Lausanne

Dank vieler Schlupflöcher: Putin verzichtet auf Boykott

Lausanne. Das Urteil des Internationalen Olympischen Komitees, Russlands Athleten bei den Winterspielen in Pyeongchang (9. bis 25. Februar) nur unter neutraler Flagge starten zu lassen, spaltet die Sportwelt. Denn das Urteil bietet den Systemdopern viele Schlupflöcher – und könnte am Ende wenig abschreckende Wirkung haben. "Das IOC hat nicht mehr getan, als einen Song und ein Stück Stoff in Pyeongchang zu verbieten", meckerte die "Washington Post". Die "New York Times" stellte fest, dass das Riesenreich "ziemlich glimpflich davongekommen" sei. Russland werde auch in Pyeongchang präsent sein. Die Sportler, die eine Starterlaubnis erhalten, würden Trikots tragen, die sie als russische Starter indentifizieren. "Damit kommt das IOC den Russen weit entgegen", schrieb das Blatt.

Welcher Russe sauber ist und starten darf, entscheidet ein IOC-Gremium unter der Leitung der ehemaligen französischen Sportministerin Valérie Fourneyron kurz vor Olympiastart. Wie aus IOC-Kreisen verlautete, ist aber anzunehmen, dass am Ende nicht nur fünf oder zehn, sondern – wie schon 2016 in Rio – die Mehrzahl der russischen Athleten in Südkorea starten werden. Selbst der Name, den sich das IOC für die neutrale Mannschaft ausgedacht hat, klingt nicht sonderlich neutral. "Olympic Athlete from Russia (OAR)" führt anders als der Name der neutralen russischen Athleten bei der letzten Leichtathletik-EM (ANA – Autorisierter Neutraler Athlet) den Namen Russlands im Schilde. Wohl auch deshalb verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin am Mittwoch, dass ein Olympiaboykott von politischer Seite kein Thema mehr sei, obwohl im Vorfeld des Urteils noch damit gedroht worden war. Die 22 russischen Athleten, die im Zusammenhang mit den Manipulationen im Sotschi-Labor zuletzt bereits lebenslang gesperrt wurden, haben am Mittwoch aber Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof Cas eingelegt und beantragten ein Urteil bis zum Beginn der Winterspiele am 9. Februar.

"Ein peinliches Spiel. Olympia als Etikettenschwindel par excellence", sagte Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins. "Die Beweise liegen auf dem Tisch. Doch im Grunde sagt die Entscheidung: Egal, welches Staatsdoping ihr auflegt in dieser Welt, wir nehmen euch auf in die olympische Familie." Die Dimension dessen, was in Russland passiert (und wohl auch zu beweisen) sei, werde durch das Urteil zugeschüttet.

Doch es gibt auch andere Auslegungen. "Das ist schon eine knackige Ansage und für Herrn Putin die ultimative Demütigung", kommentierte Konstantin Schad, Athletensprecher des Skiweltverbandes Fis, das Urteil. "Es wurde rechtlich alles ausgereizt." Dass es zu keinem Komplettbann kam, findet der deutsche Snowboarder richtig: "Das hätte zu viele Athleten getroffen." Allerdings müsste die individuelle Zulassung strikt sein. "Wenn es am Ende dann doch 90 Prozent sind, dann wäre ich wieder unzufrieden", schränkte Schad ein.

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