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Die unglaubliche Geschichte des Leon Bailey

Der Leverkusener ist die Entdeckung der Bundesliga-Saison. Sein Aufstieg aus der Armut gelang ihm trotz eines windigen Stiefvaters.

Leon Bailey kam vor einem Jahr für zwölf Millionen Euro aus Genk. In der Hinrunde traf er acht Mal in 16 Pflichtspielen für Bayer 04 Leverkusen

Leon Bailey kam vor einem Jahr für zwölf Millionen Euro aus Genk. In der Hinrunde traf er acht Mal in 16 Pflichtspielen für Bayer 04 Leverkusen

Foto: Marius Becker / dpa

Leverkusen.  Es war Zufall, aber irgendwie passte das auch. Als hätte das Universum Sinn für Humor. Einen Tag vor Weihnachten begegnete Leon Bailey am Flughafen in London Usain Bolt. Beide wollten nach Hause, nach Kingston. Sie redeten über Fußball. Zwei Jamaikaner, die in dieselbe Richtung reisten, deren Flugbahnen nun jedoch entgegengesetzt verlaufen. Während der eine, einst grellste Stern am Sporthimmel gerade verblasst, beginnt der andere langsam zu strahlen. Bolt, der 31 Jahre alte, entthronte Sprintkönig, der seine Karriere 2017 beendet hat, und Bailey, der 20-Jährige, der bei Bayer Leverkusen zur Entdeckung der Bundesliga-Hinrunde aufstieg. Vielleicht ist er der neue Tempomacher des jamaikanischen Sports.

„Leon hat eine perfekte Mischung aus einer enormen Geschwindigkeit, starker Technik und dem Mut, ständig in Eins-gegen-eins-Situationen zu gehen“, sagt Jonas Boldt, Leverkusens Manager, der Morgenpost. Bailey ist nämlich eine Art Bolt mit Ball. In den Zusammenschnitt der besten Hinrundenszenen gehören zwingend seine beiden Treffer beim 4:4 gegen Hannover. Da startete er aus der eigenen Hälfte und lief allen Gegnern unverschämt leichtfüßig davon.

Zum Rückrundenstart geht es gegen die Bayern

„Chippy“, wie Bailey genannt wird, hat nicht nur landesweit von allen Profis die besten Noten der Fußballpresse erhalten. Er erzielte in 16 Pflichtspielen auch acht Tore, bereitete fünf Treffer vor und ist ein Grund dafür, warum sie in Leverkusen daran glauben, zum Rückrundenstart am Freitag gegen den enteilten FC Bayern bestehen zu können (20.30 Uhr, ZDF). „Bayern ist das Nonplusultra, aber Leverkusen muss sich vor niemandem verstecken“, sagt Boldt. Seit 2013 hat die Werkself zu Hause nicht mehr gegen die Münchner verloren – in dieser Saison überhaupt noch kein Heimspiel. Bayer ist Vierter und unterhält das momentan aufregendste Team der Liga. Bailey ist darin der aufregendste Spieler.

Vor fünf Jahren noch war diese Entwicklung durchaus unwahrscheinlich. Da stand Leon Bailey mit 15 im belgischen Genk – und galt als illegal. Sein Stiefvater, Craig Butler, ein windiger Fußballunternehmer, der in Jamaika sechs Jahre lang für alle Transfergeschäfte gesperrt wurde, war verschwunden.

In Belgien gilt er mit 15 als „unbegleiteter Minderjähriger“

Butler hatte Bailey und dessen Stiefbruder Kyle schon mit 14 nach Europa gebracht. Bei der U15 des österreichischen Regionalligisten USK Anif soll Bailey mal 75 Tore in 16 Partien erzielt haben, was sich aber nicht belegen lässt. Und vermeintlich falsche Angaben gibt es in seiner Geschichte genug. Über Probetrainings landete Bailey beim belgischen Topklub KRC Genk. Und als dieser ihn mit 16 unter Vertrag nehmen wollte, tauchte Craig Butler ab. Offiziell galten seine Söhne nun als „unbegleitete Minderjährige“.

„Das war eine kranke Situation“, sagt Genks Technischer Direktor Gunter Jacob. „Um zu verhindern, dass die Jungs auf der Straße herumliefen, haben wir dafür gesorgt, dass sie zur Schule gehen konnten und bei uns ausgebildet wurden.“ Butler tauchte nach vier Monaten wieder auf, erzählte die Räuberpistole, dass er in Mexiko überfallen und in der Wüste zurückgelassen worden sei. Als sich die Behörden mit dem Fall beschäftigten, verschwand er mit seinen Söhnen für zwei Jahre in die Slowakei. Bailey kickte in der U19 des AS Trencin, bevor ihn Genk mit 18 doch verpflichtete.

Aufgewachsen in einem Problemkiez in Kingston

Dass dieser Junge das Ticket zum Geld sein könnte, ahnte Craig Butler. In Kingston lebte die Familie im Problemviertel Cassava Piece, wo sich Banden bekriegen. In Genk gab Bailey 2015 sein Profidebüt. In seiner ersten Saison wurde er zum besten Nachwuchsspieler der Liga gewählt. In seiner zweiten schoss er in der Europa League sieben Tore in zwölf Spielen und bereitete drei Treffer vor. Boldt und die Leverkusener Scouts waren derart angetan, dass sie im Winter 2017 von ihrem Plan abrückten: „Eigentlich wollten wir Leon erst im Sommer holen“, sagt der 35-Jährige. Aber Bailey, angespitzt durch den Stiefvater, wollte unbedingt weg aus Genk. Die Belgier waren nicht besonders am Bruder Kyle interessiert, was Butler missfiel. Bayer schlug zu, bezahlte zwölf Millionen Euro, ohne den Bruder mitzuverpflichten. Aber Bailey funktionierte zunächst nicht.

Acht Spiele bestritt er in seinem ersten Halbjahr, nie stand er in der Startelf, kein Tor gelang ihm. Erst, als Heiko Herrlich im Sommer neuer Bayer-Trainer wurde, zeigte er sich als der aufregende Spieler. Herrlich lässt Bailey bisweilen in einem 3-5-2-System als Außenverteidiger- und Außenstürmerhybrid fungieren, was ihm den Platz gibt, seine Sprintstärke auszuspielen.

Bayer-Manager Boldt schließt einen Winterverkauf aus

Wäre also alles schön für Leverkusen. Boldt ist ein Toptransfer gelungen, der irgendwann mit hoher Rendite weiterverkauft werden kann. Das Problem ist nur, dass Craig Butler weiterhin als Berater des Spielers fungiert. Er postet bei Facebook jeden Artikel über ein angebliches Interesse englischer Klubs an Bailey – mal ist es Arsenal, mal Chelsea.

In Leverkusen kommt das naturgemäß nicht so gut an. „Ein Verkauf in diesem Winter ist völlig ausgeschlossen“, sagt Boldt. „Wenn Leon jetzt bestätigt, was er in der Hinrunde gezeigt hat, dann wird er irgendwann Angebote von anderen Klubs bekommen.“ Bailey hat kürzlich erzählt, dass er von England träumt. Und wenn man sich seinen Aufstieg aus der Armut über die Turbulenzen in Belgien bis hin zum Bundesligasternchen so ansieht, dann kann man davon ausgehen, dass seine Reiseflughöhe in Leverkusen noch nicht erreicht ist.

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