Madrid

Auf den Spuren von Legende Di Stéfano

Weltfußballer Ronaldo entwickelt sich im Herbst seiner Karriere bei Real Madrid zum Mittelstürmer

Madrid. Vor dem Verlassen des Stadions posierte Cristiano Ronaldo noch für Fotos und hängte sich eine Kette über das Jeanshemd, wer weiß, ob Geschenk oder Glücksbringer. Er hat in solchen Momenten immer noch etwas Jungenhaftes, auch mit 32 Jahren. Dann ging es hinaus in die Nacht, in eine warme, aufgewühlte, glorreiche Nacht. Überall rund um das Estadio Santiago Bernabeu sangen sie seinen Namen.

Real Madrid akklamierte seinen König. Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro. 395 Tore in 386 Spielen für den Verein. Fünf Tore in einem Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Bayern: Drei Treffer im Rückspiel, zum erleichternden 1:1, zum erlösenden 2:2, zum beruhigenden 3:2. Insgesamt jetzt 103 Champions-League-Tore, Rekord, davon 32 ab dem Viertelfinale, wie zuvor nur Alfredo Di Stéfano, die größte ­Legende des Madridismus. Bis zu ihm.

Bis zu ihm? "Ich verlange keinen Straßennamen", sagte Cristiano Ronaldo: "Ich bin zufrieden, wenn die Leute nicht mehr pfeifen." Ein bisschen augenzwinkernd war das gemeint, aber auch unironisch. Die Leute hatten gegrummelt, als er in der ersten Hälfte einen Konter verschludert hatte. Auch 1000 Tore würden vor dem wohl anspruchsvollsten Publikum der Welt nicht über einen Stockfehler hinwegretten. Selbst er sei als Spieler im Bernabeu ausgepfiffen worden, erinnert Trainer Zinédine ­Zidane immer wieder seine Schützlinge. Man weiß nicht, ob Ronaldo seine Torquoten auch in einem Verein so weit nach oben treiben würde, dessen Zuschauer ihre Helden so devot begleiten wie Barcelona etwa Lionel Messi. Womöglich nicht. Womöglich ist dieser permanente Beweisdruck das, was Ronaldo braucht. Allein gegen Feind und manchmal sogar Freund.

Herausfordernd blickte er das Publikum an. Als die Fans ihn längst feierten, verweigerte er jede Verbrüderungsgeste. Die Bayern werden noch bis ans Ende dieser Tage über Schiedsrichter Viktor Kassai fluchen. Letztlich sind sie gescheitert an Ronaldos Rebellentum, an seiner Auflehnung gegen das ­Offenkundige.

Zu dem gehört, dass er einige seiner einstigen Qualitäten verloren hat. In Minute 36 startete Ronaldo mit beachtlichem Vorsprung aus der eigenen Hälfte – und wurde eingeholt. Spätestens jetzt sah das Weltpublikum, was für Beobachter der Primera Division länger bekannt ist: Schnelligkeit, Explosivität und Dribbelstärke, seine einstigen Kerntugenden, sind weg. Ronaldo ist kein Flügelstürmer mehr.

Im Herbst seiner Laufbahn wandelt sich der vierfache Weltfußballer zum klassischen Mittelstürmer. Alle fünf Tore gegen die Bayern erzielte er aus dem Strafraum. Zeitweise hatte das Viertelfinale etwas von einem Privatduell zwischen ihm und Manuel Neuer. Bis zur Pause in Madrid wirkte Ronaldo nach Neuers sensationellen Paraden des Hinspiels so verunsichert, dass er seine Schüsse wie mit der Schrotflinte verstreute, blind und ziellos. Doch am Ende der 120 Minuten hatte Ronaldo Neuer dreimal bezwungen. "Wenn er da sein muss, ist er da", sagte Zidane.

Der König ist tot, es lebe der König. Und es ist immer noch derselbe.

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