Kitzbühel

„Wer in Kitzbühel gewinnt, ist auch bei Olympia Favorit“

Für Skirennläufer Thomas Dreßen ändert sich nach dem Weltcup-Triumph auf der Streif alles, auf der Piste genauso wie im sonstigen Leben

Kitzbühel. Die goldene Gams verpflichtet, das muss ein Streif-Sieger sehr schnell erfahren. Skirennläufer Thomas Dreßen hat nach einem bewegten Tag mit dem historischen Triumph auf der spektakulärsten Abfahrt der Welt einen anstrengenden Abend hinter sich. Geendet hat die Feier in der Nacht oder vielleicht auch erst am frühen Morgen im legendären Pub „The Londoner“. Ob Dreßen sich wie einst regelmäßig die „crazy Canucks“, die verrückten Kanadier um Ken Read und Steve Podborsky am Mobiliar der Kneipe vergriffen hat, ist nicht überliefert. Aber die für den Abfahrts-Hero des Hahnenkammrennens obligatorische Lokalrunde hat er jedenfalls ausgegeben.

Den Party-Marathon hat der 24-Jährige vom SC Mittenwald, so ist zu hören, ziemlich gut bewältigt. „Ich glaube, das gehört dazu“, sagte er. Dass das nicht alles ist, was sich im Sportlerleben des Thomas Dreßen mit der Fahrt auf der Streif ändern wird, hat noch im Zielraum sein Vorgänger als deutscher Hahnenkammsieger bereits angedeutet. Sepp Ferstl war wie jedes Jahr als Gast geladen und fieberte auf der Tribüne zunächst mit Dreßen, und später natürlich auch mit seinem Sohn „Pepi“. „Jetzt geht’s ja erst richtig los. Das ist ein armer Hund, weil er alles durchmachen muss“, sagte Ferstl, der 1978 und 1979 die prestigeträchtige Abfahrt gewonnen hatte. „Das ist ein Mythos, der mir immer noch nachrennt.“

Dreßen ist ein Sieg für die Ewigkeit gelungen. Es spielte keine Rolle, dass er etwas profitiert hat von der Sonne, die kurz vor seinem Start hinter den Wolken herkam. „Er hat wirklich eine gute Fahrt gemacht und durchgezogen, dass man einfach so anerkennen“, sagte der Schweizer Beat Feuz, den der Deutsche vom ersten Platz verdrängt hatte. „Das hat einen Nachhall“, sagt Wolfgang Maier, Alpinchef im Deutschen Skiverband (DSV) und glaubt sogar: „Die Olympiasieger sind bei weitem nicht so bekannt wie die Kitzbühel-Sieger.“ Aber vor allem hat Dreßen ein Signal für die bevorstehenden Spiele in Südkorea gesendet. „Das lässt sich jetzt nicht wegdiskutieren, wenn du Kitzbühel gewinnst unmittelbar vor Olympia, dass du dann einer der Favoriten bist“, weiß Cheftrainer Mathias Berthold , der vor vier Jahren mit der Vision zum DSV zurückgekehrt war, zu den Winterspielen 2018 eine konkurrenzfähige Abfahrtsmannschaft schicken zu können.

Allerdings dachten da Berthold und sein Abfahrtstrainer Christian Schwaiger zunächst an Andreas Sander und Josef Ferstl junior, die bis zu dieser Saison hauptsächlich für den Aufwärtstrend des Speedteams standen, aber nun im Schatten von Dreßen stehen. Am Sonnabend rundete Sander als Sechster und Ferstl als 20. den deutschen Austritt ab.

Sein Vater war bei einem Seilbahnunfall umgekommen

Dreßen schaffte schneller als viele seiner Alterskollegen den Anschluss an die Weltelite und etablierte sich schon in seiner zweiten Saison im Kreis der Besten als Dritter von Beaver Creek und Fünfter von Wengen in der Vorwoche. Berthold lobt Dreßens Fähigkeit, schnell zu lernen und Dinge umzusetzen, die wichtig sind. Trotzdem schien ihm für einen Coup auf der Streif noch Erfahrung zu fehlen. Mit Ausnahme von Domink Paris, der 2013 als 23-Jähriger gewann, war in diesem Jahrtausend kein Fahrer jünger. Von seinen Trainern bekam er mit auf seine erste zweite Abfahrt in Kitzbühel, bei seiner Premiere im vergangenen Jahr war er ausgeschieden, „nicht unbedingt total ans Limit zu gehen“, sagt Berthold. „Er sollte cool bleiben, attackieren aber nicht hasardieren, weil wir nicht wollen, das Thomas an die hundert Prozent rangeht, sondern dass er in einem Bereich ist, in dem er sicher fühlt.“

Als Dreßen nach gut zwei Minuten Fahrzeit abschwang, dachte er beim ersten Blick auf die Zeittafel zunächst: „Die wollen mich verarschen.“ Er kapierte aber schnell, dass ihm tatsächlich Historisches gelungen war und hatte sogar noch Energie für einen Begeisterungsausbruch. Er schrie seine Freude heraus, ehe er in die Knie ging und kurz innhielt. Es war der Moment, wie er später zugab, an dem er an seinen Vater dachte. Der war 2005 bei einem Seilbahnunglück in Sölden ums Leben gekommen. Der damals zwölfjährige Thomas machte weiter, für den Vater, der auch sein Trainer gewesen war. „Aber der Dank geht nicht nur nach oben, sondern auch zu meiner Mama. Wenn die mich nicht so unterstützt hätte, wäre ich jetzt nicht da.“ Ganz weit oben, beinahe im Ski-Olymp.