Turnen

Sex-Skandale erschüttern die Sportwelt

Fast täglich gibt es neue Vorwürfe: Missbrauch im US-Turnen und in Österreichs Skiverband waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Gabrielle Douglas zählt zu den Missbrauchsopfern des US-Teamarztes.

Gabrielle Douglas zählt zu den Missbrauchsopfern des US-Teamarztes.

Foto: imago sportfotodienst / imago/ZUMA Press

Indianapolis.  Die dreimalige Turn-Olympiasiegerin Gabby Douglas hat sich als nächstes Opfer im Missbrauchsskandal des US-Verbandes an die Öffentlichkeit gewagt. Ein Sprecher der 21-Jährigen bestätigte der Tageszeitung „USA Today“, dass Douglas vom ehemaligen Teamarzt Larry Nassar sexuell missbraucht wurde. Zuvor hatte sich Douglas für Äußerungen entschuldigt, die ihrer ebenfalls betroffenen Teamkollegin Aly Raisman eine Mitschuld an den Übergriffen zugeschrieben hatten.

Vor knapp zwei Wochen hatte Raisman mitgeteilt, von Nassar missbraucht worden zu sein. Im Anschluss rief sie die anderen Opfer des Arztes dazu auf, die Schuld für die Verbrechen nicht bei sich zu suchen. Douglas kommentierte dies bei Twitter. „Ein provokanter/sexueller Kleidungsstil spricht die falsche Gruppe an“, schrieb sie in einem Post, der später nach reichlich Kritik gelöscht wurde.

Sportlerinnen waren zum Schweigen konditioniert

Douglas ruderte in der Folge zurück und bekräftige ihren Standpunkt nun erneut. „Ich habe meinen Kommentar nicht als Opferbeschuldigung gesehen, weil ich weiß, dass kein Kleidungsstil irgendjemandem die Erlaubnis dazu gibt, dich zu belästigen oder missbrauchen“, sagte Douglas. Anschließend räumte sie ein, auch eine Geschädigte Nassars zu sein. Der Arzt arbeitete seit 1996 für den US-Verband und war 2015 nach fast zwei Jahrzehnten als Teamarzt entlassen worden. 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn, er sitzt in Untersuchungshaft.

„Wie die anderen habe ich meine Erfahrungen jahrelang nicht öffentlich gemacht, weil wir dazu konditioniert wurden, still zu sein. Und ehrlich gesagt waren einige Dinge extrem schmerzhaft“, sagte Douglas. Vor ihr und Raisman hatte bereits die ehemalige dreifache Weltmeisterin McKayla Maroney (21) über Twitter berichtet, dass auch sie über viele Jahre von Nassar missbraucht worden sei.

Missbrauch unter dem Vorwand medizinischer Behandlungen

Nassar wird mittlerweile von mehr als 140 Frauen des sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung bezichtigt. Er soll die Turnerinnen der US-Riege und Sportlerinnen von der Universität Michigan State unter dem Vorwand „medizinischer Behandlungen“ über Jahre missbraucht haben. Im Zuge der Ermittlungen hatte sich Nassar damit zu rechtfertigen versucht, er habe Behandlungen vorgenommen, um „die Beckenmuskulatur der Turnerinnen zu entspannen“. Sein Anwalt Matthew Borgula sagte, sein Mandant habe „nie abgestritten, medizinische Techniken zu benutzen, die eine vaginale Penetration einschließen“.

Am eindringlichsten schilderte dies bislang Maroney: Auf dem Flug zur WM 2011 in Tokio habe ihr Nassar eine Schlaftablette verabreicht, und das „Erste, an das ich mich danach erinnerte, war dann, dass ich mit ihm alleine im Hotelzimmer war und eine ‘Behandlung’ erhielt. Ich dachte in dieser Nacht, ich sterbe.“

Nassar wird demnächst wohl ins Gefängnis wandern. Er bekannte sich vor dem Gericht in Lansing des sexuellen Missbrauchs in sieben Fällen für schuldig. Das berichtete der „Indianapolis Star“ am Mittwoch. Das Geständnis ist Teil einer Abmachung mit der Staatsanwaltschaft. Ihm droht nun eine Gefängnisstrafe von 25 bis 40 Jahren statt lebenslange Haft. Das Urteil soll im Januar gesprochen werden.

Außerdem hat er sich zuvor bereits zu Vorwürfen der Kinderpornographie schuldig bekannt - in seinem Besitz befanden sich mehr als 37.000 Bilder und Videos, zum Teil mit Mädchen im Alter von sechs Jahren. Am 7. Dezember fällt das Urteil, als Strafmaß sind 22 bis 27 Jahre Haft vorgesehen. Bereits am 29. November muss er sich in einem weiteren Prozess verantworten: wegen strafbarer sexueller Handlungen in 33 Fällen.

Auch in Österreichs Skiverband kam es zu Missbrauch

Die Übergriffe von Nassar „sind nur die Spitze des Eisberges“, sagte Bill Schuette, Generalstaatsanwalt von Michigan. Laut „Indystar“ seien in den vergangenen 20 Jahren nachweislich 368 Turnerinnen und Turner durch Trainer, Betreuer oder Turnzentrum-Inhaber missbraucht worden. Viele Taten seien von Offiziellen vertuscht worden. Aufgeflogene Trainer seien versetzt und nicht entlassen worden. Die Zeitung hatte unter anderem von der sexuellen Belästigung einer Zwölfjährigen durch ihren Olympia-Trainer berichtet, von Nacktfotos sechsjähriger Jungen und regelmäßigem Sex mit Minderjährigen.

Verbrechen dieser Art soll es auch in Österreichs Skisport gegeben haben. Zwei Ex-Rennläuferinnen berichten über sexuellen Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung im Österreichischen Skiverband (ÖSV) in den 1970er-Jahren. Den Stein ins Rollen brachte die Abfahrtsmeisterin von 1975, Nicola Werdenigg (59), die damals noch ihren Mädchennamen Spieß trug.

Vom eigenen Teamkollegen vergewaltigt

Sie erzählt von regelmäßigen Belästigungen und einer Vergewaltigung durch einen Kollegen. Damals sei sie 16 Jahre alt gewesen. „Wer nicht mitspielen wollte, brachte seinen Startplatz in Gefahr“, sagte sie der Tageszeitung „Der Standard“. Eine weitere ehemalige Skifahrerin, die anonym bleiben wollte, bestätigte die Vorwürfe am Mittwoch der Zeitung und schilderte ähnliche Erfahrungen.

„Es hat Übergriffe gegeben. Von Trainern, von Betreuern, von Kollegen“, sagte Werdenigg. Übergriffe sind laut Aussagen der beiden Betroffenen zu dieser Zeit verbreitet gewesen. „Ich musste mich mit Händen und Füßen wehren. Ich habe mir immer gesagt, ich lasse mich nicht brechen“, ergänzte die anonyme Ex-Rennläuferin.

Moser-Pröll distanziert sich von Vorwürfen

Die Zeiten seien damals anders gewesen, reagierte der ÖSV auf die Schilderungen. „Wenn jetzt so etwas vorfallen würde, würden wir dazwischenfahren und kurzen Prozess machen“, sagte Peter Schröcksnadel, seit 1990 ÖSV-Präsident. Österreichs Skilegende Annemarie Moser-Pröll will während ihrer Karriere nichts von den Vorfällen mitbekommen haben und äußerte Bedauern für Trainer, Betreuer und Serviceleute. „Da gehören immer zwei dazu“, so Moser-Pröll gegenüber dem Fernsehsender „ServusTV“.