Beachvolleyball

Voll in den Sand gesetzt: Eine Sportart verpasst ihren Boom

Bei den Olympischen Spielen in Rio war Beachvolleyball der größte Hit, doch zu einem Boom kommt es im Jahr danach nicht – im Gegenteil.

Olympiasiegerinnen in Aktion: Kira Walkenhorst (l.) und Laura Ludwig beim Saisonauftakt in Münster

Olympiasiegerinnen in Aktion: Kira Walkenhorst (l.) und Laura Ludwig beim Saisonauftakt in Münster

Foto: Joern Pollex / dpa

Rio/Berlin.  Das 12.000 Zuschauer fassende Stadion am Strand von Copacabana war proppevoll an diesem Abend im August. Die Menge tobte und am Ende hielten zwei deutsche Beachvolleyballspielerinnen strahlend ihre Goldmedaille in die Kameras. Es war einer der Höhepunkte dieser Spiele.

Dieser Tage sind die Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst nun zurückgekehrt, aber nicht an die Copacabana, sondern in ein Tennisstadion. Hier findet das mit 150.000 US Dollar dotierte Vier-Sterne-Turnier der Weltserie statt. In Rio, das mit Ipanema und der Copacabana über die berühmtesten Ballsport-Strände verfügt, hätte es passendere Austragungsorte gegeben, aber neun Monate nach Olympia müssen die Athleten froh sein, wenn Turniere überhaupt noch stattfinden.

Der Weltverband FIVB strich bereits das für Juni geplante Fünf-Sterne-Turnier in Rom. Das Hamburg Major im August wurde zum Weltserienfinale hochgestuft, weil sich kein weiterer Ausrichter fand. Auch das von Mai in den September offiziell nur verlegte Turnier in Luzern (Schweiz) steht vor dem Aus.

Bei Olympia noch Quoten-Hit

"Wir müssen unbedingt Punkte für die WM Ende Juli sammeln", klagt der Berliner Jonathan Erdmann. "Wie sollen wir uns qualifizieren, wenn es davor kaum noch Turniere gibt?" Als Grund für die Absagen gibt Angelo Squeo, Direktor des FIVB Events New Business Department "finanzielle Probleme der Promoter" an. Die gebürtige Berlinerin Chantal Laboureur versteht die Entwicklung nicht. "Beachvolleyball ist doch eine aufstrebende Sportart", wundert sich die Weltranglistendritte.

Denn Volleyball in Sand und Halle war weltweit meistgesehene Sportart bei den Sommerspielen im Vorjahr, da die Sportart ihr Ergebnis gegenüber London 2012 verdoppelte. In Deutschland sahen 8,55 Millionen das Halbfinale von Ludwig/Walkenhorst im Fernsehen – der Topwert dieser Spiele. "Doch irgendwie ist daraus kein Mehrwert geschaffen worden", beklagt Erdmann.

Im Gegenteil! Seither entwickelt sich die Weltserie rückläufig. Statt aus 21 Turnieren wie im Vorjahr, besteht sie aktuell aus 19, was zu verschmerzen wäre, wären von der FIVB nicht gleichzeitig Teilnehmerfelder und damit die Anzahl der Spiele gekürzt worden. "Die kleinere Qualifikation bereitet uns großes Kopfzerbrechen, wie wir unsere Spieler zu den großen Turnieren bekommen sollen", sagt Männer-Bundestrainer Martin Olejnak.

Weniger Top-Turniere, weniger Preisgeld

Und selbst für Ludwig/Walkenhorst, die als Topstars stets im Hauptfeld gesetzt sind (und in der Einzelvermarktung inzwischen gut verdienen), haben sich die Bedingungen im Sand nach der Olympia-Euphorie keinesfalls verbessert: In der Vorsaison schmückten noch acht Turniere der höchsten Kategorie mit einem Preisgeld von 400.000 US Dollar den Turnierkalender, in dieser Saison sind es nur noch drei – die zudem nur noch mit jeweils 300.000 Dollar dotiert sind.

Dahinter folgt mit Vier-Sterne-Events wie dem in Rio schon eine große Abstufung auf 150.000 Dollar. "Das ist eine erschreckende Tendenz", findet Erdmann. "Wir haben in Rio etwas Tolles geschafft als Sportart, es kann ja nicht sein, dass uns direkt im Folgejahr das Preisgeld gekürzt wird." Der Grund ist schnell gefunden: Bisher zahlte die FIVB Teile des Preisgeldes selbst, seit dieser Saison ist das komplett den Turnierausrichtern überlassen. Auf Nachfrage dieser Zeitung gab es dazu keine Rückmeldung.

FIVB-Präsident Ary Graca wurde gerade in die Marketingkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt, seine Eignung ist anzuzweifeln angesichts der Entscheidungen des Brasilianers, die nicht zur Weiterentwicklung des Sports beitragen und den Sportlern mehr finanzielles Risiko übertragen.

Der neue Single-out-Modus wird in Rio wieder geändert

Zumindest das einfache K.o.-System, das der Weltverband zu Saisonbeginn einführte und manche Spieler damit nur für ein 35-minütiges Spiel um den halben Globus hetzte (zuvor waren dank Gruppenphase immer vier Spiele sicher), wurde jetzt gekippt. In Rio wird wieder mit einer modifizierten Gruppenphase gespielt, die jetzt auch für die kommenden Turniere in Moskau und Den Haag fixiert wurde.

Bleibt das monetäre Problem der Athleten. "Wir haben bei unseren Partnern große Einschnitte", berichtet Erdmann. Und auch die deutsche Beachvolleyball-Tour steht unter Druck. In Münster feierte der Veranstalter zwar gerade das bestbesetzte Turnier aller Zeiten, weil auch ausländische Stars mangels Alternativen im Turnierkalender zum Saisonstart anreisten. "In Zukunft werden die aber auch Probleme bekommen", glaubt Erdmann.

Hauptsponsor Smart will sich nach diesem Sommer zurückziehen und auch vom Bezahlsender Sky, der 2013 nach dem Olympiasieg von Julius Brink/Jonas Reckermann in die Vermarktung einstieg, war bislang keine Zusage zur Fortsetzung zu bekommen. "Wir sind in Gesprächen", heißt es aus Unterföhring. Ein Bekenntnis zum Beachvolleyball klingt anders.

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