Eisschnelllauf

Das eiskalte Vergnügen der Jenny Wolf

Die fünfmalige Weltmeisterin ist gut vorbereitet auf ein Leben nach dem Sport. Nun absolviert sie eine Ausbildung zur Trainerin.

Jenny Wolf gibt ihre große Erfahrung als Trainerin weiter

Jenny Wolf gibt ihre große Erfahrung als Trainerin weiter

Foto: imago sport / imago/Ernst Wukits

Berlin/Inzell.  Die Natur lässt sich in Inzell riechen. Die meiste Zeit des Jahres stehen Rindviecher auf den Weiden rund um den kleinen Ortskern. Für Stadtbewohner eher ein Sachverhalt, der schnell mehr als nur ein leichtes Naserümpfen erzeugt. Jenny Wolf ist da weniger empfindlich, sie fuhr schon als Kind mit ihren Eltern viel aufs Land und fand das immer aufregend.

Aus Kurzzeitaufenthalten abseits der Häuserschluchten wurde inzwischen ein Dauerengagement im Grünen. Eingebettet zwischen den hohen Bergen der Bayerischen Alpen lebt sie nun in einer kleinen Idylle. Das Restrisiko, das ihren Entschluss vor etwas mehr als zwei Jahren begleitete, ist längst gewichen. „Es geht mir erstaunlich gut, ich hätte auch gedacht als Großstadtkind, dass man doch etwas vermisst. Aber mit der Natur und den Freiräumen hier ist das schon ein tolles Stück Lebensqualität“, sagt Wolf, die zuvor immer in Berlin lebte.

Studienabschlüsse in Germanistik/Soziologie und Wirtschaft

Durch ihre Arbeit hat sich alles verändert. Bevor es dazu kommen konnte, musste sie in ihrem Kopf alles neu sortieren. Hinter der 38-Jährigen liegt nämlich eine bemerkenswerte Karriere. Zum einen sportlich mit fünf Weltmeistertiteln als Sprinterin im Eisschnelllauf und einer olympischen Silbermedaille. Zum anderen akademisch mit zwei Studienabschlüssen in Germanistik/Soziologie sowie Wirtschaftsingenieurwesen, die sie parallel zu ihrer sportlichen Laufbahn erworben hat. Ihre Studiengänge haben die Berlinerin gut vorbereitet auf ein Leben nach dem Sport – vor allem auf eines außerhalb des Sports. Doch der hat sie einfach nicht losgelassen. Nun absolviert sie eine Ausbildung zur Trainerin. „Ich habe gedacht, ich werde nie Trainerin. Das war für mich ausgeschlossen“, sagt sie. Erst nach ihrem Rücktritt im Frühjahr 2014 begann ein Prozess, an dessen Ende eine überraschende Entscheidung und eben der Umzug nach Inzell standen.

Im selben Haus wie die westdeutsche Eisschnelllauf-Legende Erhard Keller (72), zweifacher Olympiasieger, fand sie eine Wohnung. „Wir treffen uns öfter in der Tiefgarage und fachsimpeln. Das ist ganz witzig.“, erzählt Wolf, die Frau aus Ost-Berlin. Vielleicht ist ihr Mann Oliver Schuld an der Neuorientierung. Wobei sich die Schuldfrage eigentlich nicht stellt. Vielmehr half er ihr auf den richtigen Weg. Sein Beruf bei der Bundeswehr führte ihn nach Toronto, wo auch Jenny Wolf nach der Karriere ein Jahr verbrachte. „Durch dieses Jahr Auszeit, das ich mir glücklicherweise nehmen konnte, weil mein Mann nach Kanada versetzt wurde, konnte ich mir dort weit ab vom Sport mal Gedanken machen. Dabei habe ich gemerkt, dass das Eislaufen, das Coaching, das Arbeiten mit Kindern mir so viel Spaß macht und mir wieder so viel zurückgibt“, erzählt Jenny Wolf. Sie arbeitete für die Stadtverwaltung und brachte Kindern das Eislaufen bei. „Da wuchs der Entschluss, dass ich das nicht einfach hinter mir lassen kann.“

Die Berlinerin übernimmt auch das Scouting

Jetzt sitzt Jenny Wolf in einem Büro in der Inzeller Eisschnelllaufhalle mit Blick auf die Eisfläche. Bayern als Standort bot sich an, weil ihr Mann nach dem Intermezzo in Kanada dorthin versetzt worden war. Mittlerweile ist er in der Lwiw/Ukraine als militärischer Berater tätig. Sie überlegt daheim, wie sie den deutschen Eisschnelllauf-Nachwuchs fördern kann. „Unter der Woche verbringe ich im Moment viel Zeit damit, Wettkämpfe vorzubereiten und auszuwerten. Am Wochenende fahre ich zu den Nachwuchswettkämpfen, um die Athleten anzugucken und Trainer zu sprechen“, erzählt sie. Nebenher erfolgt der theoretische Teil der dreijährigen Ausbildung an der Trainerakademie in Köln. Mitte 2018 wird sie den Abschluss in der Tasche haben – und anschließend mit einem fortführenden Bachelor-Studium in Leipzig ihren dritten akademischen Titel erwerben.

Obwohl Wolf derzeit noch als Auszubildende firmiert, geht ihre Funktion schon weit über diesen Status hinaus. Bei der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft ist sie als Nachwuchstrainerin mit Scouting-Funktion angestellt. Sie doziert sogar bereits und bildet andere Trainer weiter. „Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen, ich musste zeigen, was ich drauf habe. Man hat mich schnell mit Aufgaben betraut und in Verantwortung gesteckt. Da ist Vertrauen da und Anerkennung für den Schritt, den ich gegangen bin“, sagt Wolf. Einstige Spitzenathleten, die ihre Erfahrung weitergeben, sind bei der DESG nicht selbstverständlich. Wolfs Engagement wurde daher sehr begrüßt beim Verband.

Sie strebt ihren dritten Studienabschluss an

Eine eigene Trainingsgruppe betreut die Neu-Bayerin momentan nicht. Auf Lehrgängen leitet sie junge Athleten aber direkt an. Mit kritischem Blick. „Ich lächle noch weniger als als Sportlerin“, scherzt Wolf, die früher immer sehr konzentriert wirkte. Sie spürt von der Seite des Nachwuchses noch großen Respekt vor ihrer Karriereleistung. Andere auch in solche Sphären zu führen, war der Grund, warum sie Trainerin werden wollte. Sie hatte sich vorgestellt, „bei Olympia und Weltmeisterschaften die letzten Tausendstel aus den Athleten herauszuholen“. Ob es irgendwann tatsächlich eine Option ist, bei den Spitzensportlern an der Bahn zu stehen und ihnen Tafeln mit Rundenzeiten hinzuhalten, dessen ist sich Wolf gar nicht mehr sicher.

Das aktuelle Aufgabengebiet erweist sich gerade als enorm reizvoll. „Der Nachwuchsbereich ist so komplex und vielschichtig, dass es fast spannender ist, als mit erwachsenen Athleten zu arbeiten.“ Sie möchte helfen, Strukturen zu schaffen, die das seit Jahren bestehende Nachwuchsproblem des Verbandes lösen können. Der Aufwand, den sie dafür betreiben muss, ist beträchtlich und bringt einigen Stress mit sich. In der ruhigen Umgebung der alpinen Inzeller Natur findet Jenny Wolf dafür den perfekten Ausgleich.