DFB-Pokal

Preetz: „222 Millionen sind nicht refinanzierbar“

Hertha-Manager Preetz hält die Ablösesummen wie bei Neymar für „nicht vermittelbar“. Das große Saisonstart- und Geburtstags-Interview

Michael Preetz  ist mit 84 Bundesliga-Treffern Rekord-Torjäger von Hertha. Sein Vertrag als Geschäftsführer Sport läuft bis 2019

Michael Preetz ist mit 84 Bundesliga-Treffern Rekord-Torjäger von Hertha. Sein Vertrag als Geschäftsführer Sport läuft bis 2019

Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images

Berlin.  Ereignisreiche Tage liegen vor Michael Preetz: Heute startet Hertha BSC mit dem Erstrunden-Pokalspiel bei Drittligist Hansa Rostock in die neue Saison (20.45 Uhr/ARD und Sky). Am Sonnabend steht der Bundesliga-Auftakt mit einem Heimspiel im Olympiastadion gegen den VfB Stuttgart an. Dazwischen feiert Preetz am Donnerstag seinen 50. Geburtstag. Die Morgenpost traf den Geschäftsführer Sport zum ­großen Interview.

Berliner Morgenpost: Die optimistische Formulierung: Mit 50 tritt man in die zweite Lebenshälfte ein. Die mathematische Formulierung sagt: Mit 50 tritt man ins sechste Lebensjahrzehnt ein.

Michael Preetz: Ich habe viel darüber gelesen, dass 50 die neue 30 ist, finde ich gut. Ich fühle mich gut, bin frisch – und freue mich auf die neue Saison.

Sie gehen als Geschäftsführer Sport in Ihre neunte Hertha-Saison: Wie hat sich die Arbeit in ihrem Job verändert seit 2009?

In den letzten neun Jahren hat sich einiges verändert. Die Digitalisierung ist ebenso wie überall ein großes Thema für uns im Klub. Auch der Umgang miteinander. Wir leben gerade auch bei uns einen Wandel der Kultur, den der Fan von außen vielleicht gar nicht so mitbekommt. Rein sportlich hat sich das Transfergeschäft dramatisch verändert, hin zu irrwitzigen Ausgaben, die wir in diesem Sommer erleben.

Mit 50 ist man nicht mehr der junge Hoffnungsträger, sondern jemand, der über Erfahrung verfügt. Was tun Sie, um sich weiterzuentwickeln, auf neue Ideen zu kommen, andere Perspektiven einzuholen?

Ich habe einige Leute, mit denen ich mich austausche, die etwa an der Spitze von anderen Unternehmen stehen. Die machen ähnliche Prozesse durch. Diesen Austausch zu pflegen, um das Spektrum zu erweitern, habe ich immer für wichtig gehalten. Zum anderen geht es auch über Personal bei uns, bei Hertha BSC. Wir haben etwa im Bereich der Medienabteilung große Veränderungen eingeleitet, sehr junge Leute dazu geholt, die einen ganz anderen Input mitbringen. Das führt zu neuen Ideen und Prozessen, die wir für wichtig halten, um Hertha in die Zukunft zu führen. Dass dieser Weg vor einem selbst nicht halt machen sollte, liegt auf der Hand. Ich bin sehr offen und interessiert an neuen Dingen.

Stichwort Transfersummen: Hertha hat mit rund 20 Millionen Euro eine Rekord­ablöse für John Brooks erzielt. Hat für Davie Selke mit 8,5 Millionen so viel Geld ausgegeben, wie noch nie für einen Spieler. Noch extremer sind die Steigerung international, wenn Paris St. Germain für Neymar 222 Millionen Ablöse zahlt und Barcelona 100 Millionen für Ousmane Dembele von Borussia Dortmund bietet. Was bedeutet diese Entwicklung für Hertha?

Das wird spannend sein zu beobachten bis zum Ende des Transferfensters, ob es diese wahnsinnigen Auswirkungen haben wird. Das ist nicht ausgeschlossen. Ich stelle mir aber die Frage: Wo führt das hin? Bisher gab es eine stetige Weiterentwicklung in den letzten Jahren. Man konnte sich nicht so recht vorstellen, dass die irgendwann mal endet. Aber die Entwicklung im Moment, der Ablösevorgang zwischen Paris und Barcelona, den finde ich nicht mehr greifbar. Das ist auch nicht mehr vermittelbar. Das ist mal eben ein Sprung um mehr als das Doppelte verglichen mit dem Höchstwert des Vorjahres (meint: 105 Mio. Euro, die Manchester United 2016 an Juventus Turin für Paul Pogba bezahlt hat/Anm.d.Red.). Das ist eine Entwicklung, die atemberaubend ist. Aus Vereinssicht sage ich: Diese Transfers sind nie im Leben refinanzierbar.

Im deutschen Profifußball gab es Anfang der 2000er Jahre eine Phase der Goldgräberstimmung. Hertha hat damals, wie die Konkurrenz, hohe Summen investiert etwa für Alves, Marcelinho, Goor – und wegen der Kirch-Krise und weil der sportliche Erfolg nicht eingetreten ist wie erhofft, bis 2014, bis zum Einstieg von Finanzinvestor KKR gebraucht, um die Finanzen wieder in die ­Balance zu bringen. Was sind die Lehren für die aktuelle Lage?

Für Hertha ist der Transfermarkt eine große Herausforderung. In dem wirtschaftlichen Korridor, in dem wir uns als Hertha bewegen, entwickeln sich die Preise in eine Richtung, dass wir überlegen: Wie können wir da noch mithalten? Wir konnten in diesem Sommer Veränderungen im Kader nur deshalb umsetzen, weil wir mit John Brooks einen großen Transfer aus dem Klub heraus gemacht haben. Aber das, was an der Liga-Spitze passiert, bei den Bayern, in Dortmund oder in Leipzig – ist für Hertha unerreicht, von Paris und Barcelona ganz zu schweigen. Für unsere Verhältnisse sind wir mit dem, was wir im Kader in diesem Sommer machen konnten, zufrieden. Aber die Entwicklung allgemein - wir müssen schauen, wie wir da mitkommen.

Sie bewegen sich täglich im Hochpreis-Segment Profifußball. Wie erklären Sie normalen Arbeitnehmern diese Summen?

Am Ende ist es einerseits nicht schwer zu erklären: Das sind die Gesetzmäßigkeiten des Marktes. Wenn es ein Angebot gibt und eine Nachfrage, dann können da so wahnsinnige Summen rauskommen. Auf der anderen Seite: in diesen Dimensionen ist das irreal geworden und das können europaweit nur einige wenige Klubs. Das wird immer schwieriger nachzuvollziehen.

Werden die Wellen nicht nach unten durchgereicht? Barcelona bemüht sich um einen Neymar-Ersatz mit Dembele bei Borussia Dortmund. Falls der BVB Dembele abgibt, wird Dortmund als Ersatz nicht die Nummer 19 von Hertha holen ...

... ob es einen Domino-Effekt für die Bundesliga gibt, muss man sehen. Jetzt spielt auch der Faktor Zeit eine Rolle. Wir haben Mitte August, das Transferfenster schließt am 31. – es wird langsam schwierig, von heute auf morgen Entscheidungen zu treffen, die solche Auswirkungen haben. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass Hertha ein so ungewöhnliches Angebot erhält, das uns zum Nachdenken animieren könnte. Aber in diesem Geschäft weiß man nie.

Klinsmann, Rekik, Leckie, Lazaro, Selke – ist der Kader für 2017/18 komplett?

Stand heute ist der Kader komplett. Was nichts daran ändert, dass wir bis zum letzten Tag der Transferperiode den Markt im Auge haben. Die Herausforderung ist, den Kader auf jeder Position doppelt zu besetzen: Das haben wir hinbekommen. Der Konkurrenzkampf wurde noch mal verschärft. Unsere Mannschaft ist über mittlerweile zwei Jahre eingespielt. Sie wurde punktuell ergänzt und verstärkt. Aber wir haben eine Dreifach-Belastung mit Liga, Pokal und Europa League. Das Thema Verletzungen hat schon in der Vorbereitung eine Rolle gespielt. Letzten Endes kann man sich als Verein nicht gegen alle Eventualitäten wappnen.

Erstmals seit neun Jahren tanzt Hertha auf drei Hochzeiten: Wie sind die Wertigkeiten verteilt zwischen Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League?

Die Saison wird eine Riesenherausforderung, aber eine, auf die wir uns sehr freuen. Die Bundesliga ist der wichtigste Wettbewerb, das ist klar. Im Pokal lebt der Traum weiter vom Pokalfinale im eigenen Stadion. Und in der Europa League ist es Aufgabe für jeden Klub, der dort startet, eine vernünftige Visitenkarte für die Bundesliga abzugeben. Das alles werden wir versuchen, in Einklang zu bringen.

Hertha hat die vergangene Saison auf Rang sechs beendet. Ist das das neue Saisonziel: ein Platz im internationalen Wettbewerb?

Wir wollen die Mannschaft weiterentwickeln. Wir wollen in der Bundesliga nicht in Gefahr kommen, im DFB-Pokal so weit wie möglich kommen und international eine gute Rolle spielen – wenn das eintritt, dann spielt Hertha eine gute Saison. Eine Zielsetzung „ein Platz unter den ersten Sechs“ ist für mich ­keine realistische Formulierung.

Die 10er-Position ist wichtig: Ondrej Duda hat die Vorbereitung komplett absolvieren können. Ist er die Lösung, die Hertha sich wünscht, um mehr Kreativität, mehr Torgefahr zu bekommen?

Das Thema kann man ja nicht isoliert betrachten. Ondrej hat eine gute Vorbereitung absolviert, er ist nah’ dran. Er hat die Chance beim Start im Pokal bei Hansa Rostock ein Kandidat für die Startelf zu sein. Das ist das, was wir wollen. Er wird in dieser Saison zeigen können, warum wir uns im vergangenen Jahr für ihn entschieden haben. Es haben aber auch andere Spieler in der Vorbereitung auf sich aufmerksam gemacht: Alexander Esswein etwa, in einer etwas anderen Rolle als zweite Spitze oder ganz vorne drin. Diese beiden Beispiele zeigen, dass Trainer Pal Dardai auf der einen und anderen Position mehr taktische Flexibilität hat als vergangene Saison.

Arne Maier, Florian Baak, Julius Kade und Pal Dardai jr. spielen ihre erste volle Saison als Profis: Wem von den Jungen trauen Sie den größten Sprung zu?

Schwierig vorherzusagen. Alle haben sich gut in der Gruppe bewegt, alle haben auf ihren Positionen Schritte nach vorne gemacht. Sie werden ihre Spiele in ihren Mannschaften (U19 oder U23 /Anm.d.Red.) bekommen. Sie haben alle gezeigt, dass sie das Potenzial auch für Einsätze bei den Profis haben. Wir haben sehr viele Spiele in diesem Jahr. Es hängt von den Entwicklungen der kommenden Wochen ab, wer von den Jungen wie schnell in der ersten Mannschaft zum Zuge kommt.

Stichwort Abgänge? Was wird aus Valentin Stocker, Genki Haraguchi und Sinan Kurt?

Wir haben einen großen Kader. Den werden wir brauchen. Es steht niemand „auf Abschied“. Die Situationen sind unterschiedlich: Wir wollten lange mit Genki verlängern, und sind mit ihm nicht zusammen gekommen. Dann haben wir entschieden, dass wir nicht mehr mit Genki verlängern werden. Damit ist die Situation: Entweder gehen wir mit Genki in sein letztes Vertragsjahr bei Hertha, was ich mir vorstellen kann, weil wir ihn relativ günstig vor drei Jahren aus Japan geholt haben. Oder wir machen mit ihm noch einen Transfer, wenn ein interessierter Verein auf uns zukommt. Bei Valentin ist es ähnlich. Er hat wie Genki in den letzten Jahren gezeigt, welchen Wert er hat, wo seine Qualitäten liegen. Aber er war ein teurerer Spieler. Sein Vertrag hat noch ein Jahr Restlaufzeit: Wir müssen beurteilen, wie wir zu einer vernünftigen Lösung für alle Seiten kommen. Das betrifft nicht nur Hertha, sondern auch den Spieler. Bei Sinan ist es so, dass er im letzten Winter schon viel weiter war. Wir hätten uns gewünscht, dass er zum jetzigen Zeitpunkt auf dem Level vom Januar wäre. Dann wäre Sinan ein Kandidat für mehr Einsätze. Im Moment hat Sinan Rückstand, den muss er schleunigst aufarbeiten.

Vor dem vergangenen Spieljahr haben Sie sich im Olympiastadion einen Zuschauerschnitt von 60.000 gewünscht. Trotz einer starken Heimbilanz von Hertha lag der Schnitt bei 50.000. Enttäuscht?

Nicht enttäuscht, dafür bin ich zu lange in Berlin. Eher von der momentanen Realität für Hertha eingeholt. Es ist unsere Aufgabe, den Zuschauerschnitt zu erhöhen. Erfolg ist eine Komponente, aber es gibt noch andere. Wir hatten trotz zwei erfolgreicher Saisons keinen signifikanten Anstieg bei den Zuschauerzahlen. Daran arbeiten wir. Aber dieses Thema wird uns wohl noch die eine oder andere Saison begleiten.

Der Pokal geht in seine 75. Saison: Keine andere deutsche Mannschaft musste so oft in die Verlängerung wie Hertha BSC: 51 mal. Was heißt das für die Pokalpartie bei Hansa Rostock?

Im DFB-Pokal geht es nur und ausschließlich ums Weiterkommen. Das streben wir in Rostock an. Gern innerhalb von 90 Minuten. Aber wie schwer das wird, wissen wir: Vergangene Saison mussten wir beim Drittligisten Regensburg in die Verlängerung und ins Elfmeterschießen.

Rostock hat bereits vier Spieltage in der Dritten Liga absolviert ...

... wir sind vorbereitet, haben alle Partien des Gegners gescoutet. Hansa hat den Vorteil, im Spielrhythmus zu sein. Aber natürlich wollen wir die zweite Runde erreichen.

Es gibt Philosophen, die sagen: Wenn man 50 wird, beginnt das Schwaben-Jahrzehnt. Man gibt sich keinen Illusionen mehr hin, nimmt sich nur noch vernünftige Sachen vor. Wie sieht das bei Michael Preetz aus?

Ich neige von Hause aus schon immer mehr zum Realitätssinn als zu Träumereien, daher brauche ich nicht diesen Geburtstag, um diese Lebensweisheit hinzuzugewinnen. (lacht)