Kommentar

Warum man sich nur bedingt auf die WM freuen kann

Kosten, Korruption, Menschenrechte und Doping – Russland 2018 ist die WM der vielen Skandale. Der Gewinner ist die Fifa.

Darum geht’s: Der WM-Pokal. Aber es geht eben doch noch um viel mehr bei einer Weltmeisterschaft

Darum geht’s: Der WM-Pokal. Aber es geht eben doch noch um viel mehr bei einer Weltmeisterschaft

Foto: Alexander Zemlianichenko / dpa

Bevor es darum gehen soll, warum man sich eigentlich nicht guten Gewissens auf die WM in Russland 2018 freuen kann, eine Erinnerung: Auch das Weltturnier 2006 in Deutschland, das als „Sommermärchen“ in die Geschichte einging, steht im Nachhinein in einem schlechten Licht. Sehr wahrscheinlich war es gekauft. Eine WM kann demnach beschmutzt sein und trotzdem vielen Menschen Freude bereiten. Das ist die perfide Parallelität von Gut und Böse bei einem solchen Ereignis.

Man darf sich also schon freuen auf die deutschen Spiele gegen Mexiko, Schweden und Südkorea, auf bunte Fans, ein kurios gegensätzliches Russland und vielleicht sogar auf guten Fußball. Man sollte sich von seinem Glanz nur nicht blenden lassen und den Blick über den Rasen hinaus richten. Denn da sieht es finster aus. Es ist eine russische Problem-Mixtur aus Kosten, Korruption, Unmenschlichkeit und Staatsdoping. Und es stellt sich die Frage: Für wen ist diese WM eigentlich?

Präsident Wladimir Putin schmückt sich mit Gigantismus. Offiziell werden die Kosten der WM auf zehn Milliarden Euro taxiert. Damit steht schon jetzt fest, dass es die teuerste aller Zeiten wird – Deutschland 2006 kostete 3,7 Milliarden und Brasilien 2014 8,75. Ein Grund dafür ist Korruption. Um das zu verstehen, muss man nur in Putins Heimatstadt St. Petersburg schauen, wo das neu errichtete Krestowski-Stadion steht. 800 Millionen Euro soll der Neubau verschlungen haben. Warum? Weil sich Lokalgrößen und Unternehmer daran bereichern. Neulich hat der frühere Vize-Gouverneur der Stadt, Marat Oganesjan, zugegeben, 730.000 Euro der Baumittel in die eigene Tasche gesteckt zu haben.

Russland macht dieselben Fehler wie Brasilien

Das ist kein russisches Phänomen. Heute wissen wir, dass es auch 2014 in Brasilien mindestens bei der Hälfte der WM-Stadien Korruption gegeben hat - darunter die Finalarena Maracana. Aber man sollte sich schon die Frage stellen, warum in Russland dieselben Fehler gemacht werden? Warum baut man in Kaliningrad und Saransk Stadien für 35.000 und 45.000 Zuschauer, wo nach der WM unterklassige Teams spielen sollen, die heute im Schnitt nur 5000 Fans anziehen? Solche „weiße Elefanten“ gab es bereits bei der WM 2010 in Südafrika, wo die Kommunen immer noch schwer an den Kosten tragen, und natürlich in Brasilien.

Der Fifa kann das egal sein. Sie gewinnt immer. Von der WM 2014 hatte sie rund vier Milliarden Euro Einkünfte – vornehmlich aus der TV-Vermarktung und aus lizenzierten Produkten. Stellt man also die Frage, für wen die WM vornehmlich ist, dann muss man antworten: für die Fifa und ihre Geschäftspartner, die auf Kosten von Arbeitern große Gewinne machen und Milliarden an öffentlichen Geldern kassieren. Und für Putin, der schon bei den Winterspielen von Sotschi 2014 bewiesen hat, wie er seine Macht über den Sport inszenieren und sein Ansehen im Land stärken kann. Sotschi übrigens kostete nur etwas weniger als alle Winterspiele zuvor zusammen (33 Milliarden Euro).

Sklavenarbeiter und Unterdrückung von Minderheiten

Wären wir bei der Frage der Menschlichkeit. Wie kann die Welt akzeptieren, dass beim Bau des Petersburger Stadions nachweislich vom nordkoreanischen Diktator vermietete Sklavenarbeiter eingesetzt wurden? Wie kann sie ignorieren, dass in Russland Regimegegner unterdrückt und Homosexuelle verfolgt werden? Das sollte einem Bauchschmerzen machen, wenn man an die WM denkt.

Und dann gibt es noch die Doping-Vorwürfe. Aus dem Bericht des Sonderermittlers der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard McLaren, geht hervor, dass Russlands heutiger Vizepräsident, Präsident des russischen Fußballverbandes und OK-Chef der WM, Witali Mutko, wahrscheinlich das staatlichen Dopings orchestriert hat. Auch gegen den russischen WM-Kader von 2014 gibt es Vorwürfe – von Mutko und der Fifa bisher ignoriert.

Russland 2018 ist die WM der vielen Skandale. Aber sie wird trotzdem stattfinden und viele erfreuen. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben.