Pyeongchang

Olympia hinter Stacheldraht

Konflikt mit Nordkorea überschattet die Spielein Pyeongchang schon jetzt. Ein Ortsbesuch

Pyeongchang.  Wer wissen will, wie weit die Arbeiten an den Spielstätten für die Olympischen Winterspiele 2018 vorangeschritten sind, sollte das höchste Gebäude von Pyeongchang erklimmen, das für das Großereignis gebaut wurde. Es ist der Turm für das Skispringen. Seine Silhouette repräsentiert die Winterspiele in Südkorea. Mit der runden "Untertasse" im oberen Bereich hat er schon fast Ikonen-Status. Von hier aus kann man die neu gebaute Autobahn sehen, die fast fertig ist, die Bahnstrecke, die noch in diesem Jahr ans Netz geht und das Olympische Dorf mit seinen 600 Zimmern, die schon jetzt alle einen Käufer für die Zeit nach Olympia haben.

Es sind nur noch 136 Tage bis hier die Olympischen Spiele (9. bis 25. Februar 2017) stattfinden. Nach den Sommerspielen in Seoul von 1988 und der Fußball-WM 2002 gab es nur wenige Ereignisse, die Südkoreaner mehr begeistern konnte und mehr geeint hätte, als diese beiden. Noch heute erinnern sich die Menschen in Seoul verklärt an die Zeit, als die ganze Welt auf ihr kleines Land blickte, eine Halbinsel, die durch die seit fast 70 Jahren undurchdringliche Grenze zu Nordkorea praktisch zu einer Insel geworden ist. Vielleicht ist also genau jetzt die beste Zeit, um auf dieses kleine Land zu blicken, gerade jetzt, wenn Nordkorea, der Nachbar im Norden, immer wieder androht, es in ein "Flammenmeer" zu verwandeln. In den vergangenen Monaten hat Nordkoreas Führer Kim Jong-un die Welt mit mehreren Raketentests provoziert. Aus Sicht des Olympischen Komitees in Seoul könnte man fast von Sabotage sprechen, denn die Ticketverkäufe sollen aufgrund dieser Bedrohung verschwindend gering sein. Dabei sind die Einwohner Südkoreas diese Provokationen in unterschiedlichem Härtegrad seit 67 Jahren gewöhnt, seitdem der Koreakrieg beendet wurde.

Nachhaltigkeit steht an erster Stelle in den Planungen

Gerade in dieser Gegend an der Ostküste lässt sich der Konflikt mit Nordkorea kaum ignorieren: Am Strand sind weite Teile mit Stacheldraht abgesperrt, zu nah ist die Grenze zum feindlichen Norden. Außerdem ist es gerade einmal 21 Jahre her, dass ausgerechnet hier ein U-Boot auf Grund lief und in den Wochen darauf das Militär 25 nordkoreanische Agenten jagte und schließlich 24 von ihnen tötete. Besagtes U-Boot steht jetzt als Touristenattraktion ein paar Kilometer südlich von Gangneung. Alle fünf Eissport-Hallen stehen in dieser Stadt, nahe am Meer, sie sehen größtenteils aus wie Zweckbauten, rechteckig und etwas klobig, auffällig ist nur die Halle für Eiskunstlauf, der in Südkorea neben Eisschnelllauf wohl beliebteste Wintersport. Sie ist gestaltet wie ein windschnittiger Helm. Rings um diese Sportstätten soll ein "Olympischer Park" entstehen, in dem Familien sich für umgerechnet zwei Euro am Tag aufhalten dürfen und Speisen aus aller Welt probieren können. Doch das endgültige Schicksal nach Olympia ist für die meisten Hallen noch nicht festgelegt.

Die Kosten von "PyeongChang 2018" liegen weit unter denen für die letzten Winterspiele in Sotschi, allerdings waren die Winterspiele in Russland mit 50 Milliarden teurer als alle davor zusammen. Rund 15 Milliarden US-Dollar ist das Budget von PyeongChang. Diese Spiele sollen die nachhaltigsten der Geschichte werden. Den Willen zur alternativen Nutzung der Spielstätten bewiesen die Koreaner schon vor dem Start der Spiele: Auf dem Landefeld der Schanzen, das umringt ist von Sitztribünen, fanden schon in diesem Sommer Rockkonzerte statt. Bis auf den "Olympic Plaza", wo am 9. Februar die pompöse Eröffnungsfeier stattfinden wird, sind alle Gebäude weitgehend fertig gestellt oder modernisiert.

Skirennläufer Neureuther denkt über Verzicht nach

Das größte Problem ist also der Konflikt mit Nordkorea. Die Angst vor Eskalation geht inzwischen reihum. Mit der französischen Sportministerin Laura Flessel brachte eine ranghohe Politikerin einen möglichen Startverzicht ins Gespräch. "Wenn sich die Situation verschlimmert und keine definitive Sicherheit gewährleistet ist, wird die französische Olympiamannschaft zu Hause bleiben", sagte sie. Ähnliche Töne sind aus Österreich zu vernehmen. Der Deutsche Olympische Sportbundes (DOBS) gibt sich noch zurückhaltend. Doch die Sportler sehen das zum Teil schon jetzt kritischer. Skirennläufer Felix Neureuther denkt offen über einen Olympia-Verzicht nach, auch Biathletin Laura Dahlmeier grübelt: "Ich mache mir meine Gedanken. Ich werde jetzt Vater und da hat man eine gewisse Verantwortung. Um jeden Preis werde ich da sicher nicht hinfahren", sagte Neureuther. Einen Plan B, falls die Winterspiele in Pyeongchang wirklich zu gefährlich werden sollten, gibt es bisher nicht.

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