Schwimm-DM

Bereit für den ersten Titel

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Philip Häfner
Leonie Kullmann von der SG Neukölln Neukölln

Leonie Kullmann von der SG Neukölln Neukölln

Foto: imago sportfotodienst / imago/Camera 4

Die Berlinerin Leonie Kullmann (17) will den nächsten Schritt Richtung Weltklasse schaffen. Meisterschaften an der Landsberger Allee.

Berlin.  Leonie Kullmann wird einiges zu erzählen haben. Die 17-Jährige hat gerade ihr Abitur hinter sich, am Dienstag war die letzte mündliche Prüfung im Fach Erdkunde. Davon wird sie ihren Schwimmkolleginnen nun ausführlich berichten, wenn sich Deutschlands Beste ab Donnerstag in Berlin zu den nationalen Meisterschaften versammeln. „Ich bin keine, die sich abschottet“, sagt Kullmann. Wenn andere sich in den Tunnel zurückziehen, sich einen Kopfhörer aufsetzen und niemanden mehr an sich heranlassen, steht sie am liebsten noch mit ihren Freunden zusammen und quatscht. Am liebsten bis kurz vor dem Rennen.

Es ist diese Lockerheit, die Kullmann auszeichnet. Das war schon so, als sie vor acht Jahren in den USA mit dem Schwimmsport begann. Ihre Eltern waren damals der Meinung, sie bräuchte einen Ausgleich zur Schule, und Schwimmen war der einzige Sport, der für ihre Altersgruppe angeboten wurde. Kullmann war fasziniert, mit wie viel Leidenschaft und Spaß schon die jüngsten Athleten ihre Bahnen zogen. „Training war dort nichts, was man machen muss, sondern will“, erinnert sie sich.

Spiele in Rio sorgen für viel Motivation

Diese Einstellung hat sich die Sportlerin der SG Neukölln bis heute bewahrt. Auch wenn es selbst ihr im Winter manchmal schwerfällt beim Training, wenn nur wenig Tageslicht in die Schwimmhalle fällt. Die Berlinerin ist deshalb ganz froh, dass die Deutschen Meisterschaften in diesem Jahr etwas später stattfinden als sonst. „Ich brauche immer eine Weile, bis ich in Fahrt komme. Wenn die Tage wieder länger werden und die Sonne am Morgen in die Halle scheint, fällt mir das Training gleich viel leichter.“ Aber jetzt ist die Form da: Bei den Jahrgangsmeisterschaften siegte sie vor Kurzem bei vier Starts vier Mal – über 100, 200, 400 und 800 Meter Freistil. Die Zeiten: „Okay bis gut“, so Kullmann.

Bei den Titelkämpfen des Nachwuchses spielte sie die Hauptrolle: Als Teenager, der sich im Vorjahr mit 16 den Traum von Olympia erfüllt hatte. Als jüngste deutsche Schwimmerin war sie dabei. Mit der 4x200-Meter-Freistilstaffel schied sie dort im Vorlauf aus, am Ende wurde Deutschland Zwölfter. Doch Olympia war für Leonie Kullmann mehr, als diese Zahlen beschreiben können. „Früher habe ich immer gedacht, dass eine Olympiateilnahme das Größte ist, dass man danach eigentlich auch aufhören könnte, weil man im Sport nicht mehr erreichen kann“, sagt sie. Doch als sie sich in Rio zwischen all den Schwimmstars wiederfand, habe sie realisiert, „dass es das noch nicht gewesen sein kann. Ich habe gesehen, was ich alles noch besser machen kann. Das war eine riesige Motivation für die nächsten vier Jahre.“

Mehr Fokus auf die Kraft

Zusammen mit ihrem Trainer Alexander Römisch setzt sie seither vermehrt auf kürzere und schnellere Einheiten; zudem legt sie wie alle DSV-Schwimmer größeren Fokus auf das Krafttraining. Dass sie mit Römisch weiter zusammenarbeiten kann, ist für Kullmann wichtig. Sein Vertrag lief aus, es war lange Zeit offen, ob er verlängert wird. „Keiner kennt mich so gut wie er“, sagt sie. Manchmal kann ich selbst nicht genau einschätzen, wozu mein Körper in der Lage ist. Aber er weiß immer ganz genau, was gut für mich ist.“

Bei den Deutschen Meisterschaften will sie mit seiner Hilfe nun erstmals einen Titel gewinnen. Denn obwohl Kullmann bereits bei Olympischen Spielen startete: Deutsche Meisterin bei den Erwachsenen war sie noch nie. In Berlin startet sie in drei Einzelwettbewerben und mit der Neuköllner Lagenstaffel. Am wichtigsten sind die 400 und die 200 Meter Freistil am Donnerstag beziehungsweise Freitag – dort will sich die gebürtige Dresdnerin jeweils für die WM im Juli in Budapest qualifizieren.

Leichtere Norm für U23-Athleten

Anders als ihre ärgsten Konkurrentinnen – über 200 Meter sind das vor allem Annika Bruhn und Johanna Friedrich, über die doppelt so lange Distanz Sarah Köhler, Leonie Beck und Reva Foos – muss sie nur eine leichtere Norm für U23-Athleten erfüllen, um den Sprung ins WM-Team zu schaffen. Es ist das erste Mal, dass der Deutsche Schwimm-Verband eine solche Regelung eingeführt hat. „Das kommt mir natürlich sehr entgegen“, sagt Leonie Kullmann.

Doch für sie zählt nur der Titel. Auch wenn sie es nicht offen so sagt: Platz drei wie im Vorjahr wäre dieses Mal wohl eine Enttäuschung. „Ich bin nicht mehr die Kleine“, sagt sie. Hinzu kommt, dass sie nicht weiß, wann sie das nächste Mal an einer Deutschen Meisterschaft teilnehmen wird. Mitte August zieht es Kullmann in die USA. Sie wird nach Alabama gehen, wo sie als Kind schon mit ihren Eltern gelebt hatte, und dort für vier Jahre an der University of Alabama studieren, Architektur und Ingenieurswesen. In Amerika wird sie mit dem Hochschulteam trainieren und Wettkämpfe bestreiten, im Sommer will sie dann auch in Deutschland starten. Man darf davon ausgehen, dass sie auch dann wieder viel zu erzählen haben wird.