Nachwuchs

Im Berliner Fußball fehlen Jugendtrainer

Die Nachwuchsabteilungen der Berliner Fußball-Vereine leiden an einem Mangel an Übungsleitern. Viele Kinder müssen weggeschickt werden.

Sie wollen nur spielen. Doch die Berliner Vereine werden der Situation mit den ständig wachsenden Anfragen von Kindern nicht mehr Herr

Sie wollen nur spielen. Doch die Berliner Vereine werden der Situation mit den ständig wachsenden Anfragen von Kindern nicht mehr Herr

Foto: imago stock / imago/Frank Sorge

Berlin.  Nieselregen fällt langsam vom Himmel. Frank Elsner hat sich die Kapuze übergestülpt und den Reißverschluss hochgezogen. Der zweite Jugendleiter des SC Staaken schaut auf die Uhr. Noch kurz will er beim Training der D-Jugend zusehen. Dann muss er wieder ins Büro. Elternsprechzeit. Ehrenamt bedeutet, nie Zeit zu haben.

Fahles Licht kämpft seinen abendlichen Kampf mit der Winterdunkelheit, auf dem Platz tummeln sich um die 30 Kinder, zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Dazu fünf Trainer. „Es könnten doppelt so viele sein, wenn wir alle nehmen würden, die bei uns anfangen wollen“, sagt Elsner (51). Er meint die Kinder. Nicht die Trainer. Davon gibt es in Berlin inzwischen viel zu wenige.

Das Problem hat längst die Berliner Randgebiete erreicht

Es ist ein Problem, das im Berliner Amateurfußball schon länger herrscht. Vor allem im Jugendfußball ist das Gleichgewicht aus den Fugen geraten. Viel zu viele Anfragen, viel zu viele Kinder, viel zu wenig Trainer. Egal ob Spandau oder Köpenick, Reinickendorf oder Lichterfelde – die Situation ist die gleiche. „Wenn ich mich mit anderen Jugendleitern austausche, sind die Probleme stets identisch“, sagt Elsner. Vor einigen Jahren sei es zunächst nur die Innenstadt gewesen, wo Vereine des Ansturms auf Plätze in den Jugendteams nicht mehr Herr wurden. Mittlerweile habe es auch die Randbezirke erfasst. Randbezirke wie Staaken.

Beim SC Staaken gibt es in fast allen Altersklassen Leistungsmannschaften, die sich regional und überregional messen und zu den besten der Stadt gehören. Alle Trainer verfügen über Lizenzen. Bei den jüngeren Jahrgängen ist das nicht immer der Fall. „Wir nehmen auch Trainer ohne Lizenz. Sonst könnten wir nicht so viele Mannschaften stellen“, sagt Elsner. Derzeit sind es 29 Jugendteams, darunter zwei Mädchenmannschaften. Die zahlenmäßig stärksten Jahrgänge sind die D- und E-Junioren, also Kinder zwischen acht und zwölf Jahre. In beiden Altersklassen nehmen jeweils fünf Mannschaften am organisierten Spielbetrieb teil.

Berliner Fußball-Verband (BFV) erwartet 2018 den nächsten Anfragenrekord

Fünf pro Jahrgang ist für einen Verein dieser Größe keine Besonderheit. Beim FC Viktoria 1889 aus Lichterfelde, der über die größte Jugendabteilung Deutschlands verfügt, sind es neun bei den D-Junioren und elf bei den E-Junioren. Würde der Verein nicht auch Kinder ablehnen, er könnte längst zwanzig Mannschaften pro Altersklasse melden.

Für 2018 erwartet der Berliner Fußball-Verband (BFV) den nächsten Anfragenrekord. Das hängt vor allem mit der Weltmeisterschaft in Russland zusammen. Nach großen Turnieren, so die Erfahrung, ist das Interesse von Kindern am Fußball besonders groß. Waren es 2013 noch insgesamt 134.641 Jungen und Mädchen unter 18 Jahren, die in den Berliner Vereinen organisiert Fußball spielten, sind es vier Jahre später schon 150.959. Tendenz steigend. Was die Zahl der gemeldeten Mannschaften betrifft, überbietet ohnehin jedes neue Jahr das vorangegangene. In die Saison 2017/18 gingen 2036 Jungen- und Mädchenmannschaften. Bereits 2015, also im Anschluss an die WM in Brasilien, wurde erstmalig die Zahl von 2000 Teams durchbrochen.

In Schulen wurden Crashkurse für junge Coaches eingeführt

„Auf der einen Seite ist es schön, dass Fußball so attraktiv ist, dass viele Kinder in die Vereine kommen wollen. Nur kommen die meisten Klubs nicht mehr hinterher, wenn es darum geht, Trainer zu stellen“, sagt Gerd Liesegang (61). Der Vizepräsident des BFV nennt vor allem gesellschaftliche Veränderungen als Gründe. „Die Arbeitszeiten haben sich deutlich nach hinten verschoben, die Umfänge sind größer geworden. Es gibt immer weniger Menschen, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren“, sagt Liesegang.

Der BFV versuche, gegenzusteuern und Lösungen zu finden. So bietet der Verband eine „Jungtrainerausbildung“ an. An vier Berliner Schulen können Schüler bis 18 Jahre innerhalb einer Woche eine Art Crashkurs absolvieren und laut Liesegang eine sogenannte „Grundlizenz“ erwerben. Aber am Ende liege es auch an den Vereinen selbst, für Nachwuchs zu sorgen und Interesse am Trainerdasein zu wecken. Wie viele Trainer konkret fehlen, kann Liesegang nicht benennen. „Das ist von Klub zu Klub unterschiedlich. Meist sind es die kleineren Vereine, die noch stärker unter dem Mangel an Ehrenamtlern zu leiden haben“, sagt er.

Eltern müssen aushelfen, aber das erzeugt auch Probleme

Lizenztrainer sind für solche Vereine ohnehin Luxus. Bei Askania Coe­penick, einem Klub im Berliner Südosten, setzt Jugendleiter René Milczynski (30) verstärkt auf Eltern. Das bringt neue Probleme mit sich. Diese Eltern, die Trainer werden, wollen später keine anderen Mannschaften übernehmen, weil sie bei ihrem Kind bleiben möchten. Oder es kommt zu Missstimmungen, weil andere Eltern dem neuen Trainer vorwerfen, das eigene Kind zu bevorzugen. „Aber ohne die würde es überhaupt nicht mehr gehen“, sagt Milczynski. Sein Verein bietet den Eltern, die Trainer werden wollen, Weiterbildungsmöglichkeiten an. Die Kosten für den Erwerb von Lizenzen werden erstattet. Trotzdem ist die Suche sehr oft erfolglos. Vor allem für die G-Jugend, also für die Vier- bis Sechsjährigen, sucht Mil­czynski Trainer. Es ist paradox: Eltern wollen ihre Kinder immer früher zum Fußball schicken, nur wo die Trainer herkommen sollen, weiß niemand.

Die Berliner Klubs haben unterschiedliche Vorgehensweisen, um mit dem Missstand fertig zu werden. Einige führen Wartelisten, bei Askania Coepenick versucht René Milczynski nach dem Leistungsprinzip auszuwählen. Beim SC Staaken gilt für die Altersklassen zwischen sechs und zehn Jahren „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

Alle anderen müssen sich beim nächsten Verein umsehen. Und hoffen, dass sie dort mehr Glück haben.