Tennis

Angriff der neuen Generation um Alexander Zverev

Junge Spieler wie der Hamburger drängen auf den Thron im Männertennis. Doch noch kommt sie an den Altstars um Federer nicht vorbei.

Der Hamburger Alexander Zverev tritt als Nummer vier der Welt ab Montag bei den Australian Open in Melbourne an

Der Hamburger Alexander Zverev tritt als Nummer vier der Welt ab Montag bei den Australian Open in Melbourne an

Foto: Michael Dodge / Getty Images

Melbourne.  Alexander Zverev weiß genau, was ihn bei einem Grand-Slam-Turnier wie den Australian Open inzwischen mit großer Selbstverständlichkeit erwartet. Natürlich die heftige Gegenwehr seiner Konkurrenten, Zverev ist längst nicht mehr der Jäger in der großen Karawane der Tennisprofis, sondern der Gehetzte, der Mann auf Platz vier der Weltrangliste, gegen den es sich zu siegen lohnt. Aber da sind eben auch die hohen Ansprüche, die sich mit seinem Namen verbinden, die Spekulationen, der 20-Jährige sei in näherer oder mittlerer Zukunft die Nummer eins dieses globalen Sports.

„Ich höre nicht drauf, es hat keine Bedeutung für mich“, sagt Zverev, wenn er mit diesen Prophezeiungen konfrontiert wird, „es hat schon so viele Wunderkinder gegeben, potenzielle Nummer-eins-Spieler, aus denen nichts geworden ist.“ Also sei es am besten, gibt Zverev zu Protokoll, „man macht seine Arbeit, tut jeden Tag das Bestmögliche, um einmal ganz vorn zu stehen. Im Alltag kann ich mich nicht um diese Dinge kümmern.“

Fast alle Topstars der Szene sind älter als dreißig Jahre

Zverev ist der Stärkste und Beste aus einer Altersgruppe von jungen Spielern, die von der Profigewerkschaft ATP gern in Marketingsprache als „NextGen“ bezeichnet wird. Im vergangenen Jahr veranstaltete die ATP sogar eine eigene Weltmeisterschaft für die Stars von morgen in Mailand. Zverev allerdings, der Vorzeigespieler der nächsten Generation, war gar nicht dabei, er hatte es schon zum regulären ATP-Finale nach London geschafft. Dort gewann der Bulgare Grigor Dimitrow (26), dessen Karriere dadurch geprägt war, dass man ihn schon seit vielen Jahren als nächsten Topmann bezeichnete und der die versammelte Expertenschaft dann ebenso regelmäßig schief liegen ließ und enttäuschte.

Das Kuriose am Beispiel Dimitrow ist womöglich, dass man in ihm trotzdem noch einen Vertreter der eigentlich „nächsten Generation“ vor sich haben könnte – in einer Tennisära, in der es mittlerweile als normal gilt, dass beinahe alle Spieler aus der engeren Weltspitze älter als dreißig Jahre sind. Federer, der Mann des Jahres 2017, ist sogar schon 36, und nichts deutet auf einen schnellen Abgang des geschätzten Maestro hin. „Im Tennis verschiebt sich gerade alles in der Altersfrage“, sagt der Schwede Mats Wilander, einst selbst die Nummer eins, „Spieler, die Anfang zwanzig schon so weit vorn stehen wie Zverev, sind eher atypisch.“ Spieler brauchen nach Wilanders Eindruck im modernen Tennis mehrere Jahre, um sich vollständig in der rauhen Arbeitswelt der Tingeltour zu akklimatisieren: „Der Jugendwahn liegt hinter uns, diese Teenager-Sensationen gibt es einfach nicht mehr“, sagt der Schwede, „um wirklich zum Gipfel zu gelangen, braucht man Erfahrung, psychische und physische Robustheit. Aktuell mehr denn je, denn der Konkurrenzkampf wird immer härter.“

Federer und Nadal teilten sich die Grand-Slam-Titel 2017

Schaut man etwas genauer auf 2017 zurück, dann war die sogenannte nächste Generation zwar in aller Munde – wieder und wieder brandete das Thema auf, speziell in Gestalt von Zverev, aber auch umgekehrt in Person des am frühen Erwartungsdruck scheiternden Nick Kyrgios (22). Es gab sie, die blitzlichtartigen Momentaufnahmen, in denen junge Spieler zu großer Hoffnung Anlass gaben. Dennoch dominierten wieder die Alten das Geschehen. Federer, der magische Comebacker. Und der ewige Kämpfer und Dauerrückkehrer Rafael Nadal (31).

Alle vier Grand-Slam-Titel nahmen sie in ihren Besitz. Spielern wie Zverev blieb gerade auf den größten Bühnen das Nachsehen, im Herbst hatten viele der Youngster körperliche Probleme. Er sei in ein Tief gefallen, bekannte Österreichs Star Dominic Thiem (24): „Was du auf der Tour leisten musst, ist schon brutal.“ Zverev, sein Freund, assistierte mit dem Fazit: „Es ist alles noch ein großer Lernprozess für mich. Auch das Umgehen mit den Hochs und Tiefs. Das Leben auf öffentlicher Bühne ist oft schmerzlich.“

Das, was gemeinhin als Durchbruch der neuen Generation bezeichnet wird, ist auch 2018 nicht zu erwarten – nämlich ein flächendeckender Erfolg bei den Grand Slams oder die Besetzung vieler absoluter Spitzenpositionen. Die Beharrungskräfte an der Spitze, bei den alterprobten Cracks um Federer und Nadal, sind im Wortsinne stark. Auf ATP-Weltmeister Dimitrow konzentriert sich personell die Frage, ob die Mittzwanziger in der Führungselite für mehr als erwartungsvolle Schlagzeilen gut sind, auch jetzt in Melbourne, bei den Australian Open. Andere neben Dimitrow zählen dazu: der Belgier David Goffin, der Amerikaner Jack Sock, der Spanier Pablo Carrena-Busta, der Kanadier Milos Raonic.

Zverev will 2018 eines der vier großen Turniere gewinnen

Zverev, der Ausnahmemann aus der eher übernächsten Generation, hat ein hartes Jahr vor sich, das schwere zweite Jahr in der Gipfelregion. Er hat angekündigt, nach einem eher schwachen Grand-Slam-Jahr 2017 nun bei einem der Majors triumphieren zu wollen – gegen alle Opposition, die ihn bestens kennt und nicht mehr mit Überraschungseffekten zu kämpfen hat. Zverev könnte der jüngste Grand-Slam-Champion seit Juan Martin del Potro werden (2009/US Open). Aber er könnte auch zum Prototyp einer Generation werden, die noch weiter reifen und weiter warten muss.