Bundesliga

Schalke ist wieder Schalke – Trainer Weinzierl muss gehen

Schalke-Manager Christian Heidel hatte Kontinuität zum höchsten Gut erklärt. Nun entlässt er nach einem Jahr Trainer Markus Weinzierl.

Foto: Lukas Schulze / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Es sollte nur ein Scherz sein. Die Wohnungssuche sei schwierig, hatte Markus Weinzierl bei seiner Vorstellung als Trainer von Schalke 04 erzählt, er habe schon Absagen bekommen, weil „die einen langfristigen Mieter wollten“. Nun, nur ein Jahr später, erweist sich der gelungene Einstands-Gag als traurige Schlusspointe. Wie der Klub am Freitagnachmittag bekannt gab, wurde der 42-Jährige mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Schalke verabschiedet mit Weinzierl den vierten Trainer in drei Jahren – und macht sich zunehmend zur Lachnummer der Liga.

Gemeinsam mit Heidel galt Weinzierl im Sommer 2016 als großer Hoffnungsträger bei Königsblau, konnte die in ihn gesetzten Erwartungen jedoch nie erfüllen. Mit fünf Niederlagen in Folge verantwortete er Schalkes schlechtesten Saisonstart aller Zeiten, landete im Ziel auf Rang zehn. Am Europapokal rauschten Weinzierl und sein Team klar vorbei – das hatte es in Gelsenkirchen zuletzt vor sieben Jahre gegeben.

Neues Personal, alte Probleme

Lange hatte Heidel seinem „Wunschtrainer“ den Rücken gestärkt und Kontinuität gepredigt, zuletzt aber klare Kritik formuliert. „Die Entwicklung hat überall stattgefunden, nur nicht auf dem Spielfeld“, sagte der Sportvorstand bei seiner Saisonanalyse – er habe ein „klares Konzept“ vermisst.

Tatsächlich war es Weinzierl nie gelungen, seiner Elf eine erkennbare Spielidee zu vermitteln. Erfolgserlebnisse blieben die Ausnahme, dabei konnte Weinzierl in einer für Schalker Verhältnisse ruhigen Atmosphäre arbeiten. Das sonst so kritische Umfeld hielt trotz der sportlich prekären Lage die Füße still, selbst der mächtige Aufsichtsratschef Clemens Tönnies verkniff sich Kritik.

Schlussendlich aber lässt sich die Bilanz des Duos Heidel/Weinzierl knapp zusammenfassen: neues Personal, alte Probleme. Seit dem Ende der Erfolgs-Ära unter „Jahrhundertcoach“ Huub Stevens hat Schalke in 15 Jahren 19 Trainer verschlissen.

Aue-Coach Domenico Tedesco (31) wird als Nachfolger gehandelt

Wer der nächste wird? Dazu wollte sich am Freitag zunächst kein Verantwortlicher äußern. Am frühen Abend bestätigte Schalke dann, was die Funke-Mediengruppe bereits berichtet hatte: Es wird ein Newcomer auf der Trainerbühne – der Deutsch-Italiener Domenico Tedesco, erst 31 Jahre alt und bislang in Diensten des Zweitligisten Erzgebirge Aue.

Die Verantwortung einem jungen, unerfahrenen Coach ohne imposante Profi-Karriere zu übergeben, ist ein mutiger Schritt, entspricht aber dem Zeitgeist. Erfolgsstorys dieser Art gab es in jüngerer Vergangenheit häufiger, etwa in Person von Bremens Alexander Nouri (37) oder Hoffenheims Julian Nagelsmann (29). Mit beiden absolvierte Tedesco – der als Jugendtrainer beim VfB Stuttgart und in Hoffenheim arbeitete – 2016 die Ausbildung zum Fußballlehrer und schnitt dabei als Jahrgangsbester ab (Note 1,0). Mit Nagelsmann bildete er eine Fahrgemeinschaft.

Viel bildet sich Tedesco darauf nicht ein. „Ich weiß das einzuschätzen“, sagt er, „die beste Note ist nicht immer der beste Trainer.“ Seine Erfolge in der Praxis lassen jedoch vermuten, dass er sein Handwerk bestens beherrscht. Nachdem er Aue Ende März als abgeschlagenen Tabellenletzten übernommen hatte, führte er die Sachsen mit sechs Siegen in elf Spielen zum Klassenerhalt.

Im Trainerlehrgang besser als Julian Nagelsmann

Anders als bei Weinzierl war eine Handschrift stets zu erkennen. „Wir haben immer offensiv gespielt“, sagt Torjäger Dimitrij Nazarov: „Der Trainer zieht seinen Plan brutal durch, egal gegen wen. Es macht einfach jedem Fußballer Spaß, unter ihm zu spielen.“ Nur soll er nach dem einen Bergarbeiter-Klub den nächsten aufpäppeln.

Zuzutrauen wäre es ihm. Tedesco gilt als herausragendes Trainertalent. In Aue bat der penible Analytiker und Taktik-Freak bis zu dreimal pro Woche zu Videoanalyse, wurde aus Spielerkreisen aber auch für seinen kommunikativen Führungsstil gelobt. Neben Deutsch und Italienisch spricht er auch Englisch und Spanisch. Nicht die einzigen Qualitäten, mit denen er sich von anderen Trainern unterscheidet. Nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann hat Tedesco auch einen Masterstudiengang in Innovationsmanagement absolviert.

In Aue hatte Tedesco einen Vertrag bis 2018, eine Ausstiegsklausel ermöglichte jedoch die Auflösung des Arbeitspapiers. Dem Vernehmen nach erhält Aue eine sechsstellige Ablösesumme für den Trainer.

Leverkusen holt Ex-Stürmer Heiko Herrlich als Coach

In Leverkusen, wo Tedesco ebenfalls als Kandidat galt, waren schon am Freitagmittag Tatsachen verkündet worden. Der Werksklub präsentierte einen alter Bekannten: Heiko Herrlich (45), der Jahn Regensburg zuletzt von der vierten in die zweite Liga geführt hatte. Von 1989 bis 1993 war Herrlich für Leverkusen als Stürmer aufgelaufen und gewann in seinem letzten Jahr unterm Bayer-Kreuz den DFB-Pokal. „Es fühlt sich ein bisschen an, wie nach Hause zu kommen“, sagte Herrlich, „den Zeugwart, der heute 82 ist, kenne ich schon von früher.“

Sportdirektor Rudi Völler lobte die Überraschungslösung Herrlich als „Trainer, der brennt“, aggressiven Fußball spielen lässt und „Spieler weiterentwickeln wird“. Das letzte Jahr, das Bayer auf einem mehr als enttäuschenden zwölften Platz beendet hatte, sei ein Ausrutscher gewesen, sagte Völler – „unser Ziel ist ganz klar, wieder international dabei zu sein.“ Sätze, die so oder ähnlich auch von seinem Schalker Kollegen Heidel zu erwarten sind.

Ob sich Ex-Profi Herrlich oder Youngster Tedesco als die bessere Wahl erweist, wird sich zeigen. „Ein Trainer muss nicht gut Fußball gespielt haben, um das Geschäft zu verstehen“, sagte Heidel – 2016 bei seiner Vorstellung als Sportvorstand. Kein Scherz.