Fußball

Die Rückkehr der Prellböcke

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Jörn Meyn
Ball im Blick: Sandro Wagner im Trainingslager des FC Bayern in Doha

Ball im Blick: Sandro Wagner im Trainingslager des FC Bayern in Doha

Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images

Die Bundesliga startet Freitag in ihre Rückrunde. Die Klubs setzen mit Wagner, Gomez und Terodde auf heimkehrende Stoßstürmer.

Berlin.  Es gibt diese Geschichte über Sandro Wagner beim FC Bayern, und sie ist zugegeben etwas gemein. Hermann Gerland, ein erwiesener Talente-Erkenner, der die Karrieren von so herausragenden Kickern wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller voraussah, war einst Wagners Trainer in der Münchner U23-Auswahl. Von ihm soll der Spruch über den Angreifer stammen: „So groß, aber so wenig Talent.“

Von offizieller Seite beglaubigt ist, dass Gerland kein Fan von diesem 1,94-Meter-Schlaks in seinem Team war. Das lag zum einen daran, dass Wagner selten das Tor traf, was von Nachteil sein kann, wenn man Stürmer sein will. Zum anderen stieß Gerland auf, dass der junge Wagner stets das Gegenteil von dem tat, was er ihm auftrug: „Sandro hatte seinen eigenen Kopf, er war schwierig“, erzählte der 63-Jährige mal der „Süddeutschen Zeitung“. Als brauchbar schätzten sie Wagner daher bei den Profis auch nicht ein. 2008 ging er nach nur fünf Kurzeinsätzen zum Zweitligisten Duisburg.

Dass dieser Querkopf mit der mangelnden Torgefahr nun am Freitag in der Startelf stehen könnte, wenn der FC Bayern bei Bayer Leverkusen (20.30 Uhr/ZDF) den Rückrundenstart einläutet, ist daher eine delikate Geschichte. Für 13 Millionen Euro wechselte Wagner kurz vor Weihnachten von der TSG Hoffenheim und ist bisher der teuerste Transfer des Winters. Weil Bayerns Sturmführer Robert Lewandowski erst am Mittwoch ins Mannschaftstraining einstieg, dürfte der als Ersatz verpflichtete Wagner erstmals spielen.

Bei Hertha lachten die Fans, nun staunen sie

Es ist die Pointe einer Karriere entgegen allen Wahrscheinlichkeiten und Experten-Prognosen. Auch bei Hertha BSC, wo Wagner bis 2015 so selten traf, dass die eigenen Fans über ihn lachten und die Berliner ihn wegschickten, staunen sie ungläubig. „Für mich war klar, dass ich zu 100 Prozent wieder nach Hause will, zu meinem Verein“, sagte Wagner nach der Ankunft. Im Alter von 30 Jahren ist er heimgekehrt und liegt damit im Trend dieses Transferfensters – wenn er auch der einzige ist, für den das einen formidablen Aufstieg bedeutet.

Denn es ist bisher der „Hello Again“-Winter. Neben Wagner hat sich auch Mario Gomez dazu entschlossen, zu seinem Jugendklub zurückzukehren. Der VfB Stuttgart verpflichtete den 32-Jährigen für nur drei Millionen Euro vom VfL Wolfsburg. Am Sonnabend trifft Hertha in Stuttgart gleich auf die Wiedervereinten (15.30 Uhr). „Gerade in den letzten Tagen und in der heißen Phase habe ich immer mehr gespürt, wie sehr ich das will, wie sehr ich zurück nach Stuttgart möchte“, hatte Gomez gesagt.

Sein Heimweh machte eine andere Rückkehr möglich: Simon Terodde gab seine Planstelle im Stuttgarter Angriff auf und ging für drei Millionen Euro zurück zum 1. FC Köln. Für die Kölner spielte er bereits 2009 – zunächst im Amateurteam, dann bei den Profis –, bevor er 2011 zum 1. FC Union wechselte.

Die Eingewöhnung fiel dem 29-Jährigen leicht: „Es ist alles wie früher. Die Physios und Zeugwarte sind noch da. Und die Kabine hat sich nicht verändert“, berichtete Terodde an seinem ersten Tag. Und dann hätten wir noch Anthony Ujah. Der Nigerianer fand den Weg aus China zurück nach Mainz, wo er bereits 2011 stürmte – und zwar ziemlich erfolglos. 3,8 Millionen Euro zahlten die Mainzer nun trotzdem für den 27-Jährigen.

Während die Klubs in früheren Wintern viel Geld für Neulinge aus aller Herren Länder ausgaben, haben sich die Manager von Hamburg bis Freiburg bisher finanziell zurückgehalten und hauptsächlich darin erinnert, wie es früher einmal war. Auch der Wechsel des mittlerweile 33 Jahre alten, ehemaligen HSV-Abräumers Nigel de Jong nach Mainz (ablösefrei von Galatasaray Istanbul) passt dazu.

Ehefrauen spielen eine Rolle bei Wechsel-Entscheidungen

Irgendwie ist im Moment ohnehin der Rückgriff auf Altbewährtes in Mode: Die Bayern sind derart glücklich über ihre Rückholaktion des 72 Jahre alten Trainers Jupp Heynckes, dass sie ihn immer noch zum Bleiben über den Sommer hinaus überreden wollen, obwohl der sich klar dagegen ausgesprochen hat.

Das kann man ideenlos finden. Bei 15 Siegen in 16 Spielen unter dem Triplesieger von 2013 ist es bisher aber vor allem erfolgreich. Heynckes übrigens zeigte sich im katarischen Trainingslager der Bayern angetan von seinem neuen Prellbock Wagner: „Sandro hat sich wirklich sehr gut eingegliedert. Ich finde, dass er für uns noch ein wichtiger Spieler werden kann“, sagte er.

Es mag eine kuriose Koinzidenz sein, dass gleich vier Stürmer in einem Winter zu ihren alten Arbeitgebern zurückkehren. Aber es hat auch seine Gründe. Zum einen private: Gomez’ Frau ist schwanger. Beide wollen dichter bei der Familie leben. Sie stammt aus München. Wagners Gattin und die beiden Kinder blieben zu seiner Hoffenheimer Zeit in Unterhaching, das unweit von München liegt. Sie sind nun wieder vereint.

Teroddes Frau kommt aus der Nähe von Köln. Die Rückkehr von Gomez, Wagner und Terodde zu ihren Ex-Klubs hat aber auch mit der Wiederkehr des Stürmerexemplars „echter Neuner“ in Carsten-Jancker-Statur im deutschen Fußball zu tun, der hierzulande lange vom Aussterben bedroht war und von dem es daher nicht mehr allzu viele zur Auswahl gibt. Da kann man sich schon mal daran erinnern, wer das früher eigentlich erledigt hat.

Für einen wuchtigen Strafraumstürmer hat auch Bundestrainer Joachim Löw bei der WM in Russland in diesem Sommer eine Planstelle frei. Wagner oder Gomez nimmt er mit, um die Option Prellbock zu besitzen.

Da wirkt es zunächst verheißungsvoller für Gomez, dass Wagner seinen Platz als erster Angreifer in Hoffenheim gegen die Reservistenrolle in München eintauscht, während er selbst als Starangreifer in Stuttgart gilt, der sogleich in den Mannschaftsrat berufen wurde. Doch es sollte niemanden überraschen, wenn am Ende trotzdem Sandro Wagner zur WM fährt. Dass man ihn nicht unterschätzen sollte, weiß heute auch Hermann Gerland.