Krisen-Verein

Bernd Hollerbach soll mal eben schnell den HSV retten

Bernd Hollerbach wird Nachfolger des entlassenen Trainers Markus Gisdol – man kennt ihn in Hamburg bestens.

Bernd Hollerbach trug 197 Mal das Trikot des HSV, hat den Verein immer im Herzen behalten

Bernd Hollerbach trug 197 Mal das Trikot des HSV, hat den Verein immer im Herzen behalten

Foto: picture alliance

Hamburg. Der Hamburger SV hatte die Verpflichtung Bernd Hollerbachs (48) als neuen HSV-Trainer offiziell noch gar nicht vermeldet, da machte in den sozialen Netzen sein Leitspruch von anno dazumal bereits die Runde: „An mir kommt entweder der Ball ­vorbei oder der Gegner. Aber nie beide zusammen.“

Hollerbach also. Ein Kratzer, ein Beißer, ein Krieger. Der Defensivkämpfer von gestern soll ab heute nun den Abstiegskampf des HSV anführen. Offiziell wird er am Montagmittag in Hamburg vorgestellt. Nach dem 0:2 gegen den Liga-Letzten 1. FC Köln war der Arbeitsauftrag für Markus Gisdol erwartungsgemäß abgelaufen. Sonntagmorgen teilte HSV-Vorstand Heribert Bruchhagen dem Trainer die sofortige Beurlaubung mit. Gisdol sagte danach, was geschasste Übungsleiter in solchen Momenten so sagen: „Ich hätte gerne weitergemacht.“ Für solche Aussagen gibt es dann gewöhnlich satte Abfindungen. Der Vertrag des 48-Jährigen läuft noch bis Juni 2019. Gisdol verdient rund 1,7 Millionen Euro im Jahr.

Die Freistellung Gisdols kam nicht mehr überraschend – die zügige Entscheidung für Hollerbach dagegen schon. „Der neue Trainer hatte die Möglichkeit, sich intensiv mit der Mannschaft auseinanderzusetzen“, sagte Bruchhagen, der keinen Hehl daraus machen wollte, dass er und Sportchef Jens Todt sich schon lange Zeit vor dem „Abstiegsfinale“ gegen Köln nach einer Alternative umgeschaut hatten. „Wir haben mehrere Kandidaten abgeklopft, aber unser Ziel war immer ausschließlich, dass wir gegen Köln zu drei ­Punkten kommen.“

Das Ziel wurde krachend verfehlt – wie so ziemlich alle anderen in dieser Saison. Deswegen hatte Todt bereits nach dem schwachen 0:1 in Augsburg zum Rückrunden-Auftakt den Kontakt zu Hollerbach gesucht und ihn gefragt, ob er im Falle eines erneuten Misserfolgs gegen Köln zur Verfügung stünde. Der Würzburger signalisierte sofort Bereitschaft, wodurch Todt die üblichen Wir-halten-am-Trainer-fest-Floskeln im Anschluss an die Heimpleite gegen Köln erspart blieben.

Hollerbach ist in Hamburg ein alter Bekannter. Er spielte 143 Mal für den FC St. Pauli (1991 bis 1995) und 197 Mal für den HSV (1996 bis 2004). Als er am 22. Mai 2004 beim 2:1 gegen Eintracht Frankfurt zum letzten Mal das HSV-Trikot trug, verkündete der damals 34-Jährige sein Karriereende als Spieler: „Der HSV ist mein Verein, ist der Verein, mit dem ich die schönste Zeit verlebt habe, an dem ich emotional sehr hänge und mit dem ich mich sehr identifiziere. Ich täte mich schwer, mich woanders zu motivieren, und möchte den HSV im Herzen ­behalten.“

Magath kritisiert Zeitpunkt der Entscheidung als zu spät

Nach ersten Gehversuchen als Trainer beim VfL 93 in Hamburg (2005) und beim VfB Lübeck in der Regionalliga Nord (2006/07) holte ihn sein Freund Felix Magath im Juni 2007 zum VfL Wolfsburg, wo er als Co-Trainer des Profiteams fungierte und vorübergehend die zweite Mannschaft in der Regionalliga Nord übernahm. Eine weise Entscheidung: Zum Ende der Saison 2008/09 feierte Hollerbach mit den Niedersachsen den Gewinn der deutschen Meisterschaft. Als Magath im Sommer 2009 zum FC Schalke wechselte, nahm er seinen Assistenten mit. Genau wie im März 2011, als das Duo direkt nach dem Aus in Gelsenkirchen erneut den VfL Wolfsburg übernahm (bis Oktober 2012). Danach trennten sich ihre Wege. Magath, der kurz zuvor als Vorstand und Trainer beim HSV im Gespräch war, wechselte 2014 in die Premiere League zum FC Fulham, Hollerbach wurde Trainer bei seinem Heimatverein Würzburger Kickers, führte ihn aus der Regionalliga Bayern in die Zweite Liga. Nach dem Abstieg der Unterfranken im vergangenen Jahr trat er am 22. Mai als Cheftrainer zurück.

„Ich traue Bernd zu, den HSV voranzubringen und die Wende zu schaffen“, sagte Magath. „Er kennt die Bundesliga, was in der jetzigen Situation eine wichtige Voraussetzung ist. Er war kein Anhängsel in meinem Trainerteam, sondern immer ein ganz wichtiger Mitstreiter. Unsere gemeinsamen Erfolge sind auch sein ­Verdienst.“ Den Zeitpunkt des Trainerwechsels hält Magath jedoch nicht für optimal. „Die Chance auf einen Sieg gegen Köln wäre – von außen betrachtet – mit einem neuen Coach wahrscheinlich weit größer gewesen. Da hat der HSV drei Punkte verschenkt.“

Die und noch viele mehr muss ­Hollerbach jetzt holen, wollen die Hamburger auch noch ihre 56. Bundesliga-Saison in Folge erleben.