Formel 1

Abheben sollen andere

Lewis Hamilton steuert dem vierten Titelgewinn in der Formel 1 ganz gelassen entgegen.

Lewis Hamilton besuchte vor dem Rennen das NASA-Hauptquartier in Houston

Lewis Hamilton besuchte vor dem Rennen das NASA-Hauptquartier in Houston

Foto: Mercedes AMG / Paul Ripke

Austin.  Schwerelosigkeit, das ist genau der Gefühlszustand, den Lewis Hamilton jetzt braucht. Irgendwo schweben in eigenen Sphären, sich mittels perfekter Technik dem Flow hingeben, und einen Speed an den Tag legen wie kein anderer. Genau in diesen Zustand hat er sich vor dem vielleicht entscheidenden Großen Preis der USA am Sonntag (21 Uhr, RTL und Sky) zumindest mental hineinversetzt, bei einem Besuch des NASA-Hauptquartiers in Houston, nur 260 Kilometer von der Formel-1-Rennstrecke in Austin entfernt. Es gibt ein wunderbares Bild, in dem Hamilton den Space Cowboy spielt, mit einem Astronautenhelm in der Hand, der ein goldenes Visier hat. Was für eine Symbolik: Hamilton steht mit 59 Zählern Vorsprung auf Sebastian Vettel kurz vor dem Titelgewinn. Wenn sein Silberpfeil keine außerirdischen Probleme machen sollte, ist er vielleicht schon auf dem Circuit of the Americas durch.

Schon 2015 macht Hamilton in Texas alles klar

Reden will er nicht darüber. Nicht über den ersten Matchball, überhaupt nicht zum Thema Weltmeistertitel. Es wäre sein vierter, damit gleichauf mit Sebastian Vettel. Seinen letzten hatte er 2015 ebenfalls in Texas vorzeitig klargemacht, vier der bislang fünf Rennen in Austin hat er gewonnen. „Es wäre dumm, zu glauben, dass es schon gelaufen ist. Für mich hat sich nichts geändert“, sagt der angehende Champ, „Sebastian ist so stark wie eh und je. Ich gehe mit der gleichen Mentalität in die letzten vier Rennen wie immer. Vielleicht hat sich die Perspektive von außen geändert – für mich aber nicht. Deshalb spüre ich auch nicht weniger Druck als bisher.“ Was gut ist für den Briten, denn unter Druck ist er noch besser. Ohnehin ist er seit Ende der Sommerpause in der Form seines Lebens. Aber er braucht den mächtigen Gegner, an dem er sich aufrichten kann. Zumal man doch nicht einfach erwarten könne, dass sich die Pannenserie von Ferrari fortsetzt: „Die werden schnell sein, sie können hier gewinnen.“ Er selbst, zumindest das gesteht er ein, fahre mit Blick auf den Titel: „Ob es hier passiert oder im letzten Rennen, ist egal. Hauptsache es geschieht. Deshalb bleibt ein Sieg hier auch meine erste Priorität.“

Verhalten oder auf Halten fahren, das kann und will Hamilton nicht: „Wenn du manchmal nur ein bisschen vom Gas gehst, bereitest du dir mehr Probleme als du brauchst.“ Nico Rosberg, der noch amtierende Weltmeister, kennt den 32-Jährigen am besten. Und sagt: „Lewis hat das Momentum, alles läuft in seine Richtung. Sebastian braucht jetzt ein Wunder.“ Der Rivale von Ferrari selbst scheint eine Menge Energie aus den Unkenrufen zu beziehen: „Wir brauchen jetzt all unsere Kraft, um vier ideale Rennen hinzulegen und alle vier zu gewinnen.“ Wie man den souveränen WM-Spitzenreiter Hamilton noch anders verunsichern (und somit zu Ausfällen zwingen) könne, das interessiere ihn aber herzlich wenig: „Ich bin kein Freund von solchen Spielchen, und ich bezweifle auch, ob man so etwas beeinflussen kann. Und wenn, dann ist es nicht meine Art.“

Hamilton hat auch einen Blick für das Politische

Lewis Hamilton kümmert sich sehr wohl um Nebensachen, zumindest eine, die all diejenigen nervös macht, die sich nicht nur auf die sportlichen Ereignisse am Sonntag konzentrieren: „Hier zu gewinnen ist mir auch wichtig wegen all der Dinge, die in diesem Land passieren.“ Ein erneuter Hinweis, dass er ähnlich wie viele farbige Profisportler in den USA aus Protest gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt und die Unterdrückung von Minderheiten bei der Nationalhymne vor dem 17. WM-Lauf auf die Knie gehen könne. Das hatte er indirekt schon beim letzten Rennen angekündigt, jetzt blieb er zunächst verhalten politisch korrekt zu dem Thema: „Ich habe nicht wirklich eine Position dazu und auch keine Pläne.“ Dann aber gesteht er ein, mit vielen US-Amerikanern gesprochen zu haben, spricht von einer großen Bewegung und erwähnt seine zahlreichen Posts in den sozialen Netzwerken: „Ich habe großen Respekt für die Sache, und ich finde es großartig, was Colin Kaepernick gestartet hat. Aber ich will mich aufs Gewinnen konzentrieren.“

Zwei Gründe nennt er dafür, dass er vier der letzten fünf Rennen gewinnen konnte, so viele wie in der ersten Saisonhälfte zusammen: Er hat die (wenigen) Schwächen seines Silberpfeils, der großen Diva unter den Formel-1-Rennwagen, besser verstehen gelernt, und er hat die Rückendeckung von Mercedes-Teamchef Christian „Toto“ Wolff und Teamaufsichtsrat Niki Lauda, sein Leben so zu leben, wie er es gern möchte: „Beides hilft mir, meine Form zu steigern.“ Alles in Balance, und das ist nicht nur technisch gemeint: „Ich bin viel mehr als nur ein Rennfahrer.“ Kryptisch fügt er an, dass gerade eine Menge Dinge in seinem Leben passieren, und diese Dinge nach vielen Fehlversuchen sich positiv entwickeln. Mehr dazu würde sich aber erst in den nächsten anderthalb Jahren zeigen, doch es würde jetzt schon den Druck von ihm nehmen: „Ich komme immer voller positiver Gefühle zu den Rennen.“

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