auch unter Einbeziehung der technischen Note nicht. „Das war nicht mein bester Auftritt, ich war ein bisschen zittrig bei der Landung meines zweiten Sprungs“, sagte sie. Doch mit Platz sechs (73,15 Punkte) und fünf Zählern Rückstand auf Rang drei bietet die Kür am Freitag noch eine Chance.

Kostner erinnert etwas an Aljona Savchenko. Mit 34 Jahren war die deutsche Paarlaufsiegerin die älteste Athletin im Feld. Die Italienerin bestreitet ihre vierten Olympischen Spiele, ist 31 – natürlich ebenso die reifste Dame der weiblichen Konkurrenz – und zählt damit mehr als doppelt so viele Jahre wie die Führende nach dem Kurzprogramm. Die 15-jährige Russin Alina Sagitowa stellte mit ihrer technischen Stärke sogar einen Bestwert für eine Kurzkür auf mit 82,92 Punkten. Doch selbst sie kam nicht an die Bewertung der künstlerischen Präsentation Kostners heran.

Anders als Savchenko ging es Kostner in Südkorea nie um Gold. „Ich bin einfach nur froh, hier zu sein. Wenn ich nach Hause fahre, will ich das mit einem Lächeln tun und sagen können, dass ich mein Bestes gegeben habe.“ In der Gewissheit, etwas geschafft zu haben, das im Eiskunstlauf nicht selbstverständlich ist: in relativ hohem Alter nach langer Pause noch einmal auf hohem Niveau zurückzukehren.

Für die Unterbrechung ihrer Karriere, die mit dem WM-Titel 2012 und dem Bronzeplatz bei Olympia 2014 ihre Höhepunkte erlebte, trägt die Südtirolerin selbst die Verantwortung. Ein paar Monate nach den Spielen von Sotschi verheimlichte sie Dopingermittlern den Aufenthaltsort ihres damaligen Verlobten Alex Schwazer. Der Geher-Olympiasieger von 2008 war bereits 2012 überführt worden, Kostner wurde wegen der Behinderung der Ermittlungen für 21 Monate gesperrt. „Komplizierte Zeiten“ habe sie durchlebt, sagt sie.

Einfach war der Sprung zurück auf die eisige Bühne nicht. Neben der Arbeit in Oberstdorf mit ihrem Trainer Michael Huth, der auch die nach dem Kurzprogramm auf Platz 14 liegende Essenerin Nicole Schott betreut, holte sie sich Unterstützung von Legende Alexej Mischin. Der 76-jährige Russe führte Alexej Urmanow, Alexej Jagudin und zweimal Jewgeni Pluschenko zu Olympiagold, hatte bei Frauen aber nie ein gutes Händchen. Zu erbarmungslos in seinen Methoden, heißt es. Mit ihm zu arbeiten, sei nicht einfach, sagt Kostner. Üben bis über die Schmerzgrenze hinaus lautet eine Regel.

Bei den Europameisterschaften brachte ihr das nach dem Comeback jeweils Platz drei ein. In Pyeongchang verhindert die Konkurrenz aus Kanada und Japan, dass Carolina Kostner diesen Rang einnimmt. Mit einer besonders ausdrucksstarken Kür lässt sich das aber noch ändern.

( Marcel Stein )