Mitgliederversammlung

Hertha in der Vertrauenskrise

Machtdemonstration der unfreundlichen Art: Warum die Hertha-Mitglieder gegen Präsidium und Aufsichtsrat stimmten

Hertha-Präsident Werner Gegenbauer (l.) und Christian Gaebler (SPD), Berliner Staatssekretär für Inneres und Sport

Hertha-Präsident Werner Gegenbauer (l.) und Christian Gaebler (SPD), Berliner Staatssekretär für Inneres und Sport

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin.  18.000 Anhänger hatten auf der Internetseite von Hertha BSC ab­gestimmt. Als Michael Preetz das Resultat des Votums verkündete, in welchem Traditionstrikot Hertha am 29. Juli das Jubiläumsspiel gegen den FC Liverpool bestreitet, rührte sich bei der Mitgliederversammlung – keine einzige Hand. Ähnlich war es, als Präsidiumsmitglied Christian Wolter zum Stand bei der Aktien-Zeichnung für das 1886 erbaute Hertha-Schiff sagte: „Das ist ein großer Erfolg.“ Die Reaktion im Saal: Stille. Abgesehen davon, dass die heute endende Zeichnungsfrist ergibt, dass nur rund 35 Prozent der 3659 Aktien verkauft werden konnten, zeigte die Mitglieder­versammlung im CityCube am Messedamm eines deutlich: Es gibt ein ­Vertrauensproblem bei Hertha.

So macht der Verein den Anhängern sehr verschiedene Angebote: Mit dem Jubiläumstrikot, dem Liverpool-Spiel, den Aktivitäten in der Woche des 125. Geburtstages oder dem Engagement der Präsidiumsmitglieder Ingmar Pering und Wolter für den Hertha-Dampfer versucht Hertha, die Sehnsucht nach Tradition zu bedienen. Doch die Angebote zünden nicht recht. Schlimmer noch: Es herrscht bei Teilen der Fans Misstrauen gegen alles, was von offizieller Hertha-Seite kommt.

Das diffuse Gefühl des Unbehagens

Es gibt grundsätzlich unter Anhängern in Deutschland ein diffuses Gefühl des Unbehagens über die Entwicklungen des Kommerzfußballs. Bei Hertha bündelte sich dieses Unbehagen in jener Empfehlung, die nach einer erregten Diskussion eine klare Mehrheit unter den anwesenden 1560 Mitgliedern fand: „Hertha gehört nach Berlin. Spielstätte in Brandenburg ausschließen.“

Das war eine Machtdemonstration der unfreundlichen Art. Weil in der aggressiv geführten Debatte die Antragssteller sich in eine Konfrontation gegen Präsidium/Aufsichtsrat manövrierten. Dabei haben alle Beteiligten, ob Fan in der Ostkurve oder Präsident Werner Gegenbauer, das identische Ziel: in der Stadionfrage eine Lösung im Olympiapark zu ­finden. „Wir sollten uns aber die Alternative nicht aus der Hand schlagen“, warb Präsident Werner Gegenbauer.

Die Alternative Brandenburg ist vom Tisch

Die Antragsteller pochten jedoch darauf, dass nur ihre Meinung zu akzeptieren sei. Wer anders argumentierte, wurde ausgepfiffen oder niedergebuht. Versammlungsleiter Dirk Lentfer rügte das schlechte Benehmen: „Auf einer Mitgliederversammlung zeigt ein Verein immer auch sein demokratisches Selbstverständnis.“ Eine so unangenehm aufgeladene Stimmung hatte es selbst in den Abstiegsjahren 2010 und 2012 nicht auf den Mitgliederversammlungen gegeben.

Christian Gaebler, im Berliner Senat der für Sport zuständige Staatssekretär der SPD, Hertha-Mitglied und im CityCube dabei, wird beruhigt nach Hause gegangen sein. Das Resultat der Mitglieder-Empfehlung: Damit ist die Standort-Alternative Ludwigsfelde für Hertha vom Tisch. Die Verhandlungsposition von Hertha ­ist geschwächt, die des ­Senats haben die Mitglieder gestärkt. Die Standort-Frage ist aber nur das Ventil für ein tiefer sitzendes Unbehagen.

Das Problem mit dem 125. Geburtstag

Es herrscht unter ­Teilen der Fans Misstrauen gegen „die da oben auf dem Podium“. Ein anderer Grund, der für Verdruss gesorgt hat, ist das ungeschickte Agieren von Hertha bei der Organisation des Jubiläums im Juli. Die Fans wollten etwas Tolles mitgestalten. Es war gar nicht klar, was genau. Aber sie fühlten sich überfahren und außen vor gelassen, als Hertha im vergangenen November die Planungen bekannt gab: das Komitee, die Ausstellung, der Empfang, das Jubiläumsspiel – alles vorgesehen. Nur keine Fans mit eingebunden.

Dieses Thema kam hinzu zu einer Gemengelage, in der bereits die Unzufriedenheit über das Ausweichtrikot gärte, über das englischsprachige Motto („We try. We fail. We win“) oder über die digitale Offensive.

Auch wenn einzelne Fan-Gruppen im vergangenen Dezember den Dialog mit der Klubführung ab­gebrochen haben: Um die Vertrauenskrise zu beenden, muss bei Hertha mehr ­geredet werden – miteinander.