Champions League

Nach der Niederlage gegen Real platzt Bayern vor Wut

Nach der dramatischen Viertelfinal-Niederlagebei Real Madrid dreht sich alles um den schwachen Schiedsrichter Kassai.

Eine von diversen Fehlentscheidungen: Schiedsrichter Viktor Kassai zückt die Rote Karte für Bayern-Star Arturo Vidal (l.)

Eine von diversen Fehlentscheidungen: Schiedsrichter Viktor Kassai zückt die Rote Karte für Bayern-Star Arturo Vidal (l.)

Foto: Bongarts/Getty

Madrid. Eine Nacht drüber schlafen. Hilft diesmal nicht. Vor allem, wenn man kaum ein Auge zugetan hat wie wohl alle Bayern-Profis und Verantwortlichen nach dem 2:4 n.V. bei Real Madrid. Die Bilder des Abends, dieser monumentalen Fußball-Schlacht über 120 Minuten im Champions-League-Viertelfinale waren noch zu präsent. Gedankenblitze hämmerten durch den Kopf, Szenen des Spiels flackerten vor dem inneren Auge. Eine emotionale Kurzreise durch das Erlebte. Dieser Viktor Kassai! Die zwei Abseitstore! Dieser verdammte, weil verdammt gute Cristiano Ronaldo! Diese Gelb-Rote Karte für Arturo Vidal! Der Untergang in Unterzahl mit fliegenden Fahnen, den drei Gegentoren in der zweiten Hälfte der Verlängerung binnen sieben Minuten. Was wäre gewesen, wenn?

Sehr dicht dran waren die Bayern am Halbfinal-Einzug, am Wunder, am Heldenstatus. Stattdessen: Enttäuschung. Verbitterung. Ohnmacht. Der Schuldige war schnell ausgemacht und an den Pranger gestellt. "Ich habe zum ersten Mal so etwas wie wahnsinnige Wut in mir", sprach Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge mit der Faust in der Tasche und ließ Diplomatie einfach Diplomatie sein. "Weil wir beschissen wurden, im wahrsten Sinne des Wortes", schimpfte er während seiner Rede vor den Vip-Fans und Sponsoren auf dem nach-mitternächtlichen Bankett. Das Auditorium im Hotel Gran Meliá Palacio de los Duques von Madrid applaudierte. Ein Verein in der Opferrolle. Verpfiffen.

Karl-Heinz Rummenigge:"Wir wurden beschissen"

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Nach einem gewonnenen Finale, dem 2:0 gegen Borussia Dortmund im Mai 2014 im DFB-Pokal – damals hatte Schiedsrichter Florian Meyer ein klares BVB-Tor nicht anerkannt –, sagte Rummenigge noch: "Es ist unerträglich, in welchem Maß die Unparteiischen, die nicht auf Wiederholungen, Zeitlupen und sogar mathematische Berechnungen zurückgreifen können, öffentlich an den ­Pranger gestellt werden. Dies kann und sollte künftig verhindert werden."

Davon war keine Rede mehr. Der Zorn richtete sich gegen Schiedsrichter Viktor Kassai (41). Der Ungar hatte offenbar schon kurz nach dem Abpfiff diverse Beschimpfungen ertragen müssen. Robert Lewandowski, Thiago und Arturo Vidal sollen laut spanischen Medienberichten versucht haben, in die Schiedsrichter-Kabine zu gelangen. Dies bestreitet der FC Bayern jedoch energisch. Der Klub ­kündigte Klagen an gegen jene spanischen Medien, die Entsprechendes behauptet haben. Dass die Vorfälle so wie geschildert wohl nicht stattgefunden haben, stützt eine Uefa-Mitteilung vom Mittwoch. Dort heißt es, dass nach dem Spiel keine disziplinarischen Verfahren eingeleitet worden seien.

"In Trümmern" hätte er die Mannschaft in deren Kabine vorgefunden, berichtete Rummenigge – was mit dem körperlichen Abnutzungskampf und den seelischen Wunden nach der "unglücklichen, unverdienten, bitteren Niederlage" zu tun hatte, so der Bayern-Boss. Manuel Neuer etwa wurde wegen eines gegen Ende der Verlängerung erlittenen Fußbruches behandelt, der Torwart wird rund acht Wochen ausfallen, seine Saison ist beendet. Mats Hummels und Jérome Boateng, zuvor verletzt, hatten angeschlagen bravourös durchgehalten, nun kamen die Schmerzen zurück. Aber das ist nichts gegen die seelische Pein. "Die Gelb-Rote Karte war ein Killer. Es war nicht einmal ein Foul von Vidal, geschweige eine Karte", ereiferte sich Rummenigge. Zwei umstrittene Treffer aus Abseitsposition von Cristiano Ronaldo taten ihr Übriges zur bayerischen Wutfußballer-Stimmung.

"Solch ein Diebstahl kann in der Champions League nicht passieren. Es war offensichtlich, und es lässt dich am Spiel zweifeln", sagte Vidal. Dabei war er es gewesen, der im Hinspiel (1:2) nach seinem Führungstreffer das mögliche 2:0 per Elfmeter vergeben hatte. Vor einer Woche in München, als die Bayern das Weiterkommen eigentlich vermasselten, hatte ein (berechtigtes) Gelb-Rot für Javi Martínez Real in die Karten gespielt.

Ganz abgesehen davon, dass der viel zu ungestüme und Platzverweis-gefährdete Vidal von Trainer Carlo Ancelotti hätte ausgewechselt werden müssen. Stattdessen nahm der Italiener Xabi Alonso vom Feld (74.) – neun Minuten später flog Vidal. Vercoacht? "Good job", raunte Trainer Ancelotti nach Abpfiff Schiesrichter Kassai zu und forderte die Einführung des Videobeweises. Letzteres ist sicher sinnvoll. Es hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, dass die Tagesform eines Schiedsrichters im Millionen-Business Champions League entscheidet: über das Weiterkommen von Klubs, die wie Konzerne wirtschaften. Und über Profis, die wie Kinder von Titeln träumen.

Was die Bayern über­sahen

Was die Bayern allerdings über­sahen: Lewandowski, der per Foul­elfmeter das 1:0 erzielt hatte, stand vor dem Eigentor von Sergio Ramos zum 2:1 im aktiven Abseits. Es hätte also gar nicht zur Verlängerung kommen dürfen. In dieser fielen die Abseitstore von Ronaldo. Der Schiedsrichter habe "extrem eingegriffen und das Ergebnis beeinflusst", meinte Thomas Müller. Frank Ribéry schrieb beim Fotodienst Insta­gram: "Ein Jahr harte Arbeit, Danke Schiri bravoooo."

Erstmals seit 2011 ist Bayern vor dem Halbfinale gescheitert, zum vierten Mal seit dem Henkelpott-Triumph 2013 an einer spanischen Mannschaft (Real, Barcelona, Atlético, nun wieder Real). Nun bleibt dem Fast-schon-Meister die Chance auf das Double. Kommenden Mittwoch steht das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Dortmund an. "Wir haben eine tolle Mannschaft mit tollem Charakter", betonte Rummenigge. Stolz und Trotz könnten letzte Energie­bringer im Saisonendspurt sein.

Protest hat die Bayern-Vereinsführung eingelegt gegen das extreme Vorgehen von spanischen Polizisten im Gästeblock der Münchener Fans. Die Bayern verurteilten die "teilweise heftigen Attacken" der Einsatzkräfte als "völlig deplatziert und maßlos".

Zudem will der Klub eine Erklärung über die Vorgänge von der spanischen Polizei einfordern. Augenzeugen zufolge stürmte die Polizei den Auswärtsblock und entfernte dort ein Banner. Daraufhin wurden die Polizisten von einigen Fans angegriffen, was sie wiederum mit Prügeln beantworteten. Auch Blut soll geflossen sein.

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