Skispringen

Wettrüsten an der Schanze

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Klaus-Eckhard Jost
Moderne Messtechnik kann den Absprung der Skispringer heute viel anschaulicher als bisher analysieren

Moderne Messtechnik kann den Absprung der Skispringer heute viel anschaulicher als bisher analysieren

Foto: Peter Kneffel / picture-alliance/ dpa/dpaweb

Neue Highspeed-Kameras und Chips liefern mehr Daten als bisher. TV-Zuschauer profitieren, doch nicht alle sind davon begeistert.

Oberstdorf.  Andreas Wellinger fährt ganz langsam die Anlaufspur herunter. Die Zeitlupe macht’s möglich. Am Schanzentisch streckt er sich in der verlangsamten Wiederholung und geht in die Fluglage über. Parallel dazu erklärt der Experte, dass der Deutsche mit seinem Absprung zu spät dran gewesen sei. Dabei spielt es keine Rolle, ob Dieter Thoma in der ARD, Toni Innauer oder Martin Schmitt auf Eurosport analysieren. Der Zuschauer glaubt den ehemaligen Skispringern, was er selbst nicht beurteilen kann.

Dieses blinde Vertrauen in die Kompetenz der Experten hat nun ein Ende. Schon beim Eröffnungsspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf werden Bilder gezeigt, auf denen exakt zu sehen ist, um wie viele Zentimeter der Springer den optimalen Absprungpunkt verpasst hat. Ob zu früh oder zu spät. Wie beim Weitspringer am Absprungbalken.

Weitere Innovationen im Anflug

Acht Highspeed-Kameras filmen den Absprung. Eine macht 250 Bilder pro Sekunde. „Wir können den Absprung transparenter machen und aus der Fülle der Bilder herauslesen, wie weit jeder Springer vom optimalen Absprungpunkt weg ist“, erläutert Walter Hofer. Der Skisprung-Renndirektor des internationalen Skiverbandes Fis freut sich darüber hinaus über eine zweite Information. „Über die Bilder können wir auch ermitteln, mit welcher Geschwindigkeit der Springer nach oben abspringt“, erklärt Hofer.

An einzelnen Schanzen sei dies in der Vergangenheit zwar schon über Druckmessplatten möglich gewesen, doch die seien zu störanfällig, zudem müsse man das genaue Gewicht jedes Springers kennen. Mit dem Bild-Analyseverfahren ist dies nicht mehr nötig. Getestet wurde diese Methode bereits beim Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten und beim Weltcup in Titisee-Neustadt.

Ergänzt wird diese Bildanalyse zu den Olympischen Spielen noch eine weiteres Verfahren. Ein Chip, 30,7 Gramm schwer und so groß wie eine Schnupftabakdose, erfasst weitere Daten wie die Geschwindigkeit und die Flughöhe in jeder Phase des Fluges. Gemessen werden kann aber auch, in welchem Winkel die Ski zum V auseinander gehen und wie sie aufgekantet sind.

Polens Coach will Daten geheim halten

Speziell für die kleineren Nationen wird dies eine Hilfe sein. Für das deutsche Team, das vom Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig betreut wird, bringt’s weniger. „Die Biomechaniker des IAT haben bestätigt, dass die Gültigkeit der Daten gegeben ist“, sagt Hofer stolz. Deshalb sind die Trainer begeistert. „Für uns Trainer ist das super“, sagt Norwegens Trainer Alexander Stöckl. Uneinigkeit herrscht, wie sie damit umgehen. Sie können entscheiden, ob sie diese für die Öffentlichkeit freigeben. „Ich will nicht, dass die anderen Nationen unsere Daten bekommen“, sagt etwa Polens Coach Stefan Horngacher.

Bundestrainer Werner Schuster fürchtet die neue Transparenz dagegen nicht. Die TV-Zuschauer werden dennoch wohl weniger Informationen als die Coaches erhalten. „Zu viel kann man im TV nicht erklären, zwischen zwei Sprüngen beträgt die Pause zwischen 50 und 70 Sekunden“, weiß auch ZDF-Redakteurin Susanne Simon. Spannend sind die neuen Hilfsmittel aber allemal.