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Doping

Russland ist raus - und die Fifa spielt ein falsches Spiel

Der Fußball-Weltverband ignoriert einfach das IOC-Urteil, WM-Organisator Witali Mutko aus dem Verkehr zu ziehen. Das hat seine Gründe.

Man steht zusammen: Russlands Präsident Wladimir Putin (l) und Russlands Vize-Ministerpräsident und WM-Organisator Witali Mutko (r) geben sich die Hand – und Fifa-Boss Gianni Infantino lächelt dazu

Foto: Maxim Shipenkov / dpa

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Essen.  Sobald Witali Mutko mit kritischen Fragen konfrontiert wird, erfahren seine Gesichtszüge eine erstaunliche Veränderung. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, kraftvoll presst er die Lippen aufeinander – und man bekommt eine Ahnung davon, was bei Widerworten passieren kann.

Aus dem durchaus charmanten Gesprächspartner wird ein Trotzkopf, der Vorwürfe wahlweise "erdichtet" oder "ohne Basis" nennt und die Zeugen der Gegenseite "Verräter". Die Olympia-Familie aber lässt dem 56-jährigen Politiker und Sportfunktionär aus Russland keine Verbrechen mehr durchgehen.

Am Dienstag sperrte ihn das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf Lebenszeit, nachdem ihm die Beteiligung am russischen Staatsdoping nachgewiesen werden konnte. Das Dumme ist nur: Mutko, ein Freund von Staatschef Wladimir Putin, ist der Cheforganisator der Fußball-WM in Russland im Juni 2018.

Nibelungentreue Infantinos sorgt für Irritationen

"Darf ein Doping-Strippenzieher eine Fußball-WM organisieren?", fragte die Deutsche Presse-Agentur treffend und bekam vom Fußball-Weltverband Fifa die skandalöse Antwort: Ja, er darf. Fifa-Präsident Gianni Infantino ignoriert das IOC-Urteil von Lausanne, wonach Mutko lebenslang gesperrt und Russland als Nation von den Winterspielen in Pyeongchang ausgeschlossen wird.

"Diese Entscheidung hat keinen Einfluss auf die Vorbereitungen für die Fifa Weltmeisterschaft 2018", ließ der Weltverband verbreiten und vergrößerte am Mittwoch den Skandal um den WM-Chef 2018 noch.

Am Freitag, also vier Tage vor der sporthistorischen IOC-Entscheidung, war Infantino gemeinsam mit Mutko bei der WM-Auslosung in Moskau aufgetreten und spielte, was die Doping-Anschuldigungen im Wintersport betraf, alle Vorwürfe herunter: "Du bist ein echter Bob- und Skeleton-Experte."

Deutsche Funktionäre sind fassungslos

Deutschlands oberster Sportfunktionär Alfons Hörmann reagiert fassungslos auf die Fifa-Haltung. "Für mich ist es schwer vorstellbar, dass einer, der auf dem olympischen Boden nicht mehr willkommen ist, eine prägende und entscheidende Rolle bei der Fußball-Weltmeisterschaft spielt", sagte der DOSB-Präsident. "Das wäre ein verhängnisvolles Signal des Fußballs gegenüber dem Weltsport."

DFB-Präsident Reinhard Grindel blitzte schon vor Monaten mit seiner Forderung nach unabhängigen Doping-Kontrollen bei der WM in Russland ab und wurde dafür vom Fifa-Präsidenten vor der Weltpresse brüskiert.

"Gianni Infantino hat das öffentlich mit der Bemerkung abgetan, es sei gut, dass ich jeden Tag eine neue Idee habe", antwortete Grindel auf Anfrage dieser Zeitung. "Ich bleibe deshalb gerade vor dem Hintergrund der IOC-Entscheidung dabei, dass die Fifa das Dopingkontrollsystem bei der WM einer unabhängigen Institution überantworten sollte." Infantino müsse dazu jetzt Vorschläge unterbreiten.

Mutko, so viel ist sicher, förderte den Betrug am Sport und startete den Gegenangriff: Alles eine konzertierte Sabotage aus dem Westen. In Putins Heimatstadt formte er aus dem einstigen Zweitliga-Klub Zenit St. Petersburg ein Aushängeschild des russischen Fußballs. Viele Ämter häufte Mutko im Sport an.

Als er 2009 den Job als Fußball-Verbandschef aufgrund Ämterfülle verlor, brauchte er keine sechs Jahre, um den Posten zurückzuholen. Putin sieht in Mutko den Mann im Sport, der ihm Goldmedaillen bei den Winterspielen in Sotschi 2014 und die Austragung der WM 2018 organisierte. So einen lässt man nicht einfach fallen.

Ethikkommission müsste ihre Unabhängigkeit beweisen

Die Fifa-Ethikkommission zögert mit ihrer Stellungnahme und blamiert sich damit weltweit. "Wir müssen vorsichtig mit einer Vorverurteilung sein", hatte Infantino gesagt. "Wir dürfen nicht alles schwarzmalen, was aus dem Osten kommt, und sagen: Bei uns gibt keine Korruption und kein Doping."

Noch vor einiger Zeit hatte die Ethikkommission Funktionäre, und zwar den früheren Weltverbandschef Joseph Blatter und den europäischen Verbandspräsidenten Michel Platini, wegen deutlich geringerer Vergehen hart bestraft und gesperrt – allerdings noch unter der Führung des Schweizer Chefermittlers Cornel Borbély und des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert.

Das Duo, das auch Vorermittlungen gegen Infantino führte, wurde auf Betreiben des neuen Fifa-Chefs nicht wiedergewählt. Wie auch Miguel Maduro als Chef der Governance Kommission. Dieser hatte gegen Infantinos Willen verhindert, dass Mutko wieder für das Fifa-Council kandidieren darf.

Infantinos Beziehung zu dem Russen ist also eine sehr enge. Fast sieht es so aus, als sei die Fifa abhängig vom WM-Gastgeber und damit von Mutko. Finanziell ist der Weltverband nach den jahrelangen Korruptionsskandalen durchaus angeschlagen und kann sich Makel auf dem WM-Label nicht leisten.

Sollte die Ethikkommission in diesem Fall aber nicht einmal Ermittlungen aufnehmen, ist die einst demonstrierte Unabhängigkeit des Gremiums dahin. Die Beteuerungen, nach den Affären der Vergangenheit moralische Werte wieder hochzuhalten, würden dann als haltlos entlarvt.