Duell mit dem Vorbild

Herthas Davie Selke – „Mario Gomez war mein Idol“

Hertha-Stürmer Davie Selke spricht im Interview über das Duell mit seinem früheren Vorbild, die WM und die Konkurrenz zu Vedad Ibisevic

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Berlin.  Vor dem Interview warnt Herthas Pressesprecher Davie Selke vor dem Berliner Dialekt des Fragestellers. Selke antwortet, indem er nach Leibeskräften schwäbelt, doch schon bald lassen beide Seiten die sprachlichen Waffen fallen. Vor dem heutigen Rückrundenstart in Stuttgart (15.30 Uhr, Sky) entsteht ein Gespräch über das spezielle Verhältnis zu Gegner VfB, Trainingseinheiten mit dem Opa und das Vorbild Mario Gomez.

Davie Selke, wir wollen jetzt nicht damit anfangen, aber das Spiel in Stuttgart ...

Davie Selke: … doch, doch, sagen Sie es ruhig. Das Spiel in Stuttgart ist ein besonderes für mich. Ich bin Schwabe, stamme aus der Gegend und möchte nach der Karriere auch wieder dort leben. Der VfB hat früh in meinem Leben eine Rolle gespielt.

Sie haben in der Jugend sogar dort angeheuert. Warum hat es damals nicht geklappt mit Ihnen und Stuttgart?

Mir wurde damals in der U13 gesagt, dass es nicht reicht. Ganz einfach. Somit war meine Zeit beim VfB nach nur einem Jahr wieder vorbei.

Wie haben Sie diese Abfuhr verkraftet?

Ich habe in meinen Teams immer getroffen, selbst beim VfB, auch wenn es auf diesem Niveau viel schwerer war als vorher. Plötzlich heißt es dann, du bist nicht gut genug. Das zu hören, war hart, erst recht, wenn es von dem Verein kommt, wo deine Vorbilder spielen. Als Schwabe war es für mich eine Ehre, für den VfB zu spielen, da war ich mächtig stolz drauf.

Wie ging es weiter?

Ich bin zu einem kleineren Verein, Normannia Gmünd, wo es wieder besser lief. Dort wurde Hoffenheim auf mich aufmerksam. Bei der TSG habe ich eine hervorragende Ausbildung erhalten und Vertrauen bekommen. Der Wechsel war ein ganz wichtiger Schritt auf meinem Weg zum Profi.

Mussten Sie auf dem Weg nach oben große Opfer bringen?

Eine wirkliche Kindheit habe ich nicht gehabt. Später als Jugendlicher bin ich auch nicht groß feiern gegangen. Das mache ich bis heute nicht, ich bin kein Feierbiest. Ich habe früh alles meinem Ziel untergeordnet. Immer, wenn ich neben der Schule Zeit hatte, habe ich trainiert – im Verein oder zu Hause mit meinem Opa.

Wie sahen die Einheiten mit Ihrem Opa konkret aus?

Er stand im Tor, ich musste schießen. Er hat immer gesagt: „Schieß nicht so hart, versuch’ lieber, platziert in die Ecken zu schießen.“ Bis heute bin ich eher der Schlenzer geblieben. Daneben haben wir oft am Antritt gearbeitet. Er hat den Ball gerollt und ich musste ihn vor einer bestimmten Linie erreichen.

Während Sie mit Ihrem Opa im Garten kickten, gewann der VfB mit Mario Gomez 2007 die Meisterschaft? Wie haben Sie das damals wahrgenommen?

Für mich waren das Idole. Ich war öfter im Stadion und habe den Hype mitbekommen. Mario hatte eine extrem dominante Zeit.

Waren Sie Fan von Gomez?

Ja. Ich habe mich an ihm orientiert, an seiner Art zu spielen und auch an seiner Art außerhalb. Er ist ein entspannter Typ, das finde ich cool. Wenn ich als Kind im Stadion war, habe ich versucht, mir viel von ihm abzuschauen.

Aktuell liegen Sie in der Torjägerliste deutlich vor Gomez. Gibt es immer noch etwas, das Sie an ihm bewundern?

Viel sogar – vor allem wie er im Laufe seiner Karriere mit Rückschlägen umgegangen ist. Er hat häufig Gegenwind bekommen, obwohl er immer eine tolle Quote hatte. Trotzdem hat er nichts darauf gegeben und sein Ding durchgezogen. Das fand ich immer stark.

Erkennen Sie sich ein Stück weit darin wieder?

Ich habe auch schon einiges erlebt und werde sicher auch noch mehr Rückschläge hinnehmen müssen. Aber das gehört dazu.

Was kann Gomez, was Sie nicht können?

Ich möchte mich gar nicht mit ihm vergleichen. Er ist sehr kaltschnäuzig, sehr abgezockt. Trotzdem arbeitet er noch viel für die Mannschaft. Das verdient Respekt.

Wer sind für Sie gerade die drei besten deutschen Stürmer?

Das ist nicht so mein Thema. Timo Werner hat einen Lauf und ist eine Klasse für sich. Es ist schon beeindruckend, wie konstant er im zweiten Jahr auf so hohem Niveau spielt. Auch er hat schon Widerstände gehabt und ist gestärkt daraus hervorgegangen.

Als welchen Typ Torjäger würden Sie sich beschreiben?

Als einen, der seine Stärken um den Sechzehner herum hat. Auch im Konterspiel habe ich Stärken, wenn ich Platz habe und Tempo aufnehmen kann. Wenn ich weniger Platz habe und der Gegner eher tief steht, muss ich mich noch verbessern.

Sie legen sich gern mit Ihrem Gegner an. Sind Sie der geborene Trash-Talker?

Kommt ganz auf den Gegenspieler an. Manchmal ja, manchmal nein. Wenn das Spiel angepfiffen wird, bin ich ein anderer Mensch. Dann bin ich im Film.

Was passiert, wenn Sie auf einen Verteidiger treffen, der auch gern verbal austeilt?

Dann wird’s unangenehm, dann kann’s auch mal knallen. Aber ich finde, das gehört dazu. Wenn man sich hinterher wieder die Hand gibt, ist alles okay.

Brauchen Sie die Konfrontation und das Adrenalin?

Würde ich schon sagen. Das Hochpushen ist sehr wichtig für mich. Ich will unbedingt das Beste für mich und mein Team. Das ist ein wichtiger Part.

Es heißt, Stürmer brauchen das Vertrauen ihrer Trainer. Sie wirken ungemein selbstbewusst. Kennen Sie überhaupt so etwas wie Selbstzweifel?

Vor meiner Leipziger Zeit habe ich mich eher selten hinterfragt. In diesem Punkt hat mich die Zeit dort weitergebracht. Viel hängt auch immer damit zusammen, wie man sich gerade fühlt. Wenn alles passt, man seine Minuten bekommt und im Team alles gut ist, läuft es oft von alleine. Dann tritt man ganz anders auf und spielt anders.

So wie jetzt in Berlin?

Ich fühle mich hier einfach sehr, sehr wohl. Ich weiß jetzt, dass ich ein intaktes Umfeld benötige. Ich brauche Lockerheit, Menschlichkeit und Vertrauen. Nach Leipzig weiß ich, dass ich nicht einfach irgendwo hingehen kann und sage, das klappt schon.

Sie gelten seit der Jugend als extrem ehrgeiziger Typ. Welche Rolle spielt die WM in Russland in Ihren Gedanken?

Keine. Ich bin sehr froh darüber, wie die Hinrunde für mich gelaufen ist. Nach der Verletzung so zurückzukommen, war nicht selbstverständlich – da bin ich den Leuten bei Hertha sehr dankbar. In der Rückrunde will ich einfach noch ein paar Buden machen, am besten noch mal so viele wie in der Hinrunde (acht in 14 Pflichtspielen, d. Red.). Wenn am Ende aus irgendwelchen Gründen die Option Russland da ist, beschäftige ich mich auch damit. Jetzt ist es aber noch nicht soweit.

Welches Ziel haben Sie mit Hertha?

Wir wollen eine bessere Rückrunde spielen als in den vergangenen Jahren. Letzte Saison hat es auswärts kaum funktioniert. In dieser Saison haben wir auswärts gezeigt, dass wir Spiele gewinnen können.

Sie haben sowohl als alleinige Spitze als auch mit Vedad Ibisevic als zweitem Stürmer gespielt. Was liegt Ihnen mehr?

Das kommt immer auf den Gegner an. Vedad und ich haben auch schon gezeigt, dass wir zusammen vorne spielen können. In den letzten Spielen hat es auch mit einer Spitze gut geklappt.

Mit welchem Partner haben Sie bisher am besten harmoniert bisher?

Mit Yussuf Poulsen in Leipzig. Wir haben uns menschlich einfach gut verstanden, das ist nicht immer der Fall. Hier mit Vedad verstehe ich mich auch. Wir reden regelmäßig. Er sagt mir, wie er die Dinge sieht. Ich sage ihm auch meine Meinung. Einfach ein offener Austausch – das ist absolut cool.

Spielen wollen Sie beide.

Klar! Wenn wir nur mit einer Spitze spielen, wird es jede Woche ein Kampf. Letztlich geht es aber immer um den Erfolg der Mannschaft.

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