Immer Hertha

Fans finden: "Hertha interessiert sich nicht für Fußball"

Der Berliner Bundesligist wird im Trainingslager in Österreich auf ganz spezielle Art wahrgenommen.

Blick ins Olympiastadion

Blick ins Olympiastadion

Foto: nordphoto / Engler / picture alliance / nordphoto

Hertha nutze ihre Chance nicht, sagten sie – womöglich erkenne sie nicht mal die besondere Gelegenheit. Weniger als Vorwurf war das gemeint, eher als nüchterne Feststellung, aber ein bisschen enttäuscht schienen die mitgereisten Fans dann doch im Trainingslager des Berliner Fußball-Bundesligisten in Schladming. Irgendwann im Laufe dieser Woche fasste ein Tribünengast die bittere Erkenntnis schonungslos in Worte. „Für Fußball“, sagte er, „interessiert sich Hertha gar nicht mehr.“

Dabei gibt sich Hertha ja alle Mühe, um zumindest den Anschein der Fußball-Leidenschaft zu wahren. Für alle sichtbar brezelt sie sich Tag für Tag auf, spielt in der Außendarstellung mit den Vereinsfarben und der Klub-Tradition. Gelegentlich trägt sie sogar ein Retro-Jersey, das maximale Authentizität vorgaukelt, doch wenn es darauf ankommt, schaut Hertha, diese süße Terrier-Dame, nicht mal hin. Statt die Fußballer bei ihren Trainingseinheiten zu beobachten oder gar mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen, lümmelt der vierbeinige Pseudo-Fan desinteressiert unter den Sitzbänken und erkundet mit der Nase das Umfeld. Ganz anders als ihr Herrchen (stets mit stilechtem Hundehalsband in Vereins-Optik in der Hand), interessiert sich Hertha nicht die Bohne für die Kalous, Ibisevics und Weisers. Es ist ein Jammer.

Das allgemeine Interesse für Hertha hält sich in Schladming in Grenzen

Zur Ehrrettung der kleinen Fellnase muss man allerdings festhalten: Gemessen am Hertha-Interesse in Schladming entspricht sie ziemlich genau der Norm. Ein „Herzlich willkommen“-Schild am Ortseingang oder auf dem Trainingsgelände? Fehlanzeige. Plakate, die auf die Präsenz des Hauptstadtklubs oder dessen Testspiele hinweisen? Nicht eines. Stattdessen wird in dem 7000-Seelen-Städtchen lieber das Platzkonzert der hiesigen Stadtkapelle promotet, was sicher ein wahnsinnig schönes Event ist, aber auch stark nach Tagesgeschäft klingt. Dass ein Bundesligist in der Stadt weilt, wird hingegen nirgendwo transportiert. Nur Hertha, ihr Herrchen und rund 50 weitere hartgesottene Fans sorgen für blau-weiße Farbtupfer.

Unterhält man sich mit Einheimischen, erntet man meist fragende Blicke. „Hertha? Naaa. Wo spuin‘s die? Zwoate Liga, oder?“ Nun, das war einmal, aber der dezente Hinweis, dass die Berliner in diesem Jahr in der Europa League starten, ändert an der Gleichgültigkeit wenig. Bayern München oder Borussia Dortmund – ja, das wär’ mal was für den Ort, aber dafür fehle es an der nötigen Nobelherberge. Hertha gibt sich mit einem Viereinhalb-Sterne-Etablissement zufrieden.

Immerhin: eine große Schlagzeile in der Lokalzeitung

In den Lokalmedien fanden die Berliner bisher nur zweimal Erwähnung. Zunächst, weil mit Valentino Lazaro ein Österreicher von Red Bull Salzburg zu Hertha wechselt; später dann, weil man sich für die Unfähigkeit der Schladminger schämte. Die Verantwortlichen auf der sogenannten Athletic Area hatten den Elfmeterpunkt versehentlich zwei Schritte zu nah am Tor markiert, was gleich im ersten Training aufflog. Die Folge: eine große Schlagzeile in der „Kleinen Zeitung“, und ein Hauch von internationaler ­Presse für Hertha. Immerhin.

In Zukunft wünschen sich die Berliner nicht nur mehr, sondern auch eine andere Art von Aufmerksamkeit. Mit ihren ersten Europapokal-Auftritten seit 2010 wollen sie sich auch im Ausland interessant machen. Noch aber kommt ihnen das unbehelligte Dasein in Schladming nicht ungelegen – wenigstens lässt es sich so in Ruhe arbeiten.

Wie viel bei dieser Arbeit in der ­Ruhe herumkommen wird, zeigt sich am Sonnabend. Dann treffen die Berliner auf Galatasaray Istanbul, einen Gegner von internationalem Format, und sicher prominent genug, damit auch die „Kleine Zeitung“ wieder ein paar Zeilen opfert. Nur Hunde-Dame Hertha wird das Spiel reichlich egal sein. Sie hat ihren Spaß daran gefunden, Schladmings Fußgängerzone auf und ab zu ­flanieren und sich in ihren blau-weißen Outfits von den Passanten bewundern zu lassen. Wenigstens eine Hertha, die die Schladminger begeistert. Der Rest kann ja noch ­kommen.

Mehr zum Thema:

Mitchell Weiser: Er sieht nur brav aus

Alles fix: Hertha leiht Valentino Lazaro von RB Salzburg aus

Arne Maier ist alles – nur nicht gewöhnlich