Champions League

Real gegen Paris – Duell der ungleichen Supermächte

Im Achtelfinale treffen mit Real Madrid und Paris St. Germain die alten Galaktischen und die neuen aufeinander – sowie zwei Superstars.

Neymar (l.) von PSG ist ein Genie, das gern mal die Seele baumeln lässt

Neymar (l.) von PSG ist ein Genie, das gern mal die Seele baumeln lässt

Foto: GONZALO FUENTES / REUTERS

Berlin.  65, 64, 63 ... drei, zwei, eins: Der große Tag, auf den die Fußball-Welt seit der Achtelfinalauslosung rückwärts gezählt hat – er ist gekommen. Heute in der Champions League treffen sich Real Madrid und Paris St. Germain (20.45 Uhr/ZDF und Sky) zum ersten Duell der ungleichen Supermächte, und nach einer Formsteigerung zuletzt sehen die zuvor dauerkriselnden Spanier wieder etwas optimistischer auf die Angelegenheit. Wer ganz unten war und wiederkommt, ist oft umso gefährlicher, zumal wenn er Real Madrid heißt. Der größte Klub der Welt, nach wie vor, immer und ewig. Immer und ewig? Wenn ihn der PSG lässt. Für Madrid steht die Saison auf dem Spiel. Für Paris die Zukunft.

Es ist eines der klassischsten Leitmotive der Menschheit: Das Alte gegen das Neue, die Noblesse gegen den Parvenü. Verdichtet in einer Partie, die zum Epochenspiel avancieren könnte, denn beide Rollen sind auf höchstem Niveau besetzt. Auf der einen Seite die Mannschaft, die zuletzt als erste im modernen Format den wichtigsten Europacup verteidigen konnte. Auf der anderen der Klub, der Reichtümer wie keiner zuvor in die Hand nahm, um die angestammte Hierarchie zu stürzen.

Für Paris ist das Spiel vor allem eine mentale Herausforderung. Wird diesmal gelingen, was Unai Emery schon vor dem fatalen 1:6 von Barcelona im Vorjahr als Losung ausgab? „Wir müssen Persönlichkeit zeigen.“ Was aber damals so grandios daneben ging? Beim letzten Auftritt in Spanien brach der PSG weg und vergeigte einen 4:0-Vorsprung aus dem Hinspiel, „ich sah nur noch in ein Loch“, sagte Mittelfeldmann Adrien Rabiot über jene panischen Schlussminuten mit drei Gegentoren, in denen überhaupt nur fünf Ballkontakte gelangen. Damals trugen allerdings auch Schiedsrichterfehler von Denis Aytekin zum Desaster bei, nun pfeift der erfahrenere Italiener Gianluca Rocchi. Vor allem aber kommt das Auswärtsspiel, in dem die Angst auferstehen könnte, diesmal zuerst. Endgültig abgerechnet wird am 6. März im heimischen Prinzenpark.

Der Brasilianer verärgert PSG mit Nacktfotos im Schnee

Über die Machtfrage hinaus hat so ein Aufeinandertreffen natürlich auch Subplots. Insbesondere den um Neymar, den glamourösen Trickser, den sie in Madrid angeblich so gern bei sich hätten. Erst die Monate des Epilogs werden zeigen, inwieweit Real es wirklich auf ihn abgesehen hat. Und inwieweit die permanenten Gerüchte im Hinblick auf das Aufeinandertreffen nur bewusst im Umlauf gelassen wurden, um ein bisschen Verwirrung beim Gegner zu stiften. Wobei es dafür eigentlich gar nicht Madrid braucht, weil das Neymar schon selbst besorgt – zuletzt mit drei Tagen Geburtstagsparty und Nacktfotos auf Instagram, eines von umstrittenen Starfotograf Mario Testino, eines privat im Schnee – nur mit Unterhose und Weihnachtsmütze bedeckt, vier Tage vor dem Spiel in Madrid: Erkältet sollte er da heute besser nicht auflaufen, sonst wird irgendwann selbst die Engelsgeduld der Kataris überstrapaziert.

„Einer wie Neymar hat unvermeidlich Privilegien“, sagte Rabiot: „Mich stört es nicht.“ Alle erinnern sich ja, dass ihnen genauso ein Typ fehlte, etwa in jener Nacht von Barcelona, als Neymar für den Gegner „das beste Spiel meines Lebens“ machte. Den Brasilianer schert nichts, kein pfeifendes Stadion, kein tretender Rivale. Im Gegenteil, er scheint sich danach zu sehnen. Der Alltagsfußball ist ihm jedenfalls oft zu lästig. Und so gehörte zur jüngsten Geburtstagsorgie auch das Klubgeschenk: Ein Training und das Pokalspiel unter der Woche in Sochaux durfte Neymar aussetzen.

Reals Niederlage bei Kylian Mbappé

Vom ultraprofessionellen Cristiano Ronaldo mit seinen Schlaftrainern und Kältekammern könnte sich Neymar nicht stärker unterscheiden. Vor der direkten Attacke auf den Thron des Weltfußballers der letzten beiden Jahre ist auch das natürlich eine Geschichte, die über ein bloßes Spiel hinaus zeigt: Kann man in diesen Zeiten noch so freizügig wie Neymar leben und trotzdem der Beste sein?

Bei Real und in der spanischen Liga mit einem weit größeren Medieninteresse und härterer Konkurrenz ginge das wohl nicht, und so ist man sich beiderseitig keineswegs sicher, dass das mit Neymar in Madrid so eine gute Idee wäre. Abgesehen davon, dass PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi sowieso betont, Neymar bleibe „zu 2000 Prozent“ in Paris. Und ob sich Real-Präsident Florentino Pérez noch einen Korb abholen will wie vor Neymars Wechsel nach Europa? Da hatte er schon einen geheimen Medizincheck für Madrid absolviert – und ging dann trotzdem zum Erzrivalen Barcelona. Auch gegen den PSG haben die einstigen Transferkönige aus Madrid schon eine Niederlage am Markt erlitten. Aus diesem Grund müssen sie heute auch gegen Kylian Mbappé antreten. Der 19-jährige Angreifer stand eigentlich fest auf ihrer Liste, nur nicht unbedingt zu den Konditionen, die Paris bot: ein absolutes Spitzengehalt, eine Art Stammplatzgarantie und das Versprechen auf großen Glitzer. So wie es Real einst lehrte mit Figo, Zidane oder Beckham.

Letztlich kopieren die Franzosen nur Pérez’ alte Idee, über Stars die Marke zu potenzieren, und so begegnen sie sich nun also heute im Estadio Santiago Bernabéu: die alten Galaktischen und die neuen.

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