Sportpolitik

Fechter Max Hartung – Kämpfer mit Weitblick

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Ninja Priesterjahn
Max Hartung wurde schon 2013 zum Athletensprecher des Deutschen Fechter-Bundes gewählt. Seit 2014 gehört er zur Athletenkommission des DOSB

Max Hartung wurde schon 2013 zum Athletensprecher des Deutschen Fechter-Bundes gewählt. Seit 2014 gehört er zur Athletenkommission des DOSB

Foto: Peter Endig / picture alliance / Peter Endig/d

Fechter Max Hartung hat 2017 nicht nur EM-Gold gewonnen, sondern sich auch wie kein anderer für Athleten eingesetzt. Eine Würdigung.

Köln.  Es poltert im Hausflur. Schritt, Sprung, Sprung, Schritt, schon lugt der Kopf von Max Hartung hinterm Treppengeländer hervor. Vier Stockwerke in nur drei Sekunden? Hartung grinst: „Ich bin Säbelfechter.“

Schnelligkeit zählt in seinem Sport. Der 28-Jährige ist vierfacher deutscher Meister und zweimaliger Olympia-Teilnehmer. 2017 war ein aufregendes Jahr für ihn: Hartung gewann die Europameisterschaft und seinen ersten Weltcup. Nebenbei schloss er einen Bachelor in Soziologie, Politik und Wirtschaft ab und wurde kurz danach zum Vorsitzenden der Athletenvertretung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt. Vor wenigen Wochen gründete er zudem den Verein „Athleten Deutschland“, mit dem die Sportler eine vom Dachverband unabhängige Stimme bekommen sollen.

Stimme der deutschen Athleten

Während der zahlreichen Galas und Ehrungen am Ende des Sportjahres wurde Hartung nicht aufs Podest gerufen, dabei ist sein Einsatz für die Allgemeinheit, den er parallel zum Fechten einbringt, die vielleicht größte Leistung eines Sportlers in diesem Jahr. Auf der Planche zumeist als Einzelkämpfer unterwegs, ist Hartung seit Februar die Stimme der deutschen Athleten – und die ist direkt, manchmal unbequem, aber immer diplomatisch. Mit einem „FAZ“- Interview hat er einen Veränderungsprozess bei der Spitzensportförderung der Bundeswehr losgetreten, mit dem Verein „Athleten Deutschland“ will er den nächsten Schritt gehen.

„Max ist anders als die Anderen“, sagt sein Trainer Vilmos Szabo vom TSV Dormagen, der ihn seit 19 Jahren betreut. Anfangs kämpfte Szabo mit den Eltern, die den Filius auch mal mit in den Urlaub nehmen wollten, anstatt ihn zum nächsten Junioren-Wettbewerb zu schicken. Druck hat Hartung von zu Hause nie bekommen. Dafür den Weitblick, dass es auch für einen Leistungssportler noch mehr gibt als den Sport.

Unbeschwertheit vs. Existenzangst

Hartung war Anfang 20, Olympia-Siebter und EM-Dritter, als er sich entschied, 600 Kilometer von Köln entfernt in Friedrichshafen zu studieren. „Ich hatte das Gefühl, meine sportlichen Erfolge interessieren keinen“, sagt er. Während ein Spitzenfechter in Südkorea bis zu 250.000 Euro im Jahr verdient, wusste er nicht, wie er langfristig vom Sport leben sollte. Es fragte auch niemand, warum er so weit weg ging. Dabei hätte Hartung eine gute Antwort gehabt: „Keiner meiner Fechtkollegen, die versucht haben, in Köln zu studieren, hat es geschafft, das hat mir unheimlich Angst gemacht.“ Mit der radikalen Entscheidung für die Distanz und eine private Hochschule mit Studiengebühren, setzte er sich selbst unter Druck.

„Damit habe ich meine Fechtkarriere aufs Spiel gesetzt“, gibt er zu. Erstaunlicherweise hat Hartung aber genau in dieser Zeit seine größten Erfolge gefeiert, darunter auch den WM-Titel mit der Mannschaft 2014. „Durch das Studium hat sich meine Perspektive auf das Fechten verändert“, erklärt er. „Mir ist bewusst geworden, dass ich das für mich und freiwillig mache.“ Er wirkt unbekümmert, wenn er über diese Zeit spricht. Dahinter steckt allerdings die Existenzangst eines Sportlers, der schon während der aktiven Zeit den Blick in die Zukunft wagte.

Tokio 2020 als sportliches Ziel

Max Hartung ist neugierig. Er will wissen, wie Dinge funktionieren. Aussagen wie: „Das ist so, das muss man so machen“, passen ihm gar nicht. Das war auch mit ein Grund, warum er sich direkt nach der Abgabe seiner Bachelorarbeit zum Vorsitzenden der DOSB-Athletenkommission wählen ließ. Die Arbeit ist aufwendig und im Rahmen der Verbandsstrukturen manchmal schwergängig. Außerdem überfordert es viele gewählte Sportler, die Interessen aller zusätzlich zu Beruf oder Studium sowie zur Spitzensportkarriere zu vertreten. „Athleten Deutschland“ soll nun die ergänzende Struktur bieten.

„Es war bisher nicht institutionalisiert, wie eine Athletenvertretung funktionieren soll, die mit anderen Athleten kommuniziert“, sagt Hartung. Als es kürzlich darum ging, ob die olympische Wintermannschaft die Teilnahme an den Spielen in Pyeongchang aus Sicherheitsgründen boykottiert, griff er zum Telefon und fragte die Meinungen der Wintersportler einzeln ab. „Diese Frage kann ich doch als Fechter überhaupt nicht beantworten“, erklärt Hartung. Er betreibt einen hohen Aufwand, will jedem gerecht werden und stößt langsam an Grenzen. In Zukunft soll ihm der Geschäftsführer von „Athleten Deutschland“ etwas Arbeit abnehmen, schließlich will Hartung sich auf seine Qualifikation für Olympia 2020 in Tokio vorbereiten, vermutlich seine letzten Spiele.

Gespaltenes Verhältnis zu Olympia

Zu Olympia hat er ein gespaltenes Verhältnis. „Nach London war ich total begeistert, ich wollte mir die Ringe tätowieren und hätte jedem gesagt: Das ist das Geilste der Welt.“ Nach Rio war er ernüchtert. „Ich war involvierter und informierter, dann kam der Dopingskandal in Russland und ich war total enttäuscht, dass Sport dazu führt, dass man so mit Menschen umgeht“, sagt er. Diese Erfahrung ist gleichermaßen sein Antrieb: „Ich möchte, dass die Sportler, die jetzt nach Pyeongchang und 2020 nach Tokio fahren, nach Hause kommen und so strahlende Augen haben, wie ich nach London. Das ist kein Ziel, was ich in meiner Rolle als Sprecher der deutschen Athleten realistisch erreichen kann, aber es wäre mein Wunsch, dass es wieder in diese Richtung geht.“

Der Gedanke an das, was nach dem Sport kommt, beschäftigt ihn. „Ich habe Angst, dass ich nie wieder in etwas so gut sein werde wie im Fechten“, sagt er. Doch dann besinnt er sich: „Ich bin Max und kann auch gut fechten, aber wenn ich das irgendwann nicht mehr mache, bin ich ja nicht weg.“ Diese Fähigkeit, über den Tellerrand zu blicken, auch sich selbst aus der Entfernung betrachten zu können, macht Hartung zu einem besonderen Sportler.