Europa League

Hertha freut sich auf Europa - nur Berlin zögert noch

Gegen Athletic Bilbao werden lediglich 25.000 Zuschauer erwartet. Dabei ist die Europa League wichtig.

Spärliche Kulisse: Die Profis von Hertha BSC, Niklas Stark (vorn) bedanken sich bei den Fans für deren Unterstützung

Spärliche Kulisse: Die Profis von Hertha BSC, Niklas Stark (vorn) bedanken sich bei den Fans für deren Unterstützung

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Berlin.  Eine Saison lang hat Trainer Pal Dardai mit seiner Mannschaft gearbeitet, nun ist es so weit: Nach knapp acht Jahren Pause startet Hertha BSC am Donnerstag in die Europa League. Am ersten Spieltag in der Gruppe J empfängt der Hauptstadt-Klub Athletic Bilbao (21.05 Uhr, Olympiastadion). Wenn auch im Umfeld viele von der Champions League träumen, der Zwischenschritt in der Europa League ist aus vielen Gründen wichtig für Hertha.

Mannschaft: Das 1:1 im Bundesliga-Heimspiel gegen Werder Bremen tat noch ein wenig weh, der Blick ging aber nach vorn. „Wir wollten gegen Bremen gern drei Punkte, um ein gutes Gefühl zu haben“, sagte Abwehrchef Sebastian Langkamp, „nun ist es nur einer geworden. Trotzdem: Das Bilbao-Spiel ist eine Premiere für uns. Wir sind zuversichtlich.“ Für Hertha ist der internationale Wettbewerb vor allem mit Blick auf die jungen Spieler wichtig. Davie Selke (22), auch wenn er aktuell fehlt, ist so ein Beispiel. „Bremen oder Berlin: Bei uns gab es die Perspektive Europa League“, sagt Hertha-Manager Michael Preetz. Die Chance, sich international präsentieren zu können, habe für Selke (im Sommer für 8,5 Mio. Euro Ablöse von RB Leipzig gekommen) ebenso eine Rolle gespielt wie für Valentino Lazaro (21/ausgeliehen von RB Salzburg). Der zweite Aspekt für ­Hertha besteht darin, Hoffnungsträger wie Niklas Stark (22), Mitchell Weiser (23) oder Marvin Plattenhardt (25) mit langfristigen Verträgen binden zu ­können, eben weil der Klub jetzt auch europäisch spielt.

Trainer: Pal Dardai ist nach Christian Streich (SC Freiburg) und Peter Stöger (1. FC Köln) zwar der Übungsleiter mit der drittlängsten Amtszeit der Liga, betont aber mit Blick auf Europa: „Ich bin ein junger Trainer und kann noch lernen.“ Zwar bringt Dardai die Erfahrung von 61 Länderspielen mit Ungarn sowie die meisten Europacup-Partien aller Herthaner mit (42). Doch nun verantworten Dardai und sein Trainerteam erstmals einen Rhythmus von bis zu zehn englischen Wochen bis Mitte Dezember: Wie verändern die vielen Spiele die Gruppe? Wie gehen die Spieler mit der Rotation um? Wie kommt der Hertha-Jahrgang 2018 damit klar, mehr zu spielen als zu trainieren? ­Prozesse, die Dardai moderieren und gegebenenfalls durchsetzen muss.

Zuschauer: Stell’ dir vor, es ist Europacup, aber keiner geht hin. Hört sich an wie ein schlechter 80er-Jahre-Slogan – erzählt aber von der Realität. Zwischen 2000 und Februar 2010 hat Hertha 23 Partien im Olympiastadion gespielt im Uefa-Cup sowie der Europa League. Es gab unbekannte Gegner wie Amica Wronki, SC Heerenveen oder FK Ventspils. Es gab ein bisschen ­bekanntere Gäste wie Servette Genf, FC Aberdeen oder Sporting Lissabon. Und es waren Hochkaräter dabei wie Inter Mailand oder Benfica Lissabon. So vollmundig das Berliner Umfeld Hertha in die Pflicht nimmt („Ein Hauptstadt-Klub muss um die Meisterschaft und in der Champions League spielen.“): An dem Weg dahin sind viele nicht interessiert. Im Schnitt kamen kümmerliche 19.570 Zuschauer ins Olympiastadion. Und der eine Ausreißer nach oben lag nicht an Hertha-Fans - im Dezember 2008 wollten 62.612 Besucher Galatasaray Istanbul sehen (0:1). Hertha hat ein günstiges Eintrittspaket geschnürt für die Heimspiele gegen Bilbao, Sorja Luhansk und Östersunds FK. Mit Bilbao tritt gleich der attraktivste Konkurrent an. Doch der Berliner ist erneut zögerlich. Die Zahlen im Vorverkauf deuten wieder auf eine ­bescheidene Kulisse hin. Donnerstag werden 25.000 Fans erwartet.

Die Europa League steht im Schatten des teilweise spektakulären Fußballs, der in der Champions League geboten wird. „Die gefühlte Attraktivität der Europa League liegt deutlich unter der sportlichen Herausforderung“, sagt Manager Michael Preetz. Auch wenn Luhansk oder ­Östersunds vielen Fans nichts sagen, so Preetz, „sind alle in der Lage, sportlich zu überzeugen“.

Image: Hertha ist dabei, sich auf verschiedenen Ebenen zu entwickeln: Sportlich, bei der Vermarktung, beim Sponsoring, bei der Digitalisierung und beim Ticketing. „Da steht man als Klub, der international spielt, wesentlich mehr im Fokus, als wenn man ein normaler Bundesligist ist“, sagt Preetz.

Fünf-Jahres-Wertung: Da zuletzt der FC Bayern und Borussia Dortmund in der Champions League nicht so weit gekommen sind wie in den Jahren zuvor, da Hoffenheim (gegen Liverpool) und Freiburg (gegen Domzale) ihre Qualifikationspartien in diesem Sommer verloren haben, sind die verbleibenden Klubs gefordert – wie Hertha. Mit Blick auf die Gruppengegner sollte das Überwintern in der Europa League möglich sein. „Wir wollen so weit kommen wie möglich“, sagt Preetz. Neben der Solidarität für die Liga ist der Europa-Cup für Hertha auch aus Eigennutz wichtig. Derzeit rangieren die Berliner in der Uefa-Klub-Rangliste nur auf Platz 118 hinter Hull City, aber vor Udinese Calcio. „Es ist wichtig, dass wir jetzt dabei sind“, sagt Preetz, „weil wir richtig Meter machen können.“

Übersteht Hertha die Gruppenphase, winken nicht nur Einnahmen von etwa 15 Millionen Euro (Startgelder, Prämien, Marktpool), sondern auch ein gewaltiger Sprung im Uefa-Klub-Ranking. Damit wäre Hertha bei künftigen Auslosungen besser ­gestellt als aktuell nach acht Jahren ­Abwesenheit – ­natürlich unter der Voraussetzung, dass Hertha sich auch 2018 international qualifiziert.