Tennis

Roger Federer ist ein Phänomen

Nur Marin Cilic kann bei den Australian Open noch den 20. Grand-Slam-Titel des 36 Jahre alten Schweizers verhindern.

Starker Oldie: Roger Federer ist mit 36 Jahren der aktuell beste Tennisspieler der Welt. In Melbourne hat er 2018 noch keinen Satz verloren

Starker Oldie: Roger Federer ist mit 36 Jahren der aktuell beste Tennisspieler der Welt. In Melbourne hat er 2018 noch keinen Satz verloren

Foto: Michael Dodge / Getty Images

Melbourne.  Es war mal wieder das große Thema vor diesen Australian Open, überhaupt vor dieser Saison 2018. Die Frage, ob die nächste Generation im Welttennis endlich an der Vormachtstellung der munteren Alten kratzen würde. Doch wie sah die Zwischenabrechnung nun aus, am Grand-Slam-Schauplatz Melbourne, nach knapp zwei Wochen der Ausscheidungsspiele am anderen Ende der Welt? Es grüßte von dort, aus der Rod-Laver-Arena, der älteste Grand-Slam-Finalist seit 1972, ein gewisser Roger Federer – der ewige Maestro, der beharrliche Meisterspieler, der seine Karriere jenseits der Dreißig immer aufs immer Neue veredelt.

Chung muss im Halbfinale aufgeben

Fast ohne Anstrengung übersprang er die vorletzte Hürde auf dem Weg zu seinem 20. Major-Titel. Im Halbfinale warf sein 15 Jahre jüngerer Rivale Hyeon Chung nach 62 Minuten das Handtuch. Beim Stand von 1:6 und 2:5 gab der Südkoreaner wegen schmerzhafter Blutblasen unter den Füßen ein Match auf, das nie eines war. „So will man nicht gewinnen“, sagte Federer, „aber natürlich freue ich mich jetzt riesig auf das Endspiel. Und auf die Chance, den Titel verteidigen zu können.“

Kurios genug: Am Sonntag (9.30 Uhr/Eurosport) steht Federer mit dem Kroaten Marin Cilic ein Mann im Finale gegenüber, der vor rund einem halben Jahr ähnliche Probleme gegen ihn hatte wie aktuell der arme Chung. Tränenüberströmt saß Cilic damals auf seinem Stuhl, lange vor dem Ende des Wimbledon-Finals wusste der 29-Jährige, dass sein Titeltraum geplatzt war. Wie Chung ließ sich Cilic wegen Blasen an den Füßen behandeln, die Physiotherapeuten taten ihr Möglichstes, aber die Schmerzen waren größer als der Wille des Kroaten. Er spielte zwar noch zu Ende, doch es war kein normales Duell mehr. „Ich bin sicher, dass es Sonntag anders wird. Marin ist in großartiger Form. Ich stelle mich auf massive Gegenwehr ein“, sagte Federer.

Faszinierender als Zahlen ist der Mensch im Champion

Er selbst bleibt das Phänomen des Tennis. Der Schweizer repräsentiert zeitlose Klasse wie kein Zweiter. Als er am Freitag von Jim Courier, dem ehemaligen Weltranglisten-Ersten, gefragt wurde, wie sich die Chance anfühle, nun schon um den 20. Grand-Slam-Titel zu spielen, sagte Federer: „Es ist schlicht unglaublich. Das hätte ich vor einem Jahr noch für einen Witz gehalten.“ Damals hatte Federer vor dem Titelcoup gegen Rafael Nadal eine sechsmonatige Verletzungspause hinter sich gebracht. Zwischen Major-Titel Nummer 17 (2012, Wimbledon) und dem Sieg in Melbourne lagen viereinhalb Jahre. Federers Qualität sei, „über seine ganze Karriere eine grundsätzlich positive Attitüde auszustrahlen“, sagt Pat Cash, der australische Ex-Star: „Er glaubt unverwüstlich an seine Chance. Und er tut auch alles dafür, immer wieder neue Chancen zu bekommen.“

Federer hat in seiner Ausnahmekarriere alle Rekorde gebrochen, man könnte ganze Zeitungsseiten damit füllen – ohne dass es einem langweilig würde bei dem phänomenalen Zahlenwerk. Aber faszinierender ist der Mensch im Champion, der Mann, dem trotz seiner erdrückenden Dominanz selbst die Kollegen nie böse sein konnten. Federer ist mit seinen 36 Jahren mehr denn je der universale Tennis-Botschafter, neben dem knallharten Wettkämpfer, der er natürlich auch ist. In Melbourne ist das wieder einmal zu beobachten.

Zum 30. Mal im Finale eines der vier Grand-Slam-Turniere

Was passierte, als der ärgste Rivale Rafael Nadal wegen einer Hüftverletzung den Titelkampf einstellen musste? Federer schickte ihm noch vor der Abreise eine persönliche Botschaft, wünschte ihm das Beste für die Genesung. Was passierte, als Alexander Zverev geknickt nach seinem Knockout gegen Chung in die Kabine schlich? Federer munterte ihn auf, sagte ihm, er solle über diese Niederlage nicht die Perspektive für eine glänzende Karriere verlieren. Es gab noch mehr Beispiele für seine Lebenseinstellung: Es ist nett, wichtig zu sein. Aber noch wichtiger, nett zu sein.

Was die Nettigkeiten auf dem Centre-Court angeht, gilt für Federer immer dies: Der größte Respekt, den man einem Gegner erweisen kann, ist der eigene, bestmögliche Einsatz. Für die, die ihm bisher in Melbourne gegenüberstanden, gab es nicht viel zu holen, er ließ den Kollegen so weit noch keinen Satzgewinn, ganz gleich, welcher Altersklasse sie angehörten. Zwei Stunden und 14 Minuten, gegen den Tschechen Berdych – das war bisher noch der aufwendigste Einsatz des Eidgenossen. Nun das siebte Australian-Open-Finale, das 30. seiner Karriere bei einem der vier Grand Slams. Mit dem zwanzigsten Sieg? „Ich bin gerüstet für einen großen, intensiven Fight“, sagte Federer. Vielleicht hofft er selbst darauf, endlich mal gefordert zu werden.