Handball

Tor des Jahres

Mit einen Kunstwurf sorgt Nationalspieler Steffen Fäth für Furore. Die Füchse können ihn dennoch nicht halten.

Steffen Fäth (l.) zirkelt den Ball per Freiwurf über die Leipziger Mauer hinweg und sorgt damit in letzter Sekunde für 31:30-Sieg für die Füchse.

Steffen Fäth (l.) zirkelt den Ball per Freiwurf über die Leipziger Mauer hinweg und sorgt damit in letzter Sekunde für 31:30-Sieg für die Füchse.

Foto: Thomas Purwin / BILD

Berlin.  Während ganz Handball-Deutschland am Freitagvormittag die vermutlich 20. Wiederholung des verrückten Freiwurfs von Steffen Fäth betrachtete, hatte der Rückraumspieler der Füchse Berlin sein Meisterstück noch gar nicht gesehen. Fäth, der am Donnerstagabend mit seinem unglaublichen Tor den 31:30-Sieg der Füchse in Leipzig herbeigeführt hatte, widmete sich wichtigeren Dingen: Er kutschierte seine Großmutter durch den Berliner Stadtverkehr zum Flughafen. "Bei dem ganzen Chaos wegen des Sturmes ist es gerade etwas stressig", sagte er.

Im Auto erinnerte er sich noch einmal an die letzte Szene: "Ich habe keine Ahnung, wie der Ball reingehen konnte. Ich habe einfach draufgehalten." Vielleicht, so sinnierte er, sei der Treffer die Retourkutsche für die Entscheidung der Schiedsrichter gewesen, die in den letzten Sekunden auf Freiwurf statt auf Siebenmeter für die Füchse entschieden hatten. Mit neun Toren war Fäth der beste Werfer der Berliner, überhaupt hat er großen Anteil daran, dass die Füchse nach wie vor als einziges Team der Bundesliga ohne Verlustpunkte dastehen.

Mit Widerspruch zum Erfolg

Steffen Fäth ist endlich angekommen in Berlin. "Ich fühle mich viel wohler als noch vor einem Dreivierteljahr", sagt der 27-Jährige, der im Sommer 2016 von der HSG Wetzlar zu den Füchsen gewechselt war. Schon in der Vorbereitung wirkte er ausgeglichener und selbstbewusster, lachte viel und traf oft. In Leipzig wagte er sogar, seinem über 30 Jahre älteren Trainer Velimir Petkovic (61) zu widersprechen, als dieser den letzten Spielzug ansagte. "Normalerweise mache ich so etwas nicht", sagte Fäth. Der Erfolg gab ihm aber Recht.

Die Vorbereitung vor dieser Saison habe ihm gut getan, sagt Fäth. Im vergangenen Jahr fiel diese wegen der Olympischen Spiele für ihn aus, dann fehlte ihm das Vertrauen des ehemaligen Füchse-Trainers Erlingur Richardsson, und auch privat hatte Fäth aufgrund einer schweren Krankheit seines Vaters Sorgen. Er bezeichnete sich selbst als "Fremdkörper" im Team, fand überhaupt nicht zu seinem Spiel und musste viel Kritik einstecken – besonders als im November sein für 2018 geplanter Wechsel zu den Rhein-Neckar Löwen bekannt wurde. "Das war nicht leicht, aber was bringt es, wenn ich etwas tausendmal Mal versuchen würde zu erklären", sagt er. "Jeder bildet sich eine Meinung, und das ist auch gut so, aber gerade als Sportler muss man lernen, darauf nicht so viel zu geben." Auch die lobenden Worte, mit denen er aktuell überhäuft wird, genießt er mit Vorsicht. "Das ist mittlerweile so schnelllebig", weiß Fäth. "Du machst ein gutes Spiel, und eine Woche später kann alles wieder ganz anders sein." Füchse-Trainer Velimir Petkovic jedenfalls schwärmt: "Ich bekomme Anrufe aus ganz Europa, was ich für einen guten Rückraumlinken habe." Gleiches gilt für Petar Nenadic, der zuletzt vermehrt mit dem ungarischen Top-Klub Veszprem in Verbindung gebracht wurde.

Nenadic steht vor Wechsel nach Veszprem

Weder die Füchse noch Nenadic selbst wollten einen Wechsel des Serben, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft, am Freitag offiziell bestätigen. Nenadic selbst sagte aber vor dem Training der Morgenpost: "Ich fühle mich hier wohl und will alles für die Füchse geben. Mein großes Ziel ist es aber, einmal die Champions League zu gewinnen. Wenn ich diese Chance bekomme, muss ich sie nehmen." Während die Verhandlungen im Fall Nenadic noch laufen, ist bei Fäth klar, dass die Füchse ab der kommenden Saison ohne ihn auskommen müssen. Den Europameister von 2016 zieht es bekanntermaßen nicht ins Ausland. Der deutsche Nationalspieler stammt aus Frankfurt am Main, der hessische Dialekt ist tief in ihm verwurzelt. Ab Sommer 2018 wird er für den Deutschen Meister, die Rhein-Neckar Löwen, auflaufen, daran ändert auch seine aktuelle Entwicklung bei den Füchsen nichts. Das Trainingszentrum ist nur eine gute Stunde vom VfL Goldstein entfernt, wo Fäth seine ersten Schritte als junger Handballer gemacht hat.

Fäth zeichnet dieselbe lokale Verbundenheit aus, für die ein Paul Drux und ein Fabian Wiede so geschätzt werden – nur gilt seine Heimatliebe eben nicht Berlin, sondern Hessen. Als er beim Empfang der Morgenpost zum Thema "Wahl-Heimat-Berlin" gebeten wurde, den Satz "Berlin ist meine Heimat, weil…", zu vervollständigen, musste er eine Weile grübeln. "Heimat ist für mich da unten", sagte der 27-Jährige schließlich. Es war die ehrlichste Antwort, die er geben konnte.

Nun möchte Fäth die ihm noch bleibende Zeit in Berlin bestmöglich nutzen. "Da es mein letztes Jahr hier ist und im vergangenen Jahr alles so blöd gelaufen ist, will ich vor allem persönlich eine gute Saison spielen", sagt er. Am liebsten würde er sich mit einem Titel aus Berlin verabschieden.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.