Essen

Wenn Fußballtrainer fliegen lernen

Mit Flugsimulationen üben Bundesliga-Coaches wie der Berliner Niko Kovac von Eintracht Frankfurt, in Drucksituationen besser zu bestehen

Essen. „Holt schon einmal eure Spucktüten raus.“ Stefan Kuntz lächelt und zieht den Sicherheitsgurt enger. Vor ihm liegt der Salzburger Flughafen, unter ihm liegen Berge. Plötzlich ruckelt es. Kuntz schaut nervös zur Seite. „Ich habe schon einmal die Landeklappen geöffnet und lass jetzt das Fahrwerk raus“, summt Jan Hünerfeld, der Kapitän. Auf der Stirn von Kuntz haben sich erste Schweißperlen gebildet. „Ruhig bleiben, alles paletti. Der Vogel ist bald da. Ready for landing?“ Kuntz nickt. Behutsam schiebt er den Sidestick nach unten, die Nase senkt sich. Die Landebahn kommt bedrohlich näher. „500, 400, 300, 200, 100“, sagt eine metallene Computerstimme. Kuntz bleibt cool, sein Blick fixiert den Asphalt. „50, 40, 20 - reach on“. Unten. Kuntz atmet tief durch. „Und? Sind die Tüten voll?“ Airbus 320 sicher gelandet. Passagiere wohlauf. Test bestanden, Pilot Kuntz.

Der Trainer der deutschen U-21-Fußball-Nationalelf ist einer von elf Teilnehmern einer Weiterbildungsmaßnahme der DFB-Akademie. „Entscheiden unter Zeitdruck“ heißt eines der elf Module und entführt die Elitetrainer diesmal nach Essen, Rehmanns Hof, zur TFC Flugbetrieb und Flugtechnik auf der stillgelegten Ruhrlandkaserne. Zwei brandneue Flugsimulatoren stehen in einer blitzsauberen Halle und führen die Bundesligatrainer, unter ihnen auch Frankfurts Erfolgscoach Niko Kovac und Augsburgs Manuel Baum, für zwei Tage in die Welt des Fliegens ein. „Taktik im Fußball wird überbewertet“, sagt Frank Wormuth, Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung beim DFB, „in diesem Bereich gibt es keine Überraschungen mehr, da können wir den meisten Trainern nichts mehr beibringen.“ Dafür will er sie in anderen Bereichen weiterbilden. „Wir wollen ihnen Hilfestellung geben, wie man in Drucksituationen die richtigen Entscheidungen trifft. Sich einmal in einen Piloten hineinzuversetzen und die Verantwortung zu spüren, Herr über das Leben von einigen hundert Passagieren zu sein, kann Trainer in ihrem Alltag stärker machen“, sagt Wormuth.

Mirko Slomka, Ex-Coach von Schalke 04, zurzeit auf Arbeitssuche, ist auch dabei. Fleißig macht er sich Notizen. Dann spaziert er Richtung Flugsimulator und beweist beißenden Humor. „Wir Trainer“, sagt er und lächelt, „sind es ja manchmal gewohnt zu fliegen.“ Sein Kollege Kovac fliegt gerade sportlich auf Wolke sieben. Platz vier mit Eintracht Frankfurt, ein Champions-League-Rang. Der in Berlin geborene Kroate saugt alle Informationen auf und vergleicht den Flugsimulator mit seiner täglichen Arbeit: „Du musst da auch eine Gruppe durch ruhige und turbulenten Zeiten führen. Deshalb sind die Eindrücke, die ich hier sammeln kann, für meinen Job als Trainer sehr hilfreich. Von zu viel Wissen wird der Kopf schließlich nicht blöder.“

Nicht alle Trainer können bei so einer ungewöhnlichen Weiterbildung dabei sein. Herthas Chefcoach Pal Dardai etwas musste passen. U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz jedenfalls zeigt sich begeistert: „Das hat großen Spaß gemacht“, trällert er, „das war ein kleines Abenteuer. Wir sind ja irgendwie auch noch kleine Kinder“, sagt er. „Und die Spucktüten hat auch niemand gebraucht.“