Formel 1

Hamilton so stark wie nie zuvor

Vor dem Großen Preis von Mexiko am Sonntag spricht alles dafür, dass Lewis Hamilton Formel-1-Weltmeister wird. Das hat viele Gründe.

Flaschen sind sie beide nicht, aber nur einer darf den Sieger-Champagner trinken. In diesem Jahr vermutlich Lewis Hamilton (r.), der dann ebenso vier Mal Weltmeister geworden ist wie sein Hauptrivale Sebastian Vettel

Flaschen sind sie beide nicht, aber nur einer darf den Sieger-Champagner trinken. In diesem Jahr vermutlich Lewis Hamilton (r.), der dann ebenso vier Mal Weltmeister geworden ist wie sein Hauptrivale Sebastian Vettel

Foto: Tony Gutierrez / dpa

Mexiko-Stadt.  Wer über die Chancen des Fast-Weltmeisters Lewis Hamilton schreibt, der kommt nicht an Sebastian Vettel vorbei. Zum Auftakt des Großen Preises von Mexiko (Sonntag, 20 Uhr, RTL und Sky), bei dem dem Briten ein fünfter Platz zum vierten Titel reicht, darf der Deutsche noch einmal erklären, welche unglaublichen Fortschritte Ferrari gemacht habe in diesem Jahr. Die letzten drei Rennen könne er noch gewinnen, und der Plan fürs nächste Jahr stehe ja auch schon. Als der vierfache Champion dann noch versuchte, Ferrari als erfolgreichen Außenseiter zu positionieren, war das Maß der Beschönigung allerdings endgültig voll.

Verstappen als Zünglein an der Waage?

Natürlich muss man auch mit 66 Punkten Rückstand an seine WM-Chance glauben, gerade bei einem technischen Sport. Und vielleicht stimmt Vettels Annahme sogar, dass die Scuderia nach den drei weggeworfenen Rennen in Asien gestärkt aus der Krise hervorgehen werde. Das Prinzip Hoffnung ist ja auch Vorbild Mercedes geläufig. Nach jeder der – in der Hybrid-Ära bislang eher seltenen – Schlappen haben die Silberpfeile diese Technik perfektioniert. So stapelt Teamchef Christian „Toto“ Wolff auch nun wieder tief. Er erwarte in der dünnen Luft von Mexiko und beim hohen Anpressdruck der Rennwagen ähnliche Probleme wie in Malaysia. Da war Red Bull dem Mercedes vor die Nase gefahren.

Ob der wegen seiner Überholaktion und der rüden Wortwahl von Austin umstrittene Max Verstappen das Zünglein an der Waage spielt? Hamilton (32) sagt, genau wie Vettel, dass er die letzten drei Rennen gewinnen kann. Er ist der einzige Fahrer im Feld, der alle 999 Runden bestritten hat. Ohne Ausfall durchzukommen, ist sein großes Saisonziel.

Krisengespräch mit Sportchef Wolff als Wendepunkt

In jedem Rennen seit der Sommerpause habe Lewis Hamilton auf jeder Strecke das letzte Quäntchen Leistung aus dem Mercedes herausholen können, unter jeder Bedingung – so sachlich bewertet der finnische Beifahrer Valtteri Bottas das, was man wohl eher „die Form seines Lebens“ nennen kann. Auch Sportchef Wolff hat den Megastar der Formel 1 noch nie so stark erlebt, obwohl er schon in den vergangenen drei Jahren in Silber je zehn Mal gewann. In dieser Saison liegt er bisher bei neun Einzelerfolgen. „Die rohe Geschwindigkeit von Lewis ist spektakulär, ebenso sein Verständnis für die Reifen und der Umgang mit dem Auto, wenn es mal schwierig zu fahren ist“, schwärmt Wolff, sonst eher ein Realo. In Austin hat er nach dem verlorenen Start eines der raren Manöver gegen den deutschen Rivalen landen können – überholen auf gleichen Reifen. Spätestens in diesem Moment dürfte Vettel (30) geahnt haben, dass es in dieser Saison nichts mehr wird mit dem Titel.

Darauf will sich Wolff noch nicht verlassen, und Hamilton wird sicher auf Angriff fahren, weil er gar nicht anders kann. Da kann ein von der britischen Rundfunkanstalt BBC bemühter Wissenschaftler noch so sehr davor warnen, dass die Umstellung auf vegane Ernährung vor ein paar Wochen die Testosteronausschüttung verringern könne. Anzeichen dafür waren bislang keine festzustellen. „Ich habe mich noch nie so stark gefühlt“, sagt Hamilton. Allein diese Ausstrahlung scheint wie ein Schutzschild zu wirken. Ähnlich wie bei Vettel kann er damit eine ganze Mannschaft mitreißen.

Langes Küchengespräch im Hause Wolff

Dabei schien Hamiltons Ego nach dem Finale von 2016 nicht mehr zur Mercedes-Philosophie zu passen. Das Team beschwerte sich, dass der Brite in Führung liegend bremste, damit die Verfolger auf den späteren Weltmeister Nico Rosberg auflaufen konnten. Für den Briten war das aber einfache Rennfahrerlogik, und er hätte seinerseits die ganzen technischen Schäden an seinem Auto auflisten können, die ihn den Titel gekostet hatten.

Doch dann sah sich Nico Rosberg plötzlich nicht mehr in der Lage, dem Druck weiter standzuhalten und trat zurück. Keine Rede mehr von einer Disziplinarstrafe für Hamilton, stattdessen fand er sich zu einem langen Küchengespräch zu Hause bei Wolff ein. „Da haben wir nach dem schwierigen Moment von Abu Dhabi wieder zueinander gefunden, die ganzen Fragen und Frustrationen rausgelassen. Alles ist auf den Tisch gekommen, wir sind beide gestärkt da raus und haben als Team zu einer ganz neuen Einstellung gefunden. Die ist über das Jahr noch gewachsen“, erzählt Wolff, „und dieser Geist hat uns über die schwächeren Phasen hinweggeholfen.“

2017 ist ein Befreiungsschlag

Ebenso entscheidend wie der Männerabend am Küchentisch war die Tatsache, dass Rosberg das Team verlassen hatte. Der Wiesbadener, neuer Botschafter der Deutschen Bahn, hat zwar gerade bei „Lanz“ gehofft, dass die beiden vielleicht mal wieder miteinander telefonieren könnten, aber für Hamilton hat der Gegner aus Jugendtagen das Klima im ganzen Team vergiftet. Deshalb ist 2017 ein Befreiungsschlag. Auch wenn er wieder einen Deutschen als Gegner hat.

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