Kanu

Olympiasieger Rauhe greift wieder nach Medaillen

Berlins Ronald Rauhe will es bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio noch einmal wissen und verschiebt dafür sogar sein Karriereende.

Ronald Rauhe mit seiner Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro

Ronald Rauhe mit seiner Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Berlin.  Sportler planen meistens sorgfältig. Eine Saison braucht Struktur, die Leistung fördert es nämlich nicht, wenn dem Zufall die Regie obliegt. Manchmal aber kann eine Fügung des Schicksals die Pläne gehörig beeinflussen oder sogar in völlig neue Vorhaben münden. Bei Ronald Rauhe verhielt es sich so. Er hatte sich gedanklich alles zurechtgelegt, sich auf eine intensive Ehrenrunde und den anschließenden Ruhestand eingestellt. Doch nach und nach rückte Tokio in den Fokus – und damit ein paar Jahre mehr der täglichen Schinderei im Training.

Am Freitag steigt der Berliner erst einmal in Plowdiw ins Boot. In Bulgarien fahren die Kanuten um EM-Titel. Kein Rennen mit großer Brisanz für den auf die WM Ende August fixierten Deutschen Kanu-Verband, der kurz vorher ein ausgedehntes Ausdauer-Trainingslager ansetzte. Für Top-Leistungen ist diese Konstellation nicht gemacht, aber ein interessanter Wettkampf wird es doch werden. Weil Rauhe wieder mit dem Kajakvierer über die 500 Meter antritt. „Auf diesem Boot liegt die absolute Priorität des Verbandes“, erzählt der Athlet.

Es ist ein neues Boot, zumindest in seiner Bedeutung. Das hat für Rauhe alles verändert. „2017 sollte meine letzte Saison werden, eine Saison zum Runterkommen, weil ich 2016 schon sehr auf die Olympischen Spiele fokussiert gewesen bin“, sagt er. Mit 35 Jahren lag der Abschied nah nach einer Karriere voller Edelmetall – mit dem Höhepunkt des Olympiasieges 2004. Er wollte noch einmal die Atmosphäre auf den Regattastrecken genießen, dann den Schlussstrich ziehen. Doch das Internationale Olympische Komitee (IOC) lechzt ständig nach Veränderungen im olympischen Programm. Die Folge ist, dass nun der K4 der Männer über 500 Meter neu in das Programm für Tokio 2020 aufgenommen wurde.

Gleich Weltrekord mit dem neuen Boot

Als die Diskussionen um die neuen Olympiadisziplinen begannen, setzte bei Rauhe eine neue Zukunftsplanung ein. „Das ist für mich eine Nummer gewesen, die mich super reizt“, sagt der Berliner. International saß er immer in Einer und Zweier, war am erfolgreichsten über die 500 Meter, die zuletzt bei Olympia nicht mehr als Distanz bei den Männern gefahren wurden. „Die Streckenlänge ist mir wie auf den Leib geschneidert“, so Rauhe. Sie vereint Sprintstärke und Ausdauerfähigkeiten.

Die üblichen Qualifikationen im Frühjahr gewann er, „da hat man gesehen, dass ich mich sogar als erste Person für den neuen Vierer anbiete.“ Rauhes Motivation erreichte da wieder ein ganz neues Niveau, eines, dass eine olympische Medaille als Zielsetzung hat. Erst recht nach den ersten Tests und Weltcups. „Ich wusste, dass das Boot eine Waffe wird, wenn die richtigen Leute drinsitzen“, sagt Rauhe. Schon im Training kratzte die Truppe mit Tom Liebscher (Dresden), Max Rendschmidt (Essen) und Max Lemke (Mannheim) am Weltrekord, beim Weltcup in Ungarn stellten sie gleich im ersten echten Rennen eine neue Bestmarke auf (1:18:748 Minuten).

Eine Entscheidung zu treffen, fiel dem Ausnahmeathleten allerdings nicht leicht. Selbst die Bitten der Trainer, als Leitfigur mit vier Olympiamedaillen und 13 WM-Titeln an Bord zu bleiben, konnten da keinen Ausschlag geben. „Mir ging es immer darum, abgesichert zu sein. Da wollte ich kein Risiko eingehen, indem ich mit 39 Jahren anfange, mir einen Job zu suchen. Da habe ich eine Verantwortung gegenüber meiner Familie“, sagt der Berliner.

Der 35-Jährige steht vor seinen sechsten Spielen

Seine Frau Fanny, Olympiasiegerin 2008, mit der er zwei Kinder hat, begleitete den Prozess. Über Monate führte Rauhe viele Gespräche, jüngst erst am Montag, er lotete die Möglichkeiten aus. Die Brandenburger Landesregierung hat ihm als Athleten des KC Potsdam die Chance einer dualen Karriere offeriert, mit garantiertem Arbeitsplatz nach Olympia 2020. Ein paar Details müssen im Laufe des Jahres noch geklärt werden. „Aber die Zeichen für Tokio stehen sehr gut“, erzählt Rauhe, der sein Training inzwischen etwas genauer dosiert als früher.

Es wären seine sechsten Olympischen Spiele. „Das haben noch nicht so viele Sportler in Deutschland geschafft“, sagt er. Die Tante seiner Frau, Birgit Fischer, die erlebte mit 42 Jahren ihre sechsten Spiele und gewann da sogar noch Gold mit dem Vierer. Rauhe selbst dachte im vergangenen Jahr in Rio nach dem Rennen im K2 über 200 Meter, dass auf olympischer Ebene für ihn alles vorbei sei. Als sicherer Medaillenkandidat war das Boot angetreten – und Fünfter geworden. „Da war ich emotional am Ende“, so der Berliner.

Im anschließenden K1 über 200 Meter hatte er eigentlich keine Chance, gewann aber unerwartet Bronze: „Das ist für mich gleichwertig mit der Goldmedaille von Athen. Damit habe ich mich selbst überrascht.“ Im Prinzip ein grandioses Ende einer tollen olympischen Karriere. Dann kam das IOC und öffnete unverhofft eine neue Tür.