Interview

Bierhoff: "Ich wette, Löw ist 2020 noch Bundestrainer"

Oliver Bierhoff spricht vor der WM-Auslosung über die Zukunft der Nationalelf und die Chance auf den Titel in Russland.

Teammanager Oliver Bierhoff (l.) und Bundestrainer Joachim Löw arbeiten seit 2004 bei der Nationalelf zusammen

Teammanager Oliver Bierhoff (l.) und Bundestrainer Joachim Löw arbeiten seit 2004 bei der Nationalelf zusammen

Foto: Christian Charisius / picture alliance / dpa

Am Freitag hat Oliver Bierhoff (49) Gewissheit. Im Moskauer Kreml verfolgt der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft zusammen mit Bundestrainer Joachim Löw live, auf welche Gegner Deutschland bei der WM 2018 in Russland treffen wird (16 Uhr/ZDF und Eurosport). Vor der Auslosung stellte sich der 49-Jährige den Fragen der Funke-Sportredaktion.

Herr Bierhoff, in einem halben Jahr beginnt die WM in Russland. Glauben Sie, dass es eine Nation nach 60 Jahren wieder schafft, zum zweiten Mal in Folge Weltmeister zu werden?

Oliver Bierhoff: Möglich ist es. Wir haben gezeigt, dass wir als europäische Mannschaft auch in Südamerika den Titel gewinnen konnten. Das gelang zuvor noch keiner Nation aus Europa. Dann können wir es jetzt auch schaffen, den Titel zu verteidigen. Wir haben in der Mannschaft eine hohe Qualität und durch den Erfolg beim Confed-Cup die Konkurrenzsituation noch einmal erhöht. Das Potenzial ist zweifellos vorhanden. Aber genauso gut wissen wir auch, dass andere Nationen uns jagen und sicherlich in der Lage sind, Weltmeister zu werden.

Reicht gute Qualität aus? Bundestrainer Joachim Löw hat unlängst betont, dass jeder den Weltmeister schlagen will.

Wir gehören natürlich zu den Favoriten, aus dieser Rolle können wir uns auch nicht herausstehlen. Wenn wir uns zusammenreißen, können wir es schaffen.

Was meinen Sie mit zusammenreißen?

Wir müssen den Fokus und die Motivation hochhalten. Die Mentalität, mit allen Widrigkeiten bei einem Turnier umzugehen, ist entscheidend. In Brasilien hatten wir das Motto "no way out". Das sollte heißen: Das ist unsere Zeit. Bei der WM 2018 wird es auch darauf ankommen, dass wir wieder hungrig sind.

Wird Löw auch nach der WM 2018 in Russland Bundestrainer bleiben?

Ja. Davon gehe ich fest aus.

Auch, wenn er frühzeitig scheitert oder den WM-Titel verteidigt und auf dem absoluten Höhepunkt abtreten könnte?

Er hat großen Spaß an seinem Job. Das hat man in der WM-Quali und dem Confed-Cup doch gesehen. Er wird sein Wirken nicht von einem einzigen Spiel abhängig machen. Man weiß natürlich nie, was passiert, wenn es extrem wird. Gewinnst du den Titel. Oder fliegst in der Vorrunde raus. Das kann man nie vorausahnen. Wenn ich aber wetten würde, würde ich darauf setzen, dass er auch 2020 noch Bundestrainer ist.

Hätte Löw Spaß daran, einen Bundesligaklub zu trainieren? Zuletzt wurde er mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht.

Ich habe Jogi letzten Sommer beim Confed-Cup erlebt. Die tägliche Arbeit mit den Spielern macht ihm unglaublich viel Freude. Es gibt nun mal nur eine Mannschaft (lacht). Es gibt nur einen Welt- und Europameister. Er ist Trainer eines Landes, einer ganzen Nation. Dieses Gefühl, verbunden mit der Annehmlichkeit, mit den besten Spielern Deutschlands arbeiten zu können, macht diesen Job einzigartig.

Wie sehen Sie die politische Situation Russlands, wo Menschenrechte verletzt werden?

Natürlich halten wir Augen und Ohren geöffnet und beobachten die Lage sehr genau. Ich finde aber schon, dass man den Sport nicht verantwortlich machen sollte, Probleme zu überwinden, die auch die Politik nicht lösen kann. Wenn ich über Jahre hinweg politische und wirtschaftliche Beziehungen zu Russland unterhalte, kann ich nicht sagen: Das kommt jetzt in der Öffentlichkeit aber nicht gut an, nun muss der Sport ran, da wird alles geändert, da muss jemand von der Nationalmannschaft aufstehen und protestieren. Für uns als Sportler ist es wichtig, Begegnungen zu schaffen, den Menschen offen entgegenzutreten, wir suchen immer wieder das Völkerverbindende. Nicht auf hoher politischer Ebene, sondern mit den Menschen aus dem Volk. Als Mannschaft wollen wir auch dafür stehen, wie man miteinander umgehen sollte. Respektvoll, freundlich, offen, tolerant. Bei uns spielen Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Alter, politische oder sexuelle Orientierung keine Rolle. Die Weltpolitik zu gestalten, liegt in der Zuständigkeit der Politiker.

Wird es bei der WM bei politischen Fragen einen Maulkorb für Ihre Spieler geben?

Nein, überhaupt nicht. Natürlich kann man nicht erwarten, dass jeder um die politische und gesellschaftliche Situation im Land des WM-Ausrichters im Detail weiß. Da unterstützen wir natürlich, denn wir legen Wert darauf. Das war auch in Südafrika und Brasilien so. Aber einen Maulkorb werden wir nicht verhängen. Das wollen wir nicht. Ich bin dankbar für Nationalspieler, die eine eigene Meinung haben und sie auch äußern. Wir wollen mündige Spieler.

Russland wird Staatsdoping vorgeworfen. Halten Sie es für möglich, dass auch russische Nationalspieler verwickelt sind?

Generell ist es wichtig – wir als DFB unterstützen das nachdrücklich –, dass Doping verfolgt und bestraft wird. Doping hat im Sport nichts zu suchen. Doping ist Betrug. Das sehen auch unsere Spieler so. Sie sind es gewohnt, dass Dopingfahnder unangekündigt um sechs Uhr vor ihrer Tür stehen. Unsere Nationalspieler müssen das ganze Jahr über exakt angeben, wo sie sich wann aufhalten. Sie sind für die Dopingermittler damit quasi ständig erreichbar, 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche.

Berührt es Sie, wenn eine Legende wie Franz Beckenbauer im Zuge des WM-Skandals zur Persona non grata wird?

Ja. Mir tut das als Fußballer sehr weh. Es tut weh, dass ein Franz Beckenbauer, der als Spieler und Teamchef so viel für den deutschen Fußball geleistet hat, nun in einem derart schlechten Licht steht. Generell aber gilt: Wer sich falsch verhält, vor allem in einer herausgehobenen Führungsposition, muss die Verantwortung übernehmen.

Die Bundesliga steht im Moment international nicht so prächtig da. Hertha und Hoffenheim sind aus der Europa League ausgeschieden, Dortmund aus der Champions League. Müsste die Liga, um wettbewerbsfähiger zu sein, offener mit Geschäftsmodellen wie in Leipzig umgehen?

Man sollte dankbar sein über Klubs wie Hoffenheim oder Leipzig. Ich finde es auch vermessen von sogenannten echten Fans, dass sie behaupten, RB Leipzig dürfe nicht in der Bundesliga spielen, obwohl eine ganze Stadt und fast jede Woche 40.000 Fans Spaß an diesem Klub finden. Ich frage mich dann: Wer ist der Fan? Sind das die 100 Hardcorefans? Oder sind das in Wirklichkeit nicht auch oder vor allem die Familien, die Kinder, die Anhänger, die einfach nur schönen Fußball sehen wollen? Unabhängig von jeglicher Ideologie. In diesen Klubs wird professionell gearbeitet, es wird viel in die Jugendarbeit investiert, es geht um Nachhaltigkeit. Es werden Regeln eingehalten. Das ist überhaupt nicht zu beanstanden, ganz im Gegenteil. Die Bundesliga steht auch dank dieser Klubs im Gegensatz zu Italien oder Frankreich gut da.

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