Ex-Unioner Benny Köhler

Spielmacher für die Familie: Ex-Union-Profi Benny Köhler

Benny Köhler besiegte den Krebs. Nun wurde der frühere Union-Profi zum zweiten Mal Vater – und sucht seine Rolle abseits des Sports.

Foto: David Heerde

Berlin.  Jeden Tag, wenn Benny Köhler (37) seine Wohnung im Friedrichshain verlässt, kommt er an einer Praxis vorbei. „Physiotherapie Köhler“ steht in grünen, grell leuchtenden Buchstaben dran. Ein Namensvetter, nicht verwandt, nicht verschwägert, hat sich auf der anderen Straßenseite niedergelassen. Manchmal sprechen ihn Leute an, ob es seine wäre. Köhler schüttelt dann den Kopf. „Nein“, sagt er. „Das ist nichts für mich.“

Benny Köhler ist noch auf der Suche nach der richtigen Beschäftigung. Er sitzt am Küchentisch, hinter ihm hängen drei Weihnachtskalender. Für Schokolade hat er eine Schwäche. Köhler trägt ein schwarzes T-Shirt, eine schwarze Jogginghose, der Kopf ist an den Seiten kahl rasiert. Gerade war er beim Friseur. Im Hintergrund vermischt sich das Surren des Staubsaugers mit den Stimmen, die aus dem Fernseher dringen. Tochter Milli, vier Jahre alt, ist krank, die Nase läuft. Als Medizin gibt es Tee und einen Tag auf dem Sofa statt im Kindergarten. Unweit von Milli steht eine Wiege, darin schläft Mavie, die jüngste Tochter, erst vier Wochen alt.

Den Tag ihrer Geburt hat Köhler ausführlich dokumentiert und in den sozialen Medien geteilt. Er hat jetzt Zeit für so was, seit einem halben Jahr ist seine Karriere als Fußballprofi offiziell beendet. Er lebt, wie er sagt, „in den Tag hinein“. Kein Training, keine Spiele, keine Reisen, keine Termine. Ihm geht es wie vielen Sportlerkollegen. Mit all der Freizeit weiß er nicht immer etwas anzufangen. Wie auch? Niemand hat ihn darauf vorbereitet.

Köhlers Kampf hat berührt

„Die Wenigsten sind das, vielleicht zehn Prozent. Als Profi lebst du nur nach Vorgabe, alles wird dir abgenommen. Wenn was ist, rufst du deinen Berater an“, sagt er. Auf der anderen Seite sei es schön, so viel zu Hause zu sein. Gerade jetzt, wo das jüngste Baby so klein ist. Köhler, der noch einen Sohn aus einer vorherigen Beziehung hat, kann zum ersten Mal richtig viel Zeit mit seinem Neugeborenen verbringen. Früher war er immer unterwegs.

Seine Kinder zaubern ihm ein Lächeln ins Gesicht. Köhler lächelt viel, er ist eine Frohnatur, auch wenn es das Leben nicht immer gut mit ihm meinte. Im Januar 2014 wurde bei ihm Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert, da war er 33 und tragende Säule beim 1. FC Union. Seine Erkrankung bewegte viele Kollegen, die Anteilnahme war groß.

Zur Behandlung musste er sich einer Chemotherapie unterziehen. Er verlor seine Haare, seine Muskeln und seine Form, aber nicht seinen Kampfgeist. Zu Ende sei seine Karriere, sagten viele, darunter auch die behandelnden Ärzte. Nichts da, sagte Köhler. „Ich entscheide, wann es vorbei ist.“ Er begann sich zurückzukämpfen, wie sich noch kein Profifußballer in Deutschland zurückgekämpft hatte nach solch einer Erkrankung.

Dankbarkeit gegenüber Union

Ein Jahr nach der Diagnose stand er wieder für Union auf dem Feld, zwei Monate später gab er sein Punktspiel-Comeback gegen Braunschweig und erhielt anschließend einen neuen Vertrag über ein weiteres Jahr. Dass er die letzten zwölf Monate seiner Laufbahn nur verletzt zuschauen konnte, empfindet er heute als nicht so schlimm. „Das wäre das Sahnehäubchen gewesen, aber es ging nicht mehr. Mein Ziel, noch mal zu spielen, habe ich trotzdem erreicht und das macht mich stolz“, sagt er.

Mavie wacht auf, Köhler sieht nach der Kleinen und beruhigt sie, bevor Ehefrau Marina herbeieilt. Die Rolle als Familienvater liegt ihm, Köhler ist ein sanftmütiger Papa, kein Mann des erhobenen Zeigefingers. Eher einer, der lieber ein Auge zudrückt. Vielleicht auch deshalb kann er sich nicht vorstellen, als Trainer zu arbeiten.

Fußball ist weiter weg für ihn als jemals zuvor in seinem Leben. Wenn er mal Lust verspürt, tritt er für die Senioren der Spandauer Kickers gegen den Ball. Dort spielen noch andere Ex-Profis, Francis Kioyo, Shergo Biran, Guido Spork, Mike Franz, Daniel Ziebig oder Marco Senna. Das mache Spaß, erzählt Köhler, aber regelmäßig tauche er dort nicht auf. Das Gleiche gilt für Besuche in der Alten Försterei. Hin und wieder lässt er sich noch bei Union sehen, der alten Kollegen wegen und aus Verbundenheit. Dem Klub und vor allem Präsident Dirk Zingler ist Köhler dankbar, dass die ihn während seiner Krankheit nicht haben fallen lassen. „Das war nicht selbstverständlich“, sagt er. Hertha, sein Jugendverein, verfolgt er nicht. „Dort war ich ja nicht so lange und habe bei den Männern auch so gut wie nicht gespielt“, sagt Köhler, der die meiste Zeit seiner Karriere bei Eintracht Frankfurt verbracht hat. Wenn Berlin, dann Union.

Im neuen Jahr eröffnet der 37-Jährige ein Eiscafé

Fußball war ein großer Teil seines Lebens, zur Zukunft gehört er nicht. Ab September will sich Köhler als Unternehmer versuchen und an der Warschauer Straße ein Eiscafé eröffnen. Räume sind gemietet. Verträge unterzeichnet. Dann soll Schluss sein mit der vielen Freizeit, die laut Köhler aus „Freunden, Familie, Sport“, besteht.

Sport heißt Fitness, Gewichte stemmen, daran findet er gerade Gefallen. Seine Arme sind dicker geworden, die Nackenmuskeln stieren hervor. Rund zehn Kilo hat er inzwischen zugelegt, alles Muskelmasse. Köhler, als Fußballer ein Hänfling, sieht jetzt mit seinen Muskeln und Kurzhaarschnitt aus wie einer dieser Berliner Rapper.

Auf seinen Körper achtet er mit der Sorgfalt eines Steuerprüfers. Nicht der Muskeln wegen, es ist der Krebs, der ihn sensibler gemacht hat. Früher durften es auch mal Pizza, Cola und Döner sein. War ja kein Problem, schließlich hatte er jeden Tag Training. Jetzt isst Köhler gesünder und nimmt innere Signale ernster.

Die Angst vor dem Krebs bleibt

Vor ein paar Wochen verspürte er einen stechenden Schmerz in der Seite, sofort machte sich der Gedanke breit, etwas könnte nicht in Ordnung sein. Ist der Krebs womöglich zurück? „Ich war dann bei tausend Ärzten, aber niemand fand etwas“, sagt Köhler. Die Schmerzen verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren.

Alle sechs Monate muss er zur Kontrolle, die Untersuchungen gehören längst zu seinem Leben. Sie erinnern ihn an seinen größten Triumph. Den Krebs besiegt zu haben, ist für ihn das schönste Geschenk.