Vierschanzentournee

Richard Freitag beim Neujahrsspringen auf dem Podest

Freitag musste sich nur dem Polen Kamil Stoch geschlagen geben, der seine Führung im Gesamtklassement damit ausbaute.

Richard Freitag verbesserte sich im zweiten Durchgang noch auf den zweiten Platz

Richard Freitag verbesserte sich im zweiten Durchgang noch auf den zweiten Platz

Foto: Angelika Warmuth / dpa

Es war so ein hübsches Bild, das Richard Freitag in dieser erzwungenen Pause abgab. Oben auf der Olympia-Schanze von Garmisch-Partenkirchen sehnten der Slowene Tilen Bartol und Kamil Stoch aus Polen die Freigabe herbei, der Wind ließ aber keine sicheren Sprünge zu. Freitag stand unten, Deutschlands bester Skispringer wartete als Führender des Neujahrspringens auf die Fortsetzung. Lehnte sich zum Goldenen Adler herüber, den am Ende des Sprung-Grand-Slams der Beste bekommt, und lachte. Sogar die Sonne hatte sich durch den Wolkenvorhang am Gudiberg gekämpft.

Eine Szenerie, an der sich die meisten der 21.000 Fans wohl auch nach dem letzten Springen in Bischofshofen erfreuen würden. Aber nachdem Bar­tols Sieghoffnung früh auf dem Landehügel versiegt war, stand immer noch Stoch oben auf dem Turm.

Der Titelverteidiger hat 11,8 Punkte Vorsprung

Der Vorjahressieger der Tournee hatte bereits bei der Wetter- und Regenlotterie zum Auftakt in Oberstdorf am Sonnabend das große Los gezogen und gewonnen. Der 30 Jahre alte Pole glitt die Spur herunter, hob ab und setzte zum Flug an: Mit 139,5 Metern zog Stoch dem schwarz-rot-goldenen Tollhaus im Schanzenauslauf den Stecker. Am Ende leuchteten 283,4 Punkte für Sprünge von 135,5 und eben jener Tagesbestweite auf der Anzeige - Platz zwei für Freitag wie in Oberstdorf. „Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit, beide Sprünge waren auf einem hohen Niveau“, sagte Stoch, dem eigene Sprünge nie gut genug sein können.

Freitag also gegen Stoch – der 26 Jahre alte Weltcup-Führende scheint zur Tournee-Halbzeit als Einziger dem Polen den Gesamtsieg noch streitig machen zu können. 11,8 Punkte trennen die beiden, oder: „sechs Meter Rückstand“, sagte Freitag nach 132 und 137 Metern (275,8 Punkte). „Auch Kamil ist nicht perfekt, es ist grundsätzlich noch alles offen“, wenn es nun nach Österreich geht. Allerdings entscheiden nicht bloß diese sechs Meter über den Gesamtsieg. Die Weite ist das eine, aber die besten Stilisten erhalten die höchsten Haltungsnoten, die ebenso in die Wertung eingehen wie Punktezuspruch oder -abzug bei Rücken- und Aufwind. „In Innsbruck sind die Abstände traditionell geringer, in Bischofshofen aber kannst du bei einem Sprung schon zehn Punkte gutmachen“, hat Bundestrainer Werner Schuster die Hoffnung auf den ersten deutschen Tourneesieger seit Sven Hannawald 2002 vor dem nächsten Springen am Donnerstag (14 Uhr/ZDF) nicht aufgegeben.

Aber irgendwie hat Freitags Siegerflieger-Schnauzer, den er sich seit den drei Siegen vor Weihnachten unter der Skibrille gedeihen lässt, ein wenig von seiner Magie eingebüßt. Das spürten auch die Besucher in Garmisch, die von der Silvesternacht nicht zu verkatert waren und wie die frisch vermählten Felix Neureuther und Miriam Gössner samt Töchterchen Matilda einen Ausflug zur Schanze machten. An Unterstützung mangelte es nicht. „Ein schöner Tag“ sei das gewesen, sagte Freitag, wenngleich Schuster die knapp zwölf Punkte für „wahnsinnig schwierig aufzuholen“ hält. Freitag wollte keinen Gedanken daran verschwenden, ob das neue Jahr genauso anfangen würde, wie das alte geendet hatte. Anders als der ein oder andere Zuschauer blieb er nüchtern: „Von mir kommt jetzt keine große Kampfansage.“

Wellinger erwartet Spannung bis zum letzten Sprung

Von wem allerdings sonst? Der Favoritenkreis ist vor dem dritten Springen auf die Minimalzahl eines Duells zusammengeschrumpft. Der Pole Dawid Kubacki als Gesamtdritter liegt 21 Zähler hinter Freitag. Dieser betonte dennoch: „Die Tournee lässt immer Überraschungen offen. Wir brauchen uns vorn nicht in Sicherheit zu wiegen.“

Unberechenbar scheint allerdings nur das Wetter zu sein: Peter Prevc (Slowenien) verpasste in Oberstdorf den zweiten Durchgang, das Scheitern Stefan Krafts nach dem ersten Sprung in Garmisch-Partenkirchen war sinnbildlich für ein Bild des Jammers, das die Österreicher derzeit abgeben. Genau wie für die Norweger Daniel-André Tande und Johann Andre Forfang spielt für Andreas Wellinger sowie Markus Eisenbichler als Gesamtsiebtem beziehungsweise -achtem „die Gesamtwertung keine Rolle mehr“. Keine Ergebnisse, die zu einer veritablen Personaldebatte führen müssten, aber ab Innsbruck geht es nur noch um Freitag und Stoch. Wellinger ist sicher: „Die zwei werden sich ein sehr, sehr spannendes Duell bis zum letzten Sprung in Bischofshofen liefern.“

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